Bankmitarbeiter sind wütend auf die EU

1200 Stellen fallen weg, allein 900 nach der Entscheidung aus Brüssel. Gedrückte Stimmung bei Versammlungen in Hamburg und Kiel

Hamburg. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein Betriebsausflug ins Theater. Ab 14.45 Uhr am Freitag überqueren Hunderte Schlipsträger und schick gekleidete Damen den Gerhart-Hauptmann-Platz in Richtung Thalia-Theater. Die Anziehungskraft übt jedoch nicht Hamlet aus oder Don Carlos, sondern Paul Lerbinger. Der Vorstandschef der HSH Nordbank hat seine gut 1500 Hamburger Mitarbeiter in das nahe Theater geladen, um sie über die aktuelle Lage zu informieren. Dass die EU-Kommission das 13-Milliarden-Euro-Rettungspaket der Länder Hamburg und Schleswig-Holstein endlich akzeptiert, dass sie die HSH als "Strafe" für diese Beihilfe aber massiv beschneidet und deshalb etwa 1200 Stellen wegfallen, 900 mehr als bislang erwartet.

Den meisten Mitarbeitern ist nicht nach Reden zumute. Sie wollten erst mal abwarten, was berichtet werde, sagen einige. "Bestens", sagt ein junger Mann im grauen Anzug auf die Frage nach der Stimmungslage. "Bestens", wiederholt er auf der Treppe zum Foyer. Ironie? Wut? Wohl eine Mischung aus beidem. Andere schlecken wortlos ein Eis. Das kühlt ab, es ist schwül an diesem 26. August. "Die Stimmung ist schon gedrückt", sagt Betriebsratsmitglied Stefanie Arp. Sie habe zwar mit massivem Personalabbau gerechnet, aber viele Kollegen hätten wohl noch nicht realisiert, was auf sie zukomme. Am Morgen in Kiel, als Lerbinger die Mitarbeiter an der Förde informiert hatte, sei gesagt worden, man möge sich die etwa 600 Anwesenden vergegenwärtigen, die Gruppe derer, die gehen müssen, werde doppelt so groß sein.

"Ich würde auch lieber eine Bank leiten, die wächst", sagt Lerbinger am Vormittag bei der Vorstellung der Halbjahreszahlen. Aber an die Vorgaben der EU müsse man sich halten, ob einem das nun passe oder nicht. Einen positiven Aspekt nennt er, immerhin: "Indem wir Arbeitsplätze abbauen, werden die verbleibenden sicherer." Vor der Krise gab es bei der HSH noch mehr als 4300 Vollzeitstellen. Derzeit sind es noch 3313. Statt auf 3020, wie geplant, muss jetzt sogar auf 2120 abgespeckt werden. Allein in Hamburg und Kiel werden nach Abendblatt-Informationen etwa 850 der 2700 Stellen abgebaut.

Während in Kiel nach Lerbingers Rede eisige Stille herrschte, gibt es nach der einstündigen Versammlung im Thalia immerhin einige Fragen, etwa zur Neuausrichtung als "Bank für den Unternehmer". Viele HSHler hätten dem Vorstandschef seine Betroffenheit abgenommen, sagt danach ein Mitarbeiter. Die Wut richte sich eher gegen Brüssel. "Die EU zerschlägt die HSH und entlässt Mitarbeiter", das wäre doch eine passende Überschrift, empfiehlt er.

Auch HSH-Betriebsratschef Olaf Behm zeigt sich überrascht von den drastischen Konsequenzen des EU-Verfahrens: "Ich habe schon mit einem kräftigen Abbau gerechnet, aber nicht mit einer so hohen Zahl", sagt er dem Abendblatt. "Verglichen mit dem Personalbestand vor der Krise werden wir die Bank bis 2014 halbiert haben." Behm fordert vom Vorstand eine rasche Konkretisierung der Abbaupläne. Er hoffe, in einem Monat mehr Klarheit zu haben. Statt "Hamlet" steht dann am Thalia vielleicht wieder "HSH Nordbank". Auch ein Drama.