Nordseewerke in Emden

Eine Werft spürt Rückenwind: Zukunft Windenergie

Schiffe boten den Nordseewerken keine Perspektive mehr. Nun verdient das Unternehmen Geld mit Stahlbau für Windkraftwerke.

Emden. Martin Kurtenbach sieht sich seine Schweißnaht noch einmal genau an, wischt Metallreste beiseite, prüft die silbrig schimmernde Linie im Schein einer Werkstattlampe. Die Nähte sind das Entscheidende. Sie müssen das Gewicht von mehr als 1500 Tonnen Stahl und anderen Materialien später draußen auf dem Meer gegen die Gewalt der Elemente zusammenhalten, gegen Stürme, Wellen und Gezeiten. "Jede Naht wird bei der Endabnahme des Bauteils geröntgt", sagt Kurtenbach, 27. "So streng war man hier früher nur beim Bau von U-Boot-Teilen."

Seit er im Jahr 2002 eine Lehre als Schweißer begann, arbeitet Kurtenbach bei den Nordseewerken in Emden. Damals gehörte die Werft, die ein Jahrhundert Tradition im Schiffbau hatte, zum Essener Stahl- und Industriekonzern ThyssenKrupp. Inzwischen sind die Mitarbeiter, die Werkhallen und das Gelände am Emder Hafen Teil des Stahlbauunternehmens Siag Schaaf aus Dernbach in Rheinland-Pfalz. Kurtenbach und seine Kollegen schweißen heute keine Schiffe mehr zusammen, sondern Fundamente und Türme für Windkraftwerke, die später in der Nordsee und in der Ostsee stehen und von dort Strom liefern sollen.

Zwei große Entwicklungen laufen in den Hallen der Nordseewerke zusammen: Der deutsche Schiffbau sucht dringend nach Alternativen zu seinem Geschäft, das durch die gewaltige Konkurrenz aus Asien immer mehr zerdrückt wird. Und die deutsche Energiewirtschaft braucht nach dem Beschluss zum Ausstieg aus der Atomkraft sehr schnell neue Stromquellen für die Versorgung des Landes. Aus der Werft an der Emsmündung wurde im Frühjahr 2010 ein Zulieferunternehmen für die Windkraftbranche. Die Übernahme der Werft durch Siag Schaaf sicherte 650 Arbeitsplätze. Derzeit arbeiten bei den Nordseewerken rund 700 Menschen an der Zukunft der Windkraft auf See, den sogenannten Offshore-Windparks.

Früher baute die Werft sowohl Handelsschiffe wie auch U-Boote und Überwasserkriegsschiffe. Nun spielt das Militärische bei den Nordseewerken keine Rolle mehr, außer auf einem kleinen Teil der Werft, den ThyssenKrupp weiterhin für die Reparatur von Schiffen betreibt. Als das Ende des Schiffbaus im Jahr 2009 nahte, machte sich vor allem bei den älteren Werftarbeitern Trauer breit. Manche von ihnen hatten mehr als 40 Jahre lang bei den Nordseewerken gearbeitet und "alles gebaut, was schwimmt", wie man sich damals zur Aufmunterung gern zurief. Aber in der zurückliegenden Wirtschaftskrise gab ThyssenKrupp die Hoffnung auf, für den Bau von Handelsschiffen je wieder genügend Aufträge akquirieren zu können. Mit dem Bau von Marineschiffen allein ließ sich die Werft nicht auslasten. Schließen oder verkaufen, lauteten die Alternativen.

Die jüngeren Mitarbeiter sehen den Neubeginn auf der Werft pragmatisch. Obwohl mancher von ihnen selbst schon ein Veteran bei den Nordseewerken ist, so wie Roberto Di Christino, 39. Der Schweißer begann seine Ausbildung auf der Werft im Jahr 1991. In einer der Hallen steht er mit seinem Schweißgerät vor einer Röhre aus zentimeterdickem Stahl, einem Fußteil für ein Windturbinenfundament. "Die Bauteile haben sich geändert, die Ansprüche an die Qualität der Arbeit nicht", sagt Di Christino, der früher Rumpfteile für U-Boote geschweißt hat. Der wichtigste Unterschied, der ihm einfällt, ist die Gestalt der Stahlteile: "Bei den Röhren für die Windkraftwerke habe ich viel Bewegungsfreiheit, wenn ich schweiße. In den Rumpfsegmenten für U-Boote und auch für Containerschiffe war das schwieriger."

Anfangs waren die meisten Werftarbeiter skeptisch, was ihnen die Übernahme durch Siag Schaaf bringen würde. Mittlerweile können sie Ergebnisse sehen: riesige Stahlfundamente und lange Turmrohre für Windturbinen. Die Stahlprodukte, die früher aus den Nordseewerken kamen, schwimmen auf dem Meer oder unter dessen Oberfläche. Die heutigen sollen darin stehen, jahrzehntelang stabil an derselben Stelle. Es erfordert viel Sorgfalt von Ingenieuren und Arbeitern, die Konstruktionen haltbar zu machen. "Für die Nordseewerke und für Emden sind die Windparks auf dem Meer eine Chance", sagt Di Christino. "Die wollen wir nutzen."

Diese Chance fußt auf mächtigen Fundamenten. Zwei von ihnen stehen in der Halle nebenan. Sie sehen aus wie rostige Raumschiffe. Tripods heißen die gewaltigen Konstruktionen. An ihre Mittelröhren sind seitlich drei Ableger geschweißt, die jeweils wieder in einem Standbein enden. Durch diese kürzeren Rohre werden später meterdicke Riesennägel in den Meeresboden gerammt. Solche Tripods sind bis zu 60 Meter hoch, die schwersten von ihnen wiegen 900 Tonnen. Mit ihren Rundungen und Verstrebungen wirken die Konstruktionen viel komplizierter als ein Schiffsrumpf. Sie sollen die nötige Stabilität bieten, damit die Windturbinen auf ihren Türmen in bis zu 50 Meter tiefen Meeresregionen stehen können, ohne umgeblasen zu werden.

Ausgerechnet in einer Renaissance des Stahlbaus suchen die Nordseewerke ihre Zukunft. In der jüngeren Geschichte der deutschen Werften herrschte eine andere Logik: Allein die Kunst, Stahl zu verarbeiten, genügte den Schiffbauunternehmen längst nicht mehr zum Überleben - denn das konnten die asiatischen Werften billiger. Immer mehr Ingenieursleistung mussten Schiffe aus Deutschland enthalten, um am Markt bestehen zu können. Komplizierte Konstruktionen wie etwa Swath-Schiffe von Fassmer in Berne, die auf zwei Auftriebskörpern fahren, schwimmende Hotels wie die Kreuzfahrtschiffe von Meyer Papenburg oder hoch effiziente Fähren wie die Frachter von FSG in Flensburg erwiesen sich als Nische für den wirtschaftlichen Erfolg.

Stahl dominiert die Arbeit bei den Nordseewerken auch nach dem Abschied vom Schiffbau. Aber anders als früher: "Wir bauen hier etwas völlig Neues auf, eine Serienfertigung für sehr große Stahlkomponenten", ruft Christian Adamczyk, 35, der Marketingleiter von Siag Schaaf, durch die dröhnenden Hammerschläge in einer der Hallen. Nach der Übernahme verlängerte Siag Schaaf das Gebäude um 120 Meter. Die Fertigungslinie für das Biegen und Schweißen von Stahlplatten und die Verarbeitung der Röhren braucht Platz.

Seit den 1990er-Jahren sammelt Siag Schaaf Erfahrungen mit dem Bau von Stahltürmen für Windkraftwerke. Das Unternehmen ist einer der führenden Anbieter in Deutschland. Doch Windparks auf See sind etwas anderes als an Land. "Wir wollen den gesamten Stahlbau für Offshore-Windparks anbieten, Fundamente, Türme und mehrere Tausend Tonnen schwere Umspannplattformen für die Anbindung der Windturbinen an die Stromnetze", sagt Adamczyk. "Doch mit Windparks in so großen Wassertiefen wie in der deutschen Nordsee gibt es bislang noch fast keine Erfahrungen. Das hier ist so ein bisschen wie ,Jugend forscht'."

Eine Reihe von Werften hofft auf einen Boom beim Bau von Windparks in Nord- und Ostsee. Sietas in Hamburg zählt dazu oder die Nordic-Werften in Mecklenburg-Vorpommern. Sie hoffen auf neue Arbeit, die der Schiffbau nicht mehr in ausreichendem Maße bietet.

Im Foyer der Hauptverwaltung bei den Nordseewerken steht die Vergangenheit in Vitrinen: Modelle von Marineschiffen, eines Saugbaggers und eines Exemplars aus der letzten Serie von Containerschiffen, die auf der Werft gebaut wurden. "Der Markt für Offshore-Windparks steht in Deutschland noch ganz am Anfang", sagt Geschäftsführer Volker Messerschmidt, 48, in seinem Büro. Der Manager wechselte vom Baukonzern Hochtief zu Siag Schaaf, um beim Aufbau einer neuen Branche dabei zu sein. Er zeigt eine Fotomontage, auf der ein Tripod das Rathaus von Emden überragt. "Wir wollen nicht nur den Stahlbau anbieten, sondern später auch die Wartung von Offshore-Windparks übernehmen", sagt Messerschmidt. "Wir stellen Mitarbeiter ein."

Noch immer sucht ThyssenKrupp einen neuen Eigner für Blohm + Voss in Hamburg. Fast zeitgleich startete der Konzern 2009 Verkaufsgespräche für die beiden Schwesterwerften, in einem Fall erfolgreich, im anderen bislang nicht. An Blohm + Voss ist derzeit der britische Finanzinvestor Star Capital Partners interessiert. Ob er die Traditionswerft kaufen wird, ist offen. Die Nordseewerke hingegen haben den Schritt in eine neue Zeit bereits vollzogen. Ihre Zukunft steht auf dem Meer.