Rezension

Von Schuldenmachern und Samaritern

Foto: Michael Rauhe

Kai Konrad und Holger Zschäpitz analysieren in ihrem neuen Buch die Euro-Krise, zeigen aber nur begrenzt Wege zur Besserung.

Hamburg. Um einen Sachbuchbestseller zu landen, bedarf es des passenden Themas zum richtigen Zeitpunkt. Während einer Börsenbaisse möchte keiner einen Aktienratgeber kaufen, im Wachstumsrausch dieser Tage keiner mehr von "Deutschland - Abstieg eines Superstars" lesen. Für die Autoren Kai A. Konrad und Holger Zschäpitz kam zum richtigen Sujet "Schulden ohne Sühne" mit der Euro-Krise exakt der richtige Zeitpunkt. Es ist das erste und aktuellste Werk, das die Krise der Gemeinschaftswährung bis in den Sommer 2010 beschreibt und auch für Anfänger erklärt. Und es ist ein Werk, das dem Leser die Sorgenfalten auf die Stirn treiben kann.

Die beiden Autoren, Konrad als Direktor am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und der renommierte Wirtschaftsautor Zschäpitz, beschreiben den Weg in die Schuldenkrise, analysieren die aktuelle Lage und versuchen, Wege aus der Krise aufzuzeigen. Dass der letzte Teil eher überschaubar ausfällt, mag den lösungsorientierten Leser ärgern, ist aber auch der Komplexität des Themas geschuldet. Wichtiger als große Theorien ist den Autoren die Verständlichkeit. "Die wachsende öffentliche Verschuldung ist eines der dringendsten Probleme unserer Zeit, die Lösung einer der Schicksalsfragen der westlichen Zivilisation", betonen die Autoren. Denn die Schulden von heute sind die Steuern von morgen - und die Verarmung von übermorgen.

In Euro-Randstaaten müssten Löhne und Preise um bis zu 30 Prozent sinken

Gemessen an der Wirtschaftsleistung ist der Euro-Raum höher verschuldet als die mutmaßlichen Schuldenkönige aus den Vereinigten Staaten - bis Ende 2011 dürfte der Euro-Raum mit 12,5 Billionen Dollar in der Kreide stehen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Währungsunion Länder umfasst, die nicht nur völlig unterschiedliche Mentalitäten in Bezug auf Inflation und Arbeitslosigkeit haben, sondern auch auseinanderlaufende Wirtschaftsdaten und -potenziale. Der gemeinsame Euro aber macht Anpassungen über die Wechselkurse oder Zinssätze unmöglich, weil kein schwacher Staat mehr abwerten oder die Zinsen anpassen kann.

Staaten wie Griechenland stecken längst in der Falle: Eigentlich müssten, so zitieren Konrad und Zschäpitz den US-Ökonomen Nouriel Roubini, in den Euro-Randstaaten Löhne und Preise um 20 bis 30 Prozent sinken und damit eine Depression riskieren - kaum eine Gesellschaft würde diese Radikalkur aber ertragen. Die einzige Alternative (neben einem Austritt aus der Gemeinschaftswährung) ist der Einstieg in eine Transferunion.

Zwar hatten sich die Euro-Länder einst darauf verständigt, nicht die Schulden eines anderen Staates zu übernehmen (No Bailout), doch die Griechenland-Krise hat Europa eines Besseren belehrt. Um den Euro und die europäischen Banken zu retten, haben sich die Euro-Länder längst von ihren hehren Gründungsideen verabschiedet. Die gefährlichen, ja schrecklichen Folgen, die zu einer grassierenden Staatsverschuldung in allen Euro-Ländern führen dürften, erklären die Autoren mit dem Samariterdilemma. Wer sich auf Hilfe verlassen kann, wird kaum auf Ausgabensenkungen und Steuererhöhungen setzen - die Anreize zur Konsolidierung sinken für die Schuldenstaaten. Doch auch die Retter, also die Samariter wie Deutschland oder die Niederlande, könnten den Pfad der verantwortlichen Haushaltspolitik verlassen - weil er sich nicht lohnt. Vielmehr sind die reicheren Staaten klug beraten, sich selbst zu verschulden und sich so aus der Rolle des Samariters herauszukaufen. Im schlimmsten Fall droht die Zahlungsunfähigkeit der gesamten Euro-Zone.

Kein Land, keine Bank darf mehr systemrelevant sein

Statt großer Rettungsprogramme empfehlen die Autoren radikale Reformen auf den Finanzmärkten und die Schrumpfung der Risiken durch die Schrumpfung der Player. Um es einfacher zu sagen: Die Pleite Griechenlands müsste ohne Verwerfungen möglich sein - kein Land, keine Bank darf mehr systemrelevant sein. Angesichts der Misserfolge in der Finanzmarktregulierung ein Wunsch, den man als fromm bezeichnen muss. Dass aber ist kein Manko des Buches, sondern der Politik. "Schulden ohne Sühne" öffnet die Augen, wie verfahren die Lage ist. Wer in diesem Jahr nur ein Wirtschaftsbuch lesen möchte, sollte dieses wählen.

"Schulden ohne Sühne" umfasst 240 Seiten und kostet 19,95 Euro.