Im Zwielicht

Thomas Middelhoff - im Visier der Staatsanwaltschaft

Hat er sich selbst bereichert und damit seinem früheren Arbeitgeber geschadet? Die Justiz ermittelt wegen komplexer Immobiliengeschäfte, der Top-Manager schweigt.

Hamburg. Komplexe Finanzgeschäfte waren so etwas wie ein Markenzeichen von Thomas Middelhoff in seiner Karriere als Top-Manager. Doch ausgerechnet ein privates Geschäft dieser Art bringt den früheren Arcandor-Chef nun in Bedrängnis. Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen gegen ihn aufgenommen - wegen des Verdachts der Untreue gegen den Handelskonzern. Der Vorwurf, der den Untersuchungen zugrunde liegt: Middelhoffs privates Investment habe zu einem Interessenkonflikt geführt und dem Unternehmen womöglich geschadet.

Die Geschichte dieser Angelegenheit reicht zurück in eine Zeit, als Arcandor noch KarstadtQuelle hieß und Middelhoff noch gar keine Verbindung zu der Firma hatte: Im Jahr 2002 erhält er als Chef des Gütersloher Medienriesen Bertelsmann einen hohen Bonus, nachdem er dem Konzern mit dem Verkauf der Anteile am Online-Dienst AOL Europe für 7,5 Milliarden Euro einen immensen Gewinn beschert hat. Middelhoff muss nicht lange nach einer Möglichkeit suchen, sein Geld wieder zu investieren. Zusammen mit seiner Frau Cornelie, einer Architektin, steckt er einen Millionenbetrag in vier Immobilienfonds, die von der Privatbank Sal. Oppenheim und dem Troisdorfer Projektentwickler Josef Esch aufgelegt wurden - Esch soll zu diesem Zeitpunkt Middelhoffs persönlicher Vermögensverwalter gewesen sein. Kurze Zeit später überwirft sich der Bertelsmann-Chef mit der Eignerfamilie Mohn und wechselt als Leiter des Europa-Geschäfts zur Londoner Beteiligungsgesellschaft Investcorp.

Die Häuser in den Oppenheim-Esch-Fonds sind frühere Karstadt-Immobilien, die der damalige KarstadtQuelle-Vorstandsvorsitzende Wolfgang Urban - angeblich privat ein Oppenheim-Kunde - kurz zuvor verkauft und von den Fonds für 20 Jahre zurückgemietet hat. Dieses Geschäft macht Urban mit fünf Immobilien: Die Karstadt-Filialen in Karlsruhe, Wiesbaden, Potsdam, Leipzig sowie ein Teil des Oberpollinger-Hauses in München gehen jeweils an einen Fonds. Dabei soll die Miete, die das Handelsunternehmen zahlen muss, weit über dem in der Branche üblichen Niveau liegen. Als Kompensation stellt Esch dem KarstadtQuelle-Konzern eine Beteiligung an lukrativen Immobiliengeschäften in Aussicht. Für geplante Großprojekte solle das Unternehmen 100 Millionen Euro erhalten, doch nur 25 Millionen Euro fließen tatsächlich.

Im Jahr 2004 muss Urban gehen, weil die Großaktionärin Madeleine Schickedanz die Geduld mit ihm verliert. Die Quelle-Erbin holt Middelhoff zunächst als Aufsichtsratsvorsitzenden, ein Jahr später rückt er selbst auf den Chefsessel. Bei der Personalentscheidung dürften persönliche Beziehungen eine wichtige Rolle gespielt haben: Josef Esch ist Testamentsvollstrecker von Madeleine Schickedanz.

Middelhoffs Auftrag ist eindeutig - er soll den schon damals kurz vor der Pleite stehenden Warenhauskonzern retten. Doch bereits in der Hauptversammlung 2005 kommt auch seine Beteiligung an den Immobilienfonds zur Sprache, Aktionäre fragen nach einem möglichen Interessenkonflikt: Als Karstadt-Chef müsse er versuchen, niedrigere Mietzahlungen für die Häuser zu erstreiten, als Fondsanleger hingegen sei er an einem möglichst hohen Mieterlös interessiert. Middelhoff sieht darin kein Problem. Sollte sich ein Konflikt ergeben, werde für ihn das Wohlergehen des Unternehmens Vorrang haben. Zudem habe er bei seiner Berufung in den Aufsichtsrat umgehend über sein Investment informiert.

Damit ist die Angelegenheit in Middelhoffs Augen erledigt, zumal er nun an einem viel größeren Immobiliengeschäft arbeitet: In den Jahren 2007/2008 verkauft er alle übrigen Grundstücke und Gebäude der Warenhäuser für rund 4,5 Milliarden Euro und mietet sie zurück. Dies verringert zwar den Schuldenberg erheblich und ermöglicht den Ausbau der Touristik-Sparte (Thomas Cook), engt aber dafür den künftigen Handlungsspielraum stark ein - angeblich wurde eine kräftige Mieterhöhung festgeschrieben.

Nach einem steilen Absturz der Aktien des mittlerweile in Arcandor umbenannten Konzerns kann sich Middelhoff schließlich nicht mehr halten. Zum Abschied im Februar 2009 zieht er dennoch eine positive Bilanz seiner Amtszeit. Er übergebe das Unternehmen seinem Nachfolger Karl-Gerhard Eick "zwar nicht besenrein", aber "geordnet und aufgeräumt". Anfang Juni meldet Arcandor Insolvenz an.

Nun muss sich Middelhoff, der inzwischen Chairman einer gemeinsam mit dem Unternehmensberater Roland Berger und Florian Lahnstein, dem Sohn des früheren Finanzministers Manfred Lahnstein, gehaltenen Investmentgesellschaft in London ist, doch noch einmal mit der Frage seiner Verantwortung für den Niedergang von Arcandor beschäftigen. Bei den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft dürfte es aber im Kern darum gehen, ob Middelhoff die von Esch nicht gezahlten 75 Millionen Euro hätte einklagen müssen.

Aufgrund eines Schreibens von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, in dem diese eine juristische Klärung der Vorgänge anregt, hatte die Staatsanwaltschaft Essen am Montag Vorermittlungen gegen Middelhoff aufgenommen, die am Freitag in ein förmliches Ermittlungsverfahren mündeten. "Wir haben die Zuschrift der Ministerin neu bewertet und gehen nun davon aus, dass hier ein Strafverfolgungsbegehren vorliegt", sagte Oberstaatsanwältin Angelika Matthiesen dem Abendblatt. Es gebe jedoch keine neuen Erkenntnisse. "Der Beschuldigte" habe eine Stellungnahme zu den Vorwürfen angekündigt, die bis zum Freitagnachmittag noch nicht vorlag. Ein Sprecher des Managers erklärte am Freitag lediglich, Middelhoff habe damals von Gutachtern eine Klage gegen Esch prüfen lassen, man habe ihm aber davon abgeraten.