Gesundheit

In Hamburg fehlen 3700 Krankenpfleger

Es gibt zu wenig Personal für Alte und Kranke. Der Mangel wird nach einer aktuellen Studie bis zum Jahr 2030 noch deutlich steigen.

Hamburg. Der Anteil der älteren Menschen an der Gesellschaft nimmt stetig zu, und damit wächst die Bedeutung des Gesundheitssektors. Schon heute arbeiten dort deutschlandweit insgesamt 3,7 Millionen Menschen - mehr als fünfmal so viele wie in der Autoindustrie. Doch auf längere Sicht ist die Branche auf den wachsenden Bedarf nicht gut eingestellt: Allein in Hamburg und Schleswig-Holstein werden im Jahr 2030 mehr als 19 000 eigentlich benötigte Arbeitsplätze in Krankenhäusern, Arztpraxen und Pflegeinstitutionen nicht besetzt werden können. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) und des Darmstädter Wirtschaftsforschungsinstituts WifOR.

Während in Hamburg - im Gegensatz zum nördlichen Nachbar-Bundesland - die Ärzteversorgung kein Problem darstelle, tue sich in der Hansestadt bei den Krankenpflegern schon heute eine Bedarfslücke von 3700 Stellen auf, sagte Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Healthcare bei PwC, dem Abendblatt. "Diese Unterversorgung wird zum Teil durch Überstunden ausgeglichen, die Kosten dafür steigen seit Jahren an", so Burkhart.

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Auch bei den Asklepios-Kliniken , Betreiber von sieben Krankenhäusern in Hamburg, spürt man den sich abzeichnenden Mangel an qualifizierten Pflegekräften, wie ein Firmensprecher sagte. Vor allem in den Bereichen Intensivmedizin, OP, Anästhesie und Notaufnahme seien solche Kräfte bereits rar.

Doch es ist absehbar, dass der Personalmangel sich noch verschärft. "Im Jahr 2020 kommt die erste Nachkriegsgeneration in ein Alter, in dem die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen deutlich steigt", erklärte Burkhart. "Zehn Jahre gehen die besonders geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand - dann fällt auch noch ein erheblicher Teil des Angebots an Ärzten und Pflegekräften weg."

Dabei fehlt es nicht an Interesse für die entsprechenden Berufe. "Wir haben keinen Mangel an der Bereitschaft, anderen Menschen helfen zu wollen", so Burkhart. Nur müsse es gelingen, diese Begeisterung auch zu halten. Tatsächlich aber liegt offenbar gerade hier das entscheidende Defizit: Nach einer Untersuchung des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung geben Altenpflegekräfte den Beruf im Schnitt schon nach acht Jahren und Krankenpfleger nach zwölf Jahren auf. Denn in der "Arbeitswirklichkeit" gebe es häufig zu wenig Zeit für Patienten und Pflegebedürftige, aber zu viel Bürokratie, sagte Burkhart. Gleichzeitig sei die Arbeitsbelastung sehr hoch, es bleibe zu wenig Zeit für die Familie. Auch die Bezahlung werde als unzureichend empfunden - was vor allem in Städten wie Hamburg ein Problem ist: "In Ballungszentren sind die Mieten so hoch, dass viele Pflegekräfte mit der Vergütung nicht klarkommen."

Die drohende Personallücke lasse sich aber nur dann verringern oder gar schließen, wenn es künftig gelinge, die Verweildauer im Beruf zu verlängern. "Wir müssen dafür sorgen, dass Ärzte und Pflegekräfte in Hamburg und Schleswig-Holstein wieder mehr Freude an ihrem Beruf haben", sagte Burkhart. Dazu könne eine verlässlichere Dienstzeitplanung beitragen. Aber auch die sogenannten "weichen Faktoren" seien nicht zu vernachlässigen: "Sind Pfleger in die Behandlung wirklich eingebunden oder empfinden sie sich nur als Handlanger?" Hilfreich könne es zudem sein, die bisher unterschiedliche Ausbildung von Kranken- und Altenpflegern zu vereinheitlichen.

Die weitere Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes für Menschen aus osteuropäischen EU-Ländern habe bisher keinen wesentlichen Effekt. Ausgebildete Kräfte kämen nur in geringer Zahl, zudem gebe es Schwierigkeiten mit der Anerkennung von Qualifikationen. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) sieht dies ähnlich: "Der Mangel wird nicht durch Anwerbung aus dem Ausland aufgefangen." Denn im internationalen Wettbewerb um Personal sei Deutschland schlecht aufgestellt: "In kaum einem vergleichbaren Industrieland sind Arbeitsbedingungen, Arbeitsbelastung und Vergütung so schlecht wie hier."