Utz Claassen versucht sich als Krimi-Autor

Ex-EnBW-Chef will 2012 Roman "Atomblut" veröffentlichen

Berlin. Utz Claassen gilt als einer der umtriebigsten und streitbarsten Manager des Landes. Von 2003 bis 2007 führte er den Energiekonzern EnBW. Im vergangenen Jahr war er für zweieinhalb Monate Vorstandschef des Solarkraftwerkentwicklers Solar Millennium. Jetzt wagt sich der 48-Jährige auf ein neues Feld.

Hamburger Abendblatt:

Herr Claassen, der Millionenprozess gegen Ihren Kurzzeitarbeitgeber Solar Millennium hat Sie zurück in die Schlagzeilen gebracht. Sind Ihnen Gerichtssäle lieber als Vorstandsetagen?

Utz Claassen:

Nein, sicher nicht. Ich war und bleibe vielfältig in der Wirtschaft aktiv, und ich engagiere mich weiterhin stark in der Wissenschaft und auch im Sport als Miteigner des Fußballklubs RCD Mallorca. Aber mich reizen auch immer wieder neue Aufgaben, und ich habe noch immer Neugier und Lust auf Neues. Die Felder Kultur und Politik habe ich bisher noch nicht besetzt. Aber das ändere ich jetzt - zumindest im Feld der Kultur.

Soll heißen?

Claassen:

Ich bin derzeit literarisch tätig und werde im Februar 2012 im Econ-Verlag meinen ersten Roman veröffentlichen, einen Wirtschaftskrimi mit dem Titel "Atomblut".

Der Titel lässt auf Ihre Zeit als Vorstandschef bei EnBW schließen. Ein Enthüllungsroman also?

Claassen:

Nein, keineswegs. Titel und Inhalt haben mit der EnBW nichts zu tun. Dort war nichts blutig.

Worum geht es?

Claassen:

Mein Krimi spielt in der Energiewirtschaft zu Zeiten der Energiewende, also jetzt und heute. Er ist damit zwar hoch aktuell, aber ausdrücklich rein fiktiv - und dennoch so bitter und so böse, wie das Leben selbst manchmal spielt. Alle im Buch vorkommenden Personen sind frei erfunden. Das Buch hat also nichts mit meinen früheren Tätigkeiten in der Energiewirtschaft oder anderswo zu tun. Aber warum sollte ein Manager aus der Energiebranche eigentlich nicht in die Belletristik gehen? Wir fordern doch alle lebenslanges Lernen und berufliche Weiterentwicklung. Und die Welt hat viele Farben.

Sie finden es also ganz normal?

Claassen:

Warum nicht? Meine inzwischen 87 Jahre alte Mutter hat mir vor etwa einem Jahr gesagt: "Du hast schon so viel erlebt. Schreib doch mal einen Krimi." Und meiner Mutter schlage ich Wünsche nur sehr ungern ab. Also habe ich angefangen zu schreiben, wobei selbstverständlich alles rein fiktiv ist, so wie sich das für einen spannenden Krimi gehört.

"Atomblut" hört sich nach Mord und Totschlag in der Energiewirtschaft an. Ist es wirklich so schlimm, was man da erlebt?

Claassen:

Wahrheit und Fiktion sind völlig verschiedene Sphären, wobei ganz generell manchmal die Wahrheit unglaubwürdiger und unglaublicher sein kann als die Fiktion. "Atomblut" wird im Übrigen ganz sicher nicht der erste Krimi sein, in dem auch Blut eine Rolle spielt. Von einem guten Wirtschaftskrimi sollte man schließlich erwarten dürfen, dass darin nicht nur Vorstandsdiskussionen geführt und Vorstandsbeschlüsse protokolliert werden. Und was das Feld der Energiebranche angeht: Ich kann mir auch spannende Krimis in der Molkereiwirtschaft oder bei Altenheimbetreibern vorstellen.

Ist das Buch schon fertig?

Claassen:

In meinem Kopf ja. Ich schreibe noch und sitze gerade an der Schlussszene. Ergänzungen um Störfälle sind selbstverständlich noch möglich.

Sie gelten als besonders schillernder Vertreter der Managerkaste. So ein Roman könnte Ihren Ruf noch verfestigen. Wissen Sie, was Sie da tun?

Claassen:

Man wird doch wohl einem früheren Vorstandsvorsitzenden nicht verbieten wollen, kulturschaffend tätig zu werden. Es gilt bei uns zudem Gott sei Dank auch für Manager die Berufsfreiheit. Muss man sich für Vielseitigkeit von Aktivitäten und Interessen etwa entschuldigen? Ich stehe zu diesem Buch. Und ich stelle mich damit der Literaturkritik.

Wer könnte Ihr Buch vorstellen, wenn es erscheint?

Claassen:

Sicher nicht Jutta Ditfurth.

Vielleicht Jürgen Trittin?

Claassen:

Eine interessante Idee. Er war ein herausragender Umweltminister. Ich habe großen Respekt vor seiner Integrität und seiner Glaubwürdigkeit. Und er hat sicher schon manchen Krimi erlebt.