Tibetischer Gelehrter im Interview

"Reichtum macht Sinn, wenn er Nutzen schafft"

Foto: HA / A.Laible

Der tibetische Gelehrte Khenpo Sonam Gyatso Rinpoche spricht im Interview mit dem Hamburger Abendblatt über Geld, Wohlstand, Glück.

Hamburg. Khenpo Sonam Gyatso Rinpoche, 59, gilt als einer der wichtigsten Gelehrten des tibetischen Buddhismus. Er ist Mitglied des Drukpa-Ordens, der in Hamburg ein Studien- und Meditationszentrum unterhält. Am Wochenende gab Khenpo Rinpoche in der Stadt buddhistische Belehrungen und hielt einen Vortrag. Mit dem Abendblatt sprach er über Geld und materiellen Reichtum in Zeiten der Krise.

Hamburger Abendblatt: Khenpo Rinpoche, Geld spielt in unserer Gesellschaft eine zentrale Rolle. Wie wichtig ist Geld für Menschen tatsächlich?

Khenpo Rinpoche: Glück und Leid hängen ganz allgemein vom Geist ab und nicht von äußeren Umständen. Wenn man weiß, wie man seinen Geist nutzt und sein Denken schult, kann man wahres Glück in diesem Leben auch erlangen, ohne Geld zu besitzen. Aber natürlich sind Geld und Besitztum durch wirtschaftliches Handeln wichtig - sie sind eine geschickte Methode, um der Gesellschaft und den Menschen Nutzen zu bringen oder um wissenschaftliche Erkenntnis zu erlangen.

In Deutschland sagt man: Geld allein macht nicht glücklich.

Khenpo Rinpoche: Viele materiell reiche Menschen sind nicht glücklich, weil sie ihre Intelligenz und ihre Weisheit nicht richtig nutzen. Materieller Reichtum soll für uns gut sein und uns Nutzen schaffen - und nicht umgekehrt uns zu Sklaven des Materiellen machen.

Also lieber nicht zu viel Geld verdienen?

Khenpo Rinpoche: Ganz und gar nicht. Je mehr Geld man verdienen kann, desto besser ist das im Grunde - denn man kann viel Gutes damit tun. Aber mancher, der gerade 100 Euro verdient hat, ist unglücklich darüber, dass es nicht 1000 Euro sind. Eine der Grundlagen der buddhistischen Lehre ist das karmische Prinzip, der Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Das, was man verdient und verdienen kann, hängt von Ursachen ab, die man in früheren Leben geschaffen hat. Wenn man irgendwann nur noch daran denkt und danach strebt, sein Geld zu schützen und zu mehren, wird das Leid erzeugen.

Unsere kapitalistische Wirtschaftsweise baut auf materiellem Wachstum und dem Streben nach immer mehr auf. Ist das der richtige Weg?

Khenpo Rinpoche: Wenn man Geld und Besitz aus dem Streben und der Motivation heraus mehrt, Nutzen auch für andere und für die Gesellschaft zu schaffen, ist das gut. Aber wenn man durch dieses Streben sich selbst und andere in Bedrängnis bringt, stimmt doch etwas nicht. Die Wirtschaft kann uns letztendliches Glück nicht geben. Das Verlangen nach immer mehr ist so, als tränke man Salzwasser - der Durst wird nie gestillt, sondern die Not immer größer. Im Buddhismus heißt es, dass das eigene Glück durch geringes Verlangen und große Zufriedenheit wächst. Das bedeutet nicht, dass man keinen Besitz haben oder ihn nicht mehren soll. Aber man sollte sein Verlangen verringern und seine Zufriedenheit erhöhen.

Gibt es eine ideale Wirtschaftsweise?

Khenpo Rinpoche: Die Wirtschaft entwickelt sich heutzutage besser als früher. Viel mehr Menschen können heute an einem wachsenden Wohlstand teilhaben. Die Frage ist nur: Wie nutzen wir diesen Reichtum, welchen Sinn geben wir ihm? Mancher gelangt zu Reichtum, ohne daran zu denken, für sich selbst und andere Menschen daraus Nutzen zu schaffen. Es geht nur darum, die Zahlen immer weiter zu erhöhen. Welchen Sinn macht das? Man kann nur einmal zugleich essen, in einem Haus wohnen, ein Gewand tragen.

Millionen Menschen im Nordosten Afrikas leiden wieder an Dürre und Hunger. Wie kann so etwas verhindert werden?

Khenpo Rinpoche: Jeder Mensch hat das gleiche Recht auf ein Leben in Würde und Unversehrtheit. Im Umkehrschluss muss eine Situation, wie sie jetzt wieder am Horn von Afrika herrscht, ja bedeuten, dass es Menschen an Erziehung, Bildung und Einsicht mangelt. In Gesellschaften oder Regionen, in denen solche Grundlagen fehlen, kommt es zu derart gravierenden Entwicklungen. Auch in der europäischen Geschichte herrschten ja teils schreckliche Zustände, Kriege, Hungersnöte oder Genozide. Wenn man das wieder auf die Frage des Reichtums bezieht: Wer materiell reich ist, sollte doch auch Verantwortung dafür tragen, dass gesunder Menschenverstand an die künftigen Generationen weitergegeben wird - eben auch in Form von Bildung und guter Erziehung. Und das überall auf der Welt.

Ist das Streben nach materiellem Reichtum und Wachstum in buddhistischen Gesellschaften weniger ausgeprägt als in Europa oder den USA?

Khenpo Rinpoche: China oder Japan sind zwei der führenden Wirtschaftsnationen mit kapitalistischer Wachstumswirtschaft. Und beide Staaten haben eine lange buddhistische Kultur. Auch dort gibt es sehr reiche und sehr arme Menschen. Der Buddhismus kann Einsichten und Wege zur Erkenntnis vermitteln. Aber letztlich muss jeder selbst entscheiden, ob er dies nutzen will.

Was kann ein Einzelner tun, der sich der stetigen Beschleunigung und dem Zwang zum Wachstum nicht aussetzen möchte?

Khenpo Rinpoche: Man kann nach Zufriedenheit in Bescheidenheit streben und sich aus dem Zwang zu immer mehr heraushalten. Und natürlich kann sich jeder einem spirituellen Weg widmen, viel lernen und studieren, um einen tieferen Sinn im eigenen Leben zu finden. Das allerdings kann im Alltag mehr Zeit in Anspruch nehmen als die Erwerbsarbeit, der man üblicherweise nachgeht.