Arbeitsbedingungen

Hamburger Versandhaus Otto kämpft gegen Lohndumping

Foto: Michael Rauhe

Versandhauschef will alle Subunternehmer auf Verhaltenskodex verpflichten. Bei Fehlverhalten würden Verträge gekündigt.

Hamburg. Ethik und Moral spielen im Leben und Handeln von Michael Otto eine wesentliche Rolle. Der Hamburger Versandhaus-Aufsichtsratschef gilt bundesweit als Vorzeigeunternehmer, der seit Jahrzehnten neben dem ökonomischen Erfolg auch auf die nachhaltige Entwicklung, ökologische Verantwortung und respektvolle Behandlung der Mitarbeiter in seinem Konzern setzt. Weltweit engagiert sich der Milliardär auch privat für den Umweltschutz, den Erhalt der Natur und gegen Kinderarbeit.

Umso mehr erschütterte den 68-Jährigen der Vorwurf einer ARD-Reportage, wonach einige Mitarbeiter, die über Subunternehmer für die Hamburger Otto-Logistiktochter Hermes arbeiten, nur Dumpinglöhne erhalten würden. "Als ich das erfahren habe, war ich nicht nur schockiert, sondern auch unheimlich verärgert, dass so etwas überhaupt passieren kann", sagte Otto nun in der Talkshow "Beckmann".

Otto kündigte nun an, diesen Vorwurf nicht auf sich sitzen zu lassen. Der Hamburger will das Problem menschenunwürdiger Arbeitsbedingungen in der Paketbranche nun offensiv angehen und gezielt bekämpfen. "Wer in unserem Auftrag Dumpinglöhne zahlt, wer Sozialabgaben hinterzieht, wer Schwarzarbeit oder Scheinselbstständigkeit duldet, der fliegt bei uns raus", kündigte Otto an. Einem Subunternehmer, dem Fehlverhalten nachgewiesen wurde, sei in den vergangenen Monaten bereits gekündigt worden, sagte Konzernsprecher Thomas Voigt. Dieser sei nicht der erste gewesen.

Im Kern geht es in den Vorwürfen, die in der ARD-Reportage "Das Hermes-Prinzip" erhoben wurden, um Lohndrückerei. So soll unter anderem ein Mitarbeiter namens Peter für die Auslieferung angeblich nur 60 Cent je Paket erhalten haben, wurde der Empfänger nicht angetroffen, ging er sogar leer aus. Nach Abzug der Kosten für sein Auto käme er damit auf einen Stundenlohn von drei Euro netto. Allerdings hatte der Mann es mit der Wahrheit in dem Bericht wohl nicht ganz so genau genommen. Vielmehr soll er auf 400-Euro-Basis für den Subunternehmer gearbeitet haben, wie der Otto-Konzern rückwirkend erfuhr.

Generell gelten die Arbeitsbedingungen bei Hermes als gut, sagt der Hamburger Ver.di-Gewerkschaftssekretär Lars-Uwe Rieck. Die rund 8000 Festangestellten werden nach geltendem Branchentarif bezahlt, der einen Stundenlohn ab 10,60 Euro für Paketzusteller und ab 10,03 Euro für Lagerarbeiter vorsieht, auch gebe es Betriebsräte. "In dieser Hermes-Welt ist alles in Ordnung." Problematisch werde es erst in der Zustellung der Pakete auf "der letzten Meile". Diese werde, wie bei vielen anderen Paketdiensten wie DHL oder GLS, ganz oder zum Teil von Fremdfirmen und unabhängigen Speditionen erledigt, erläutert Rieck. Hermes kooperiere mit rund 400 General- und Subunternehmern, für die wiederum 13 000 Zusteller arbeiten. Dabei handele es sich oft auch um kleine Firmen ohne Betriebsrat oder um Einzelpersonen. "Schlechte Bezahlung in einigen Subunternehmen ist somit kein ureigenes Hermes-Problem, sondern ein Problem der ganzen Branche", sagt Rieck. Umso mehr begrüßt der Gewerkschafter, dass die Hermes-Gruppe das Problem nun aktiv bekämpfen möchte.

Konkret plant die Otto-Gruppe ein ganzes Maßnahmenpaket. So sollen künftig alle ethischen Standards des Konzerns auch für die rund 4000 Unternehmen und Lieferanten Gültigkeit haben, die im Auftrag des Konzerns tätig sind, kündigte Otto an.

Hermes gilt bei seinen Anforderungen an Fremdfirmen in der Branche bereits heute als Vorreiter. Die Otto-Tochter hat sich einen Verhaltenskodex verordnet, der auch für alle Subunternehmer verpflichtend ist. Geregelt wird darin nicht nur, dass mit den Beschäftigten würde- und respektvoll umgegangen werden soll, sondern dass sie mindestens nach den gesetzlichen oder branchenüblichen Vergütungen bezahlt werden. Dumpinglöhnen seien nicht erlaubt. Für Michael Otto bedeutet dies, dass die Beschäftigten der Branche einen Monatslohn von mindestens 1400 bis 1600 Euro erhalten sollen. Zudem gibt es seit März einen Ombudsmann, bei dem sich Fahrer anonym und vertraulich beschweren können. Damit die Vorgaben auch eingehalten werden, will der Konzern jetzt zudem ein Kontrollsystem entwickeln, um Verstöße "schwarzer Schafe" noch schneller als früher aufzudecken und zu beseitigen, sagt Konzernsprecher Voigt: "Wir lassen uns in Zukunft an unserem Erfolg messen."