Grandhotel in der Insolvenz

Anno August Jagdfeld ist mit Heiligendamm gescheitert

Jagdfeld sammelte bei Anlegern über 100 Millionen Euro für sein Grandhotel ein. Inzwischen ist Insolvenz angemeldet. Diskussion um Gründe.

Fast 219 Jahre nachdem Herzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin am "Heiligen Damm" zum Baden in die Ostsee stieg und damit das erste Seebad Deutschlands begründete, läuft Anno August Jagdfeld durch die Lobby des Grand Hotels Heiligendamm und bleibt vor einem Ölgemälde stehen. Er mag das Bild. Weil es den ersten Gründer von Heiligendamm zeigt. Er sei ja der zweite, sagt Anno August Jagdfeld.

Vor drei Wochen hat Anno August Jagdfeld, 65, für das Grand Hotel Heiligendamm Insolvenz angemeldet. Es ist die erste Pleite seiner Karriere.

Mehr als 800 Bauten hat Jagdfeld mit seiner Immobiliengruppe Fundus hochgezogen. Dafür hat er mehr als fünf Milliarden Euro bei 56.000 Anlegern eingesammelt. Zwei dieser Projekte machten ihn bekannt: das erfolgreiche Hotel Adlon in Berlin und das Grand Hotel Heiligendamm. Und jetzt die Pleite. Ausgerechnet in Heiligendamm. Jagdfeld will sich erklären, die Schmach umdeuten.

Er bittet in die Bibliothek des Hotels. Der Teppich ist schwer, das Licht warm. Jagdfeld sieht mit seiner Cordhose, der grünen Weste unter dem hellen Sakko und den weinroten Socken aus wie ein englischer Lord auf seinem Landsitz. Der Blick aus dem Fenster fällt auf den Parkplatz des Grandhotels. Nur ein einziger Aston Martin parkt da. Zu wenig. Die Auslastung an diesem Montag im März liegt bei zehn Prozent. Das Grandhotel ist trotz der Insolvenz geöffnet. "Das Hotel polarisiert", sagt Jagdfeld. Seine dunkle Stimme, sein rheinischer Dialekt haben etwas Gemütliches. "Und ich persönlich als Unternehmer ja auch."

Jagdfelds Eltern hatten bei Aachen eine Schreinerei und ein kleines Möbelgeschäft. Jagdfeld lernte damals, im Nachkriegsdeutschland, wie man Geschäfte macht. Neben dem Betriebswirtschaftsstudium arbeitete er als Anlageberater. Verkaufen, Geld einsammeln, das konnte er. "Mit 22 Jahren war ich schon als Student der erfolgreichste Anlageberater Deutschlands", sagt er. Nach dem Studium arbeitete er als Steuerberater und stieg ins Baugeschäft ein. Jagdfeld baute Wohnungen, Supermärkte, Büros. Als die Mauer fiel und die Politik Immobilien im Osten der Republik mit Steuervorteilen förderte, war Jagdfeld da.

1996 fand er in einer Zeitschrift ein Foto von Heiligendamm. Er sah die heruntergekommenen Fassaden. In der Zeitschrift stand, dass Heiligendamm sich im "Dornröschenschlaf" befinde. Jagdfeld fuhr hin.

Er lief durch die Anlage, in der DDR war sie als Sanatorium genutzt worden. Früher hatte der europäische Hochadel in dem klassizistischen Ensemble aus Bade- und Logierhäusern geurlaubt. "Heiligendamm erinnerte mich an meine alten Bücher aus dem Latein- und Griechisch-Unterricht. Wie die alten Griechen ihren Tempel am Meer hatten. Das hat meine Seele angesprochen", sagt Jagdfeld. Seine Liebe zu den alten Griechen und Römern betont er gerne und häufig.

Er kaufte das Gelände von der Treuhand. 130 Millionen Euro steckten Anleger in seinen "Fundus Fonds 34". Er selbst hält sieben Prozent der Anteile. Jagdfeld versprach Ausschüttungen von acht Prozent und mehr.

Er errichtete sechs Hotelgebäude mit 222 Zimmern, die Hälfte davon Suiten. Zum Richtfest kam der damalige Bundespräsident Johannes Rau, die Eröffnung war 2003. Die ersten Monate liefen gut. Jagdfeld bekam das Bundesverdienstkreuz für den Wiederaufbau von Heiligendamm.

Es kamen die Gäste in sein Fünf-Sterne-Hotel, die er sich erhofft hatte: gut situiert, mit Blick für das Schöne. Doch es kamen auch Gäste, die Jagdfeld nicht so willkommen waren: Tagestouristen, Neugierige.

Jagdfeld, der Ästhet, sagt, dass die Tagesgäste mit Fahrradhelm und reflektierender Kleidung über das Gelände gestromert seien. Dass sie die Hotelgäste gefragt hätten, ob sie mal bei ihnen aufs Klo dürften. "Wenn 4000 Menschen am Tag hier reinkommen, dann verdient das Hotel daran nichts. Diese Menschen vertreiben nur die zahlenden Gäste. Wer in den Urlaub fährt, der will nicht scheel beäugt werden, sondern seine Ruhe genießen."

Schon im Jahr nach der Eröffnung machte sich bemerkbar, dass das Hotel nicht gut lief. Die Luxushotelgruppe Kempinski, damals verantwortlich für das Management, verramschte Übernachtungen bei Tchibo. Zwischenzeitlich war das Hotel deshalb ausgebucht: mit Menschen, die morgens die Liegen am Pool mit ihren Handtüchern belegten, das Frühstücksbüfett plünderten - und das Zigarren-Löschwasser tranken. "Ein großer Imageschaden", sagt Jagdfeld. Er trennte sich von Kempinski. Er sah nur eine Lösung: Er musste das Hotel abschotten. Da war das Kulturdenkmal, das allen gehören soll - und auf der anderen Seite das Hotel. Er entschied sich für sein Hotel. "Das ist der Unterschied zwischen einem Unternehmer, der etwas anpackt. Und Leuten, die im Klassenkampf leben."

Später an diesem Tag steht Hannes Meyer vor dem Hotel. Er ist in Heiligendamm geboren, sein Elternhaus gehört jetzt der Jagdfeld-Gruppe, wie vieles in Heiligendamm. "Jagdfeld hat Heiligendamm das Herz genommen", sagt Meyer. Kaum war der Investor aus dem Westen da, habe er den Küstenwanderweg gesperrt, Wege zur Natur gekappt. Obwohl diese alle öffentlich gewesen seien. "Er hat Heiligendamm Stück für Stück dichtgemacht", sagt Meyer. 2004 trat der Architekt Hannes Meyer mit anderen Jagdfeld-Gegnern bei der Kommunalwahl an, mit dem Bürgerbündnis. Das Bürgerbündnis stellt heute drei Abgeordnete. Meyer versuchte, mit Jagdfeld zu verhandeln. Doch der, so Meyer, wollte von seiner Position nicht abrücken. Irgendwann kämpften auch die Gegner um alles, was sie kriegen konnten. Als Faustpfand.

Wer heute nach Heiligendamm kommt, steht vor 80 Zentimeter hohen Zäunen. Nur Hotelgäste kommen mit ihren Chipkarten auf das Hotelgelände. Heiligendamm besteht eigentlich nur noch aus Zäunen. "Er konnte es nur machen, weil er Rückendeckung von der Landesregierung hatte. Diese ganzen Pfeifen haben ihn hofiert", sagt Meyer. Wohl auch, weil das Land 50 Millionen Euro zugeschossen hatte.

In seiner Bibliothek erzählt Jagdfeld jetzt vom G8-Gipfel im Jahr 2007, sein Grandhotel war der Tagungsort. "Das war wie eine große italienische Oper", sagt Jagdfeld. Die Sonne schien, und er kam den Mächtigen ganz nahe. George W. Bush sei am nettesten gewesen, auch zum Personal. Die frühere Frau Sarkozy war ebenfalls da. Sie fiel dadurch auf, dass sie ihrem Mann eine Szene machte und vorzeitig abreiste. Wenig später trennten sich die beiden.

Mit Romano Prodi, dem damaligen Premier Italiens verstand sich Jagdfeld am besten. Weil Prodi die Liebe zur Architektur von Heiligendamm teilte. Das Foto mit den Mächtigen im XXL-Strandkorb ging um die Welt.

Doch es brachte nichts, die Reichen mieden Heiligendamm. "Das Problem ist durch unauffällige kleine Zäune zwar gelöst. Aber mental nicht. Wenn Sie einmal ein mieses Urlaubserlebnis hatten, fahren Sie da nicht mehr hin", sagt Jagdfeld.

Statt 70-Jährigen kamen junge schicke Paare mit Kindern nach Heiligendamm. Jagdfeld schwenkte auf die neue Zielgruppe um, stellte fünf Kindergärtnerinnen ein. Gäste, die nach Heiligendamm kamen, um ihre Ruhe zu haben, wunderten sich über das Kindergeschrei. Familien, die mit ihrer Familienkutsche vorfuhren, wunderten sich über den steifen Diener, der ihnen an der Einfahrt das Fahrzeug abnehmen wollte. Es passte alles nicht zusammen.

"Das Hotel polarisiert. Und ich persönlich als Unternehmer ja auch" Anno August Jagdfeld

Hannes Meyer sagt, Jagdfeld habe sich verkalkuliert. "Er hatte viel zu hohe Ansprüche: fünf Sterne, alles vom Feinsten - das klappte nicht." Außerdem könne ein Hotel nur funktionieren, wenn es auf Akzeptanz in der Region stoße. Irgendwann seien keine Menschen mehr nach Heiligendamm gekommen. Weil sie vor Jagdfelds Zäune liefen. Und die, die eingezäunt im Hotel saßen, fühlten sich nicht wohl. "Heiligendamm ist ein toter Ort", sagt Hannes Meyer. Jagdfeld habe den Ort und seine Einwohner einfach nicht verstanden.

Anno August Jagdfeld sagt, dass er das "Produkt Heiligendamm" als einer der ganz wenigen verstanden habe. "Das lag daran, dass ich einen Sinn für Ästhetik und Schönheit habe. Ich dachte, dass jeder mich dabei unterstützen kann. Aber Ästhetik ist nur für einen Teil der Menschen der Treiber."

Er steht auf, verlässt die Bibliothek und geht in die Eingangshalle des Hotels. Dort steht ein Modell von Heiligendamm. Zu sehen sind das Haus Grand Hotel, das Haus Mecklenburg, das Severin-Palais, die Burg Hohenzollern, die Orangerie. Jagdfelds Bauten. Zu sehen sind auch Gebäude, die es noch gar nicht gibt - und die es vielleicht auch nie geben wird: ein Thalasso-Zentrum, ein Ayurveda-Zentrum, ein Zentrum für plastische Chirurgie. Damit hätte er eine Auslastung von 70 Prozent schaffen können, sagt er. Es fehlte ihm allerdings das Geld dafür: 50 Millionen Euro. Sechs Millionen habe er in den vergangenen vier Jahren aus eigener Tasche zugeschossen. Er hat seine Anleger um Geld gebeten - sie blockten ab. Der Fonds hatte nie etwas abgeworfen.

Eine Anwaltskanzlei aus der Nähe von Stuttgart vertritt über 100 Heiligendamm-Anleger und fordert Schadenersatz. Die Vorwürfe: Die Anleger seien nicht über das Risiko des Totalverlusts aufgeklärt worden, ihnen sei die Investition als sichere Altersvorsorge verkauft worden. Die Anwälte werfen Jagdfeld vor, kräftig an Heiligendamm verdient zu haben, weil er eigene Firmen mit dem Bau beauftragt hatte. Außerdem war seine Frau für den Innenausbau des Hotels zuständig. Die Anwälte fragen sich, ob das Geld ihrer Anleger in den Jagdfeld-Firmen verschwunden ist. Und sie verweisen auf andere Fonds von Jagdfeld, die ebenfalls Flops waren: das Einkaufszentrum Steilshoop in Hamburg oder die Gutenberg-Galerie in Leipzig.

Jagdfeld selbst sieht die Sache gelassen: "Wer hier dabei war, war beides: Anleger - und mit der Seele dabei", sagt er über seine Anleger: "Die meisten sind sehr freundlich und nett, weil sie gesehen haben, dass ich mich über alle Maßen engagiert habe."

Und außerdem bekämen sie die Hälfte ihrer Verluste von der Steuer wieder zurück, es sei doch alles gar nicht so schlimm. Er rechnet vor: "Wenn sie in Heiligendamm 100.000 Euro investiert haben, haben sie 50.000 verloren. Wenn sie zur selben Zeit mit dem Geld Commerzbank-Aktien gekauft haben, dann haben sie 80.000 verloren." Gab es denn empörte Rückmeldungen? "Keine einzige."

Jagdfeld will in Heiligendamm bleiben, trotz allem. Er fühlt sich hier zu Hause. "Die Gegend hat so einen erdverbundenen, melancholischen Grundton", sagt er. Seine Firma besitzt hier noch viele Villen, die saniert und verkauft werden sollen.

Er will noch den Ballsaal im Kurhaus zeigen. Hier speisten die Staatsgäste beim G8-Gipfel, hier fand immer die Weihnachtsfeier des Heiligendamm-Fonds statt. Von der Decke leuchten Kronleuchter - auf leere Tische. Es ist sehr still im Ballsaal. Wie fühlt er sich? "Das ist traurig und ärgerlich. Auf der anderen Seite, als Altphilologe, ist man auch Stoiker. Sokrates und Aristoteles haben ihre Jünger erzogen zum Stoischen, dass man das Leben so nimmt, wie es ist. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen." Das hat auch Leo Kirch gesagt, damals nach seiner Pleite. "Der war auch ein großer Unternehmer." Auch.

Vor drei Wochen hat Anno August Jagdfeld hier im Ballsaal seinen 300 Heiligendammer Mitarbeitern erklärt, dass er Insolvenz angemeldet hat. Es war ein schwerer Gang für ihn. Seitdem hat der Insolvenzverwalter das Sagen, Anno August Jagdfeld ist jetzt Gast in seinem eigenen Hotel.