Mehl soll deutlich teurer werden

Europas Marktführer VK Mühlen fordert Preissteigerungen um 40 Prozent, denn es drohen Millionenverluste

Hamburg. Die deutschen Verbraucher müssen sich künftig auf deutlich steigende Mehlpreise einstellen. Der größte Mühlenkonzern Europas, VK Mühlen, setzt sich für Erhöhungen im Preiseinstiegsbereich von rund 40 Prozent ein. "Mit einem Preis von 25 Cent pro Kilo ist Mehl beim Discounter derzeit billiger als Katzenstreu. Das zeigt, wie gering der Wert dieses Lebensmittels eingeschätzt wird", sagte der neue Vorstand des Mühlenkonzerns VK Mühlen, Christoph Kempkes, dem Abendblatt. "Wir bräuchten einen Preis von 35 Cent, um in der gesamten Versorgungskette - und da schließe ich Landwirte und Bäcker mit ein - kostendeckend arbeiten zu können."

Der Hintergrund der Initiative: Dem Hamburger Mühlenriesen, zu dem bekannte Marken wie Gloria, Diamant oder Aurora gehören, steht das Wasser derzeit bis zum Hals. "Wir werden das laufende Geschäftsjahr 2009/2010 voraussichtlich mit einem Verlust von elf bis 11,5 Millionen Euro abschließen", sagte Kempkes. Der Umsatz werde bei rund 520 Millionen Euro liegen, nach 600 Millionen Euro im Vorjahr. "Im operativen Geschäft müssen wir zulegen, denn unsere Margen, die wir beim Mehlverkauf in Deutschland erwirtschaften, reichen nicht aus, um auf eine schwarze Null zu kommen."

Der Vorstoß des Marktführers kommt allerdings überraschend, da gegen VK Mühlen und andere Unternehmen der Branche noch immer Ermittlungen des Bundeskartellamtes wegen verbotener Preisabsprachen laufen. In Erwartung möglicher Strafen hat das Unternehmen für die vergangenen Jahre Rückstellungen in Höhe von 22,9 Millionen Euro gebildet. "Dadurch ist ein Großteil des Verlustes, den wir in diesem Geschäftsjahr erwarten, zu erklären", räumt Kempkes ein.

Konkret wirft das Kartellamt dem Marktführer vor, illegale Preisabsprachen getroffen zu haben, die bis ins Jahr 2001 zurückgehen und Kunden wie große Bäckereiketten untereinander aufgeteilt zu haben. Das System: Wenn eine Mühle einen Kunden eines Konkurrenten belieferte, musste sie den Umsatz an diesen zurückbezahlen. Nach einer Durchsuchung im Februar 2008 waren die Ermittler im Dezember vergangenen Jahres noch einmal bei VK Mühlen vorstellig geworden.

Obwohl die Ermittlungen der Wettbewerbshüter gegen den Mehlriesen noch nicht abgeschlossen sind, zieht der neue Chef schon jetzt ein ernüchterndes Fazit: "Es hat auch bei VK Mühlen im Zusammenhang mit den laufenden Kartellverfahren Ungereimtheiten gegeben. Wir bedauern das sehr."

Im Februar dieses Jahres hatte der Aufsichtsrat des Konzerns drastische Konsequenzen aus den Vorwürfen gezogen und den bisherigen Vorstandsvorsitzenden Rolf Brack fristlos entlassen. Mittlerweile hat das Unternehmen Brack vor dem Landgericht Hamburg sogar auf Schadenersatz verklagt. Er soll die treibende Kraft hinter dem Müller-Kartell gewesen sein.

Nachfolger Kempkes will nun für einen Neuanfang sorgen. Der neue Chef war für den Rauswurf seines Vorgängers mitverantwortlich, saß er zu diesem Zeitpunkt doch noch selbst als Vertreter des größten Aktionärs LLI Euromills in dem Kontrollgremium. Nach der Entscheidung blieb ihm gerade einmal ein Wochenende, um sich auf seine neue Aufgabe vorzubereiten.

Insider berichten, der neue Vorstand habe bei VK Mühlen einen "dramatischen Scherbenhaufen" vorgefunden. Nicht nur Brack wurde entlassen, auch weitere Mitarbeiter wurden versetzt. Man habe in jedem Werk des Konzerns einen sogenannten Compliance-Beauftragten eingesetzt, der die neuen Verhaltensrichtlinien des Unternehmens überwachen soll, sagt Kempkes. "Es geht um ein Fairplay gegenüber unseren Kunden und unseren Mitarbeitern. Wir wollen künftig mit der Qualität unserer Produkte überzeugen und dafür dann auch einen angemessenen Preis verlangen."

Aus Sicht des Zentralverbands des deutschen Bäckerhandwerks hat sich bislang an der Grundproblematik im Mehlgeschäft allerdings nicht viel geändert. Zwar bewege sich der Mehlpreis derzeit tatsächlich auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau, dies habe aber mit vergleichsweise guten Ernten und nicht mit strukturellen Veränderungen zu tun, sagte der Präsident des Zentralverbands, Peter Becker, dem Abendblatt. "Es besteht noch immer eine sehr hohe Konzentration im Mehlmarkt", so Becker. "Vier große Konzerne teilen sich 65 Prozent des Marktes."

VK Mühlen-Chef Kempkes will sich künftig darum bemühen, den Wert von Mehl als Nahrungsmittel besser herauszustreichen. Dies sei in der Vergangenheit versäumt worden. "Es hat da von unserer Seite aus eine gewisse Fantasielosigkeit gegeben." Ein weiterer Weg aus der Preisfalle besteht für den Chef in der Herstellung von mehr Convenience-Produkten wie Backmischungen. Seit Kurzem hat der Konzern unter der Marke Müller's Mühle auch Reisfertiggerichte im Programm. Seit Jahren forscht das Unternehmen außerdem im Bereich Functional Food, das dem Kunden einen gesundheitlichen Zusatznutzen verspricht. So gibt es unter anderem Brotmischungen mit gesundheitsfördernden Omega-3-Fettsäuren oder Dinkel-Sprossen-Mischungen.