Streik für höhere Abfindungen

Callcenter von Walter Services vor der Schließung. 230 Stellen fallen weg. Arbeitsgericht setzt Einigungsstelle ein

Hamburg. Ronel Fiedler fürchtet um ihre Zukunft. Denn die 52-jährige gebürtige Südafrikanerin wird zum 31. März ihren Job verlieren. Die Callcenter-Mitarbeiterin spricht zwar mehrere Sprachen. "Aber mit meinen 52 Jahren wird es auf dem Arbeitsmarkt für mich kritisch", sagt die ausgebildete Sekretärin. "Ich bin zwar schon seit Monaten auf der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz. Aber wie ich künftig meine Miete bezahlen und meine beiden Kinder unterstützen soll, die noch in der Ausbildung sind, ist derzeit vollkommen offen."

Die alleinerziehende Mutter war gestern eine von knapp 100 Mitarbeitern des Ettlinger Callcenter-Unternehmens Walter Services, die ihrem Ärger über die geplante Schließung des Hamburger Standortes mit insgesamt 230 Beschäftigten Luft machten. Während ihres ganztägigen Streiks, zu dem die Gewerkschaft Ver.di aufgerufen hatte, warteten sie vor dem Hamburger Arbeitsgericht auf Ernst-Joachim Villis, den Personalchef des Unternehmens. Vor Gericht sollte gestern eine Einigungsstelle einberufen werden, weil Verhandlungen über einen Sozialplan im Betrieb keine Aussichten auf Erfolg erwarten ließen. Unter Vorsitz von Arbeitsrichter Holger Grote kam es zumindest dabei zu einem Kompromiss. Beide Seiten verständigten sich auf den Präsidenten des Landesarbeitsgerichtes, Helmut Nause, als Vorsitzenden der Stelle, in der auch fünf Beisitzer vertreten sein werden. Sie sollen nun versuchen, die Vorstellungen von Arbeitnehmern und Arbeitgeber über die Abwicklung des seit 1998 bestehenden Callcenters in Barmbek zusammenzubringen.

Das dürfte nicht einfach werden. Denn für den Betriebsratsvorsitzenden Jens Ulrich Harenberg liegt der bisherige Vorschlag der Arbeitgeber deutlich zu niedrig. "Walter Services bietet für jedes Jahr der Firmenzugehörigkeit 0,2 Prozent auf das Grundgehalt ohne Prämien an. Damit würde ein Mitarbeiter mit einem Stundenlohn zwischen acht und neun Euro nach drei Jahren mit 800 Euro dastehen", sagte Harenberg. Ein solches Angebot wollen die Arbeitnehmervertreter und die Gewerkschaft nicht akzeptieren.

Die Betriebsräte und Ver.di fordern dagegen auf den jeweiligen Einzelfall abgestimmte Zahlungen sowie die Einrichtung einer Transfergesellschaft. "Sie sollte für ein Jahr finanziert werden und den Betroffenen die Möglichkeit bieten, Berufsausbildungen abzuschließen und neue Qualifikationen für den Arbeitmarkt aufzubauen", sagte Peter Bremme, der zuständige Sekretär bei Ver.di Hamburg. Er hofft zudem noch darauf, dass aus der Transfergesellschaft heraus eine neue Callcenter-Gesellschaft in Hamburg gegründet und damit doch noch Arbeitsplätze gerettet werden können. Dieses Vorgehen würde auch Wirtschaftssenator Frank Horch (parteilos), der sich gestern mit den Betriebsräten zu einem Gespräch traf, unterstützen.

Hintergrund für die Schließung des Hamburger Callcenter-Standortes ist die Sanierung bei Walter Services, die erst im April von den Investmentgesellschaften H.I.G. Capital, die auch in Hamburg eine Niederlassung hat, und Anchorage übernommen worden war. Die beiden Gesellschaften halten inzwischen 95 Prozent der Anteile. Fünf Prozent liegen bei den bisherigen Eigentümern wie dem Finanzinvestor Odewald & Compagnie sowie dem früheren Vorstandschef Ralf Kogeler und einer Unternehmerfamilie.

"Das Unternehmen mit 16 deutschen Standorten und 8000 Mitarbeitern war vor der Übernahme in finanziellen Schwierigkeiten", sagte ein Firmensprecher gestern dem Abendblatt. Jetzt habe die Restrukturierung begonnen. "In der Hansestadt werden seit drei Jahren Verluste geschrieben", so der Sprecher. "Daher ist die Entscheidung für eine Schließung gefallen."