Deutsche suchen Sicherheit und soziale Geborgenheit

Laut Studie verlieren Bürger Vertrauen in die Politik

Hamburg. Das Zeitalter der "Ichlinge" geht zu Ende. In der Zukunft ist für Egoisten kein Platz mehr. Das ist ein Ergebnis einer neuen Studie des Hamburger Instituts für Zukunftsforschung mit dem Titel "Wir! Warum Ichlinge keine Zukunft mehr haben". In den anhaltenden Krisenzeiten wollten die Menschen sicher leben und in doppelter Weise für ihre Zukunft sorgen. "Sie suchen materielle Sicherheit und zugleich soziale Geborgenheit, auch wenn sie dabei Einbußen an persönlicher Freiheit und Unabhängigkeit hinnehmen müssen", sagte Horst W. Opaschowski, der das Institut seit gut 30 Jahren leitet und zum Jahresende ausscheiden wird.

Sicheres Einkommen wichtiger als persönliche Freiheit

Für die Studie, die als Buch veröffentlicht wurde, ließ der Zukunftsforscher 2000 Deutsche befragen. "Selbst bei der jungen Generation legt nur jeder Zweite unter 34 Jahren besonderen Wert darauf, sich frei zu fühlen, drei Viertel in dieser Altersgruppe finden ein sicheres Einkommen viel wichtiger", so Opaschowski. Die Krisen der Vergangenheit haben demnach auch dazu geführt, dass die Deutschen an der Zuverlässigkeit von Politik und sozialen Sicherheitssystemen zweifeln. 90 Prozent der Befragten seien inzwischen der Meinung, Politiker seien "nicht mehr ehrlich". Vor acht Jahren habe der Wert bei 50 Prozent gelegen.

Im Gegenzug würden alte Werte wiederentdeckt, etwa Familiensinn und Gemeinschaft mit Nachbarn oder Freunden. Dort werde das Bedürfnis nach Sicherheit und "sozialer Geborgenheit" gestillt. Die Anspruchs- und Spaßgesellschaft der 80er- und 90er- Jahre sei damit endgültig Geschichte und einer "neuen Ernsthaftigkeit" gewichen. "Die Bürger bangen um ihre Existenz", betonte der Experte. Zugleich herrsche allerdings ein "illusionsloser Optimismus" vor. Zudem würden die Menschen sich gegenseitig - etwa in der Nachbarschaft - helfen, aber dann im Gegenzug auch eine Leistung empfangen wollen.

"Die Arbeitswelt wird sich ändern", so der Forscher. "Gebrochene Erwerbsbiografien werden Normalität: Fulltimejob, Elternteilzeit, Teilzeitarbeit, Arbeitslosigkeit, Pflegezeit, zweite Karriere, Rente mit 70 werden die Zukunftswirklichkeiten sein." Zudem werde die Arbeitswelt weiblicher. "Frauen bekommen zunehmend größere Berufschancen, weil sie immer besser qualifiziert sind und die Männer teilweise übertreffen. Die männlichen Helden der Arbeit verlieren ihre Privilegien." Ein Trend aus den USA gebe die Richtung vor. "Immer mehr Frauen fangen an, mehr zu verdienen als ihre männlichen Kollegen."