Europäer nehmen mehr Kredite auf

Darlehen an Privatleute um neun Milliarden Euro gestiegen. Auch Firmen leihen sich mehr Geld

Frankfurt/Berlin. Unternehmen und Verbraucher in den 16 Euro-Ländern leihen sich wieder mehr Geld von den Banken. Die Kreditvergabe an Firmen außerhalb der Finanzbranche stieg um 18 Milliarden Euro im Vergleich zum Vormonat, teilte die Europäische Zentralbank (EZB) gestern mit. Die Darlehen an Privatpersonen legten um neun Milliarden Euro zu. Damit erhöhte sich die Kreditvergabe um insgesamt 0,2 Prozent nach 0,1 Prozent im April. Experten werteten dies als Beleg für die Konjunkturerholung.

"Die Daten aus der Euro-Zone liefern ermutigende Signale dafür, dass die Kreditvergabe der Banken an den privaten Sektor wieder anzuziehen beginnt", sagte Howard Archer von Global Insight. Die EZB hatte wegen der Wirtschafts- und Finanzkrise viel billiges Geld an die Banken vergeben. Dieses Geld wurde aber nicht wie gewünscht an Unternehmen und Verbraucher weitergereicht. Zum einen, weil diese wegen der ungewissen Zukunft sparten. Zum anderen, weil die Banken angesichts einer steigenden Zahl von Pleiten ihre Kreditkonditionen verschärften.

Leitzinsen werden nach Meinung von Experten noch lange niedrig bleiben

Trotz der positiven Tendenz warnen Experten vor möglichen Rückschlägen. "Selbst wenn sich die Kreditvergabe in den kommenden Monaten weiter erholen sollte, dürfte die EZB noch keine Entwarnung geben", sagte Commerzbank-Ökonom Michael Schubert. "Folglich dürfte sie die Leitzinsen noch lange Zeit sehr niedrig halten."

Die EZB hat den Zinssatz, zu dem sich Geschäftsbanken bei ihr Geld leihen können, wegen der Krise auf das Rekordtief von 1,0 Prozent gesenkt. Ihre Politik des billiges Geldes können sich die Währungshüter angesichts der geringen Inflationsgefahren leisten. Für einen geringen Preisauftrieb in den kommenden Monaten spricht auch die Entwicklung der Geldmenge M3. Sie schrumpfte in den Monaten März bis Mai zum Vorjahr überraschend um 0,2 Prozent. Erst bei einem jährlichen Wachstum von mehr als 4,5 Prozent sieht die EZB mittelfristig Inflationsgefahren aufziehen.

Die Geldmenge M3 umfasst unter anderem Bargeld, Einlagen auf Girokonten sowie Schuldverschreibungen mit bis zu zwei Jahren Laufzeit. Weil dieses Geld rasch abgehoben und ausgegeben werden kann, birgt ein hohes M3-Wachstum potenziell Inflationsgefahren, weil eine höhere Nachfrage die Preise treiben kann.