Thomas Straubhaar im Interview

"Wir dürfen nicht am Tropf Chinas hängen"

Foto: Roland Magunia

Wirtschaftsforscher Straubhaar spricht im Interview über die Gefahren der ökonomischen Machtverhältnisse in der Welt.

Hamburg. Ein halbes Jahr lang war Thomas Straubhaar mit seiner Familie in den USA, hatte einen Forschungsauftrag in Washington. Im Gespräch mit dem Abendblatt gab sich der Präsident des renommierten Hamburger Wirtschaftsforschungsinstituts HWWI und überzeugte Europäer durchaus nachdenklich mit Blick auf die Vereinigten Staaten.

Abendblatt:

Herr Professor Straubhaar, was haben Sie in den USA vermisst?

Thomas Straubhaar:

Aus der Ferne betrachtet wird einem vor allem klar, was für einen unglaublich hohen Lebensstandard wir in Deutschland genießen. Nur ein Beispiel: Im Winter gab es in Washington starke Schneefälle. Dies hatte zur Folge, dass in der Hauptstadt der größten Volkswirtschaft der Welt für mehrere Tage nichts mehr ging. Drei Tage lang waren die Straßen nicht passierbar, die Elektrizität fiel in einigen Bezirken über Tage aus. Pardon, aber so etwas habe ich in Hamburg noch nie erlebt. Stunden ohne Wasser oder Energie - das gibt es hier nicht.

Was hat Sie in den USA am meisten begeistert?

Straubhaar:

Die Leichtigkeit des Seins. Die Amerikaner haben ein fast naives Vertrauen in die Zukunft. Alles wird sich schon zum Guten wenden, so der weitverbreitete Glaube. Die Menschen suchen nach Lösungen für ein Problem, statt es nur zu analysieren. Diese Haltung entspricht auch meinem Naturell.

Wo würden Sie lieber leben und arbeiten - in den USA oder in Hamburg?

Straubhaar:

Ganz klar in Hamburg. In Hamburg ist das HWWI exklusiv, in Washington wären wir nur ein Forschungsinstitut unter vielen. Außerdem fühle ich mich als Europäer. Ich schätze die hiesige Diskussionskultur. Manch einem unzufriedenen Deutschen rate ich deshalb, mal für ein paar Monate in einem anderen Land zu leben, um das hiesige Leben wieder schätzen zu lernen. Der Lebensstandard des Durchschnittsdeutschen ist mit Sicherheit höher als der eines Amerikaners.

Wer wird in Zukunft in der Welt wirtschaftlich die Nase vorne haben: Europa oder die USA?

Straubhaar:

Wahrscheinlich Europa. Die wirtschaftliche Situation in den USA ist kritisch. Es gibt viele strukturelle Probleme - vom Gesundheitswesen bis zum Bildungswesen. Die öffentliche Schule unserer Kinder in Washington zählte zwar zu einer der besten, doch reichte sie nicht an das Niveau hiesiger Gymnasien heran. Die Arbeitslosigkeit liegt deutlich höher als in Europa. Zudem sind rund zwei Millionen Menschen in Gefängnissen eingesperrt, die meisten, weil sie aus wirtschaftlicher Not kriminell wurden. Hinzu kommt die explodierende Langzeitarbeitslosigkeit. Immer mehr Menschen geraten in Armut. Wer heute nach unten fällt, bleibt dort auch oft und kommt nur selten aus eigener Kraft wieder hoch. Der Fahrstuhl nach oben ist defekt. Der amerikanische Traum vom Tellerwäscher zum Millionär ist Vergangenheit.

Gehen von dem Land angesichts der hohen Arbeitslosigkeit und des schwachen Konsums Gefahren für die Weltwirtschaft aus?

Straubhaar:

Ja. Die USA sind immer noch die größte Volkswirtschaft der Welt. Die Impulse, die früher von den USA ausgingen, flachen ab. Dies wird auch das Wachstum in Europa schwächen. So gehe ich davon aus, dass wir den Höhepunkt des weltwirtschaftlichen Wachstums schon jetzt wieder überschritten haben. In diesem Jahr wird Deutschland um mehr als drei Prozent wachsen, 2011 aber nur noch um rund 2,5 Prozent.

Ist die amerikanische Wirtschaft noch zu retten, kann man sie wieder aufs richtige Gleis führen?

Straubhaar:

Ja. Amerika hat das Potenzial, auch aus dieser Krise gestärkt hervorzugehen. Allerdings geht Barack Obama einen falschen Weg. Er versucht, die strukturelle Krise des Landes durch eine europäische Therapie zu lösen - nämlich die Übertragung des Sozialstaatsmodells. Dieser Weg passt aber nicht zu Amerika. Obama müsste vielmehr versuchen, den Fahrstuhl nach oben wieder in Gang zu bringen, nach dem Motto: Wer etwas leistet, der kann auch wieder nach oben kommen. Das Setzen auf grüne Technologie könnte ein weiterer Schlüssel sein. Konjunkturprogramme lösen dagegen keine Krise.

Sollten die Deutschen deshalb stärker auf China setzen?

Straubhaar:

Auch hier lauern Gefahren. Deutsche Unternehmer sollten sich nicht alleine von China abhängig machen, da sich auch dort das Wachstum abschwächen dürfte. Die Chinesen werden bald viele Produkte selbst herstellen, zudem könnte die dortige Immobilienblase platzen. Vielmehr sollten Firmen auch in Indien, Indonesien oder Vietnam, in Mexiko oder in der Türkei investieren. Wir dürfen nicht nur am Tropf Chinas hängen.

Für Deutschland wird 2010 ein Wachstum von über drei Prozent erwartet. Andere Euro-Länder liegen deutlich darunter. Driftet die Region immer weiter in Arm und Reich auseinander?

Straubhaar:

Deutschland ist der größte Gewinner der europäischen Einigung. Es ist wirtschaftlich das stärkste Land und trägt dadurch auch politisch Verantwortung für den gesamten Kontinent. In schwierigen finanziellen Situationen muss Deutschland deshalb auch Euro-Länder, denen es schlechter geht, finanziell unterstützen. Für mich steht heute fest, dass hier ein Geburtsfehler des Euro liegt: Es wurde eine Währungsunion beschlossen ohne Fiskalunion. Wir brauchen eine Transferunion.

Was meinen Sie konkret?

Straubhaar:

In jedem Währungsraum stehen Transferleistungen auf der Tagesordnung. Die reichen Regionen stützen die Ärmeren. Dies gilt für die USA wie für die Schweiz wie auch für Deutschland zu D-Mark-Zeiten. So wäre Kalifornien längst pleite, wenn es nicht von den reicheren Bundesstaaten gestützt würde. Warum soll das in Europa anders laufen?

Es ist der deutschen Bevölkerung aber nur schwer zu vermitteln, warum sie bis 67 Jahre arbeiten soll, während dies in anderen Ländern nicht verlangt wird.

Straubhaar:

Diese sozialen Standards müssten tatsächlich angeglichen werden. Zugleich sollten Hilfsleistungen an bestimmte, durchaus strenge Auflagen gebunden sein, wie dies auch bei der Vergabe der Gelder an Griechenland geschieht. Man muss solche Hilfszahlungen insgesamt aber als großes Paket sehen: Deutschland sichert sich durch die Währungsunion die wirtschaftliche Freiheit, in alle diese Länder ohne Hindernisse seine Waren zu liefern. Zudem hat in Westeuropa nicht zuletzt wegen der Wirtschaftsunion seit 60 Jahren kein Krieg stattgefunden. Das relativiert doch die Kosten der Hilfen.

Deutschland steht angesichts der Überalterung vor großen Problemen. Dem Arbeitsmarkt gehen die Mitarbeiter aus. Was ist Ihre Prognose?

Straubhaar:

Klar ist: Die deutsche Bevölkerung schrumpft. 2050 werden es noch rund 70 bis 75 Millionen Bundesbürger sein. Das alleine ist aber nicht schlimm. Wir haben dann im Prinzip mehr Platz und können die verfügbaren Ressourcen pro Kopf besser nutzen. Das Problem wird das Rentensystem sein. Um mögliche Lücken auf dem Arbeitsmarkt zu schließen, würde ich jedoch nicht primär auf massive Zuwanderung aus dem Ausland setzen, sondern vor allem auf die stärkere Nutzung vorhandener Reserven.

Konkret?

Straubhaar:

Es gibt viele gut ausgebildete Mütter, die gerne arbeiten würden, wenn sie Familie und Beruf besser vereinbaren könnten. Gute Schritte dazu sind die Gründung von Betriebskindergärten, die Einführung flexibler Arbeitszeiten und Homeoffices. Arbeitgeber sind gefragt, die Zielvorgaben machen, statt Präsenz zu erwarten. Wichtig ist doch, dass eine Arbeit erledigt wird, zweitrangig dagegen, wo. Heben wir doch erst mal dieses Potenzial. Zudem gibt es viele über 55-Jährige, deren Lebenserfahrung genutzt werden kann. Würden in Deutschland anteilig so viele Ältere arbeiten wie in der Schweiz, gebe es bereits mehrere 100 000 Arbeitskräfte mehr. In Deutschland leben rund 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, doch ihre Arbeitschancen sind aufgrund allgemeiner Vorurteile deutlich schlechter als die von Deutschen - und dies obwohl ihre Qualifikation oftmals gleich ist.

Hier muss sich wohl vor allem in den Köpfen der Arbeitgeber einiges ändern.

Straubhaar:

Richtig. Die Arbeitgeber müssen umdenken. Es gibt in Deutschland genug Arbeitskräfte. Die Wirtschaft muss dafür sorgen, alle Beschäftigten nicht nur auszubilden, sondern auch ständig fort- und weiterzubilden. Hier steckt viel Potenzial.

Sind Sie generell gegen Zuwanderung von Fachkräften?

Straubhaar:

Nein, im Gegenteil. Wir sollten offen sein für Zuwanderer. Allerdings muss jedem bewusst sein, dass Zuwanderung nicht überbewertet werden sollte. Heute ist Deutschland ein Auswanderungsland. Mehr Deutsche gehen in die Türkei als Türken nach Deutschland.