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Ex-Chef von Xing: "Berlin ist sexy, Hamburg nicht"

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Junge Internetfirmen zieht es wegen niedriger Mieten und des internationalen Flairs in die Hauptstadt. Auch Earlybird wechselt an die Spree.

Hamburg. E-Commerce-Hochburg, Hauptstadt der Software-Gründungen, Top-Standort für Firmen der Online-Spielebranche: Hamburg gilt seit Längerem als einer der wichtigsten Standorte für Firmen aus der Informations- und Technologiebranche in Deutschland. Doch die Anzeichen mehren sich, dass Berlin der Hansestadt den Rang ablaufen könnte.

Mit dem IT-Investor Earlybird (englisch für "früher Vogel") ist gerade einer der wichtigsten deutschen Finanziers von Internet-Start-ups dabei, von der Elbe an die Spree zu wechseln. 420 Millionen Euro an Beteiligungskapital verwaltet das Unternehmen, das auch in junge Medizintechnikfirmen investiert. "Wir haben uns zu dem Umzug entschlossen, weil Berlin heute der wichtigste Standort für Start-ups in Europa ist", sagt Christian Nagel, Managing Partner und Mitbegründer des Risikokapitalgebers. "In Hamburg gibt es zwar auch eine lebendige Gründerszene, die aber nicht so schnell wächst wie in der Hauptstadt."

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Drastischer formuliert es der Gründer und Ex-Chef des sozialen Netzwerks Xing, Lars Hinrichs. "Berlin ist sexy, Hamburg nicht", sagt Hinrichs, der heute mit seiner Firma HackFwd (sprich: Hackforward) junge IT-Unternehmen unterstützt: Zwar trägt sich der eingefleischte Hanseat derzeit nicht mit dem Gedanken, sein eigenes Unternehmen vom Mittelweg nach Berlin Mitte zu verlagern, doch wenn die Hamburger die Chefs ihrer über ganz Europa verstreuten Firmen zum Gedankenaustausch zusammentrommeln, geschieht dies immer an der Spree. "Internationale Top-Leute als Gastredner bekomme ich nur nach Berlin", meint Hinrichs. Die Hauptstadt sei der einzige Ort in Europa, wo er so etwas wie ein "Silicon-Valley-Gefühl" verspüre.

Den subjektiven Eindruck der Finanzinvestoren bestätigen auch die jüngsten Zahlen der Handelskammern in Berlin und Hamburg. Danach entstanden in der Hauptstadt im vergangenen Jahr 509 neue Firmen, die sich mit Softwareentwicklung, Telekommunikation oder dem Bau neuer Hardware beschäftigten. In der Hansestadt kamen mit 199 IT-Spezialisten deutlich weniger Firmen hinzu, wobei die Statistik hier allerdings nur bis August 2011 reicht und die Kammern die Branchen etwas anders abgrenzen.

Bei Earlybird ist das Verhältnis zwischen den beiden Städten jedenfalls eindeutig. Sieben Firmen betreuen die Risikokapitalgeber in Berlin, null in Hamburg. Zu den Investments in der Hauptstadt zählen die Onlinefirma Crowdpark, die sich auf Sportwetten in sozialen Netzwerken spezialisiert hat, oder auch die Firma Madvertise, die sich mit Werbung auf Smartphones und anderen mobilen Geräten beschäftigt. Daneben gehört die Medizintechnikfirma EBS Technologies zum Portfolio, die neue Verfahren zur Behandlung neurologischer Erkrankungen entwickelt.

In Hamburg ist Earlybird hingegen zuletzt beim Immobilienportal Yoom ausgestiegen, weil sich dieses nicht wie erwartet entwickelt hatte. Auch bei dem Wettanbieter Tipp24 waren die Geldgeber engagiert, trennten sich allerdings schon 2005 von ihren Anteilen.

"Berlin zieht im Augenblick jede Menge junge Firmen an, weil die Mieten günstig sind und auch schon viele potenzielle Mitarbeiter aus den unterschiedlichsten Ländern in der Stadt leben", sagt Earlybird-Partner Nagel. "Dies macht insbesondere die Gründung von international operierenden Unternehmen einfacher als in jeder anderen europäischen Stadt." Selbst London habe Berlin mittlerweile als Start-up-Hochburg den Rang abgelaufen. Daher sei es für Earlybird wichtig, direkt vor Ort zu sein und möglichst enge Verbindungen mit den Firmen aufzubauen.

Mit einer besseren Förderung junger Unternehmen hat die Abwanderung von Earlybird allerdings nichts zu tun. "Die positive Entwicklung in Berlin findet eher trotz als wegen der Politik statt", sagt Nagel. Versäumnisse in Hamburg kann Nagel nur bedingt erkennen. "Die Unterstützung junger Firmen in Hamburg ist gut, allerdings lassen die universitären Rahmenbedingungen zu wünschen übrig", sagt er.

HackFwd-Chef Hinrichs wird auch hier deutlicher: "In Berlin gibt es fünfmal so viel preiswerte Büroflächen in Form von Co-Working-Arbeitsplätzen als in Hamburg", sagt der Experte. "Was uns an der Elbe fehlt, ist ein Leuchtturmprojekt für junge Internet- und Medienunternehmen." In Hamburg betreut HackFwd derzeit unter anderem das erfolgreiche Start-up Yieldkit, das anderen Internetfirmen hilft, mit ihren Seiten Geld zu verdienen. In Berlin sitzt die Firma Watchlater, die ein Programm für das iPad entwickelt hat, mit dem sich Filme von Videoportalen wie YouTube speichern lassen.

Bei der Medieninitiative Hamburg@work sieht man hingegen keine Gefahr, dass künftig mehr Firmen von der Hansestadt nach Berlin abwandern könnten. "Hamburg verfügt über eine vitale und vor allem wirtschaftlich erfolgreiche Start-up-Szene", sagt Esther Conrad, die für die Bereiche Medien und IT bei der Initiative verantwortlich ist. Die dynamische Entwicklung in Berlin kommt aus ihrer Sicht auch Hamburg zugute - zum Beispiel durch die internationalen Kreativen und IT-Spezialisten, die es jetzt nach Deutschland ziehe. "Ein Teil davon wird früher oder später in Hamburg landen - allein schon weil die Wirtschaftskraft hier bedeutend höher ist."

Finanzinvestor Earlybird will zumindest von Berlin aus auch weiterhin interessante Neugründungen in Hamburg unterstützen. "Mit dem Zug ist die Hansestadt schließlich nur eineinhalb Stunden entfernt", sagt Partner Nagel.

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