Der 59-Minuten-Ärger für Bahnfahrer

Staatskonzern will Kunden bei Verspätungen künftig kulanter entschädigen

Berlin. Es ist ein Streit um Minuten, manchmal sogar nur um Sekunden. Wie viel ist der Zug zu spät, 59 Minuten? Oder sind es 60 Minuten und mehr? Oft genug streitet die Deutsche Bahn mit ihren Kunden über diesen Augenblick, denn es geht um viel Geld, nämlich darum, ob die Regelungen für Entschädigungen greifen.

Erreicht ein Zug den Zielbahnhof des Kunden eine Stunde zu spät, gibt es ein Viertel des Fahrpreises zurück - bei 59 Minuten geht er leer aus. Nach Informationen der "Welt" will die Deutsche Bahn im Fall von Beschwerden künftig "großzügiger im Sinne der Fahrgäste entscheiden", wie es im Konzern heißt. "Wir arbeiten daran." Ein Sprecher wollte das nicht kommentieren.

Das wäre ein großer Schritt, denn die Bahn steht seit geraumer Zeit wegen des sogenannten 59-Minuten-Phänomens in der Kritik. "Das ist das mit Abstand größte Ärgernis bei der Deutschen Bahn", sagt Karl-Peter Naumann, Vorsitzender des Fahrgast-Verbandes ProBahn. Konzern und Kunden liegen immer wieder über Kreuz, weil die Deutsche Bahn im Streitfall häufig zu Verspätungen kommt, die geringer sind als 60 Minuten, die Fährgäste aber - auch den Bahnhofsuhren vor Ort zufolge - eine Stunde und mehr ermitteln.

"Wir haben Fälle, da geht es um 23 Sekunden", sagt Heinz Klewe, Geschäftsführer der Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (Söp). Bei ihm landen all jene Kunden, deren Beschwerden von der Bahn abgelehnt wurden - und die überhaupt wissen, welche Rechte sie haben.

Ende Juli 2009 hatte Deutschland EU-Vorgaben für Fahrgastrechte übernommen. Danach haben Fahrgäste bei mehr als einer Stunde Verspätung Anrecht darauf, ein Viertel des Fahrkartenpreises erstattet zu bekommen. Bei mehr als zwei Stunden Verspätung ist es die Hälfte. Ist absehbar, dass das Fahrziel erst mit mehr als 20 Minuten Verspätung erreicht wird, dürfen Fahrgäste auch Züge benutzen, für die ihre Fahrkarte normalerweise nicht gilt. So kann der Kunde einen ICE nutzen, auch wenn er nur einen Fahrschein für einen Regionalexpress hat.

Die Bahn ändert jetzt zum 1. Juli einiges am Katalog für die Kunden. Wichtigster Punkt: Die Zugbegleiter können bei verpassten Anschlusszügen Taxi- und Hotelgutscheine noch im Zug verteilen, wenn die ServicePoints in den Bahnhöfen geschlossen sind oder es dort gar keine gibt. Bisher musste sich der Fahrgast die Verspätung im Zug bescheinigen lassen und dann am ServicePoint einen Gutschein einfordern. Künftig werden bei Verspätungen von mehr als 59 Minuten im Zug Getränke angeboten, bislang gab es diese schon bei einer halben Stunde Verspätung. Snacks werden an Fahrgäste ausgegeben, wenn der Zug zwei Stunden und mehr verspätet ist.

Diese beiden Punkte sind aber Kleinkram angesichts des 59-Minuten-Problems. Für Naumann ist dessen Ursache klar: "Die Bahn misst die Pünktlichkeit der Züge, wenn die den Bahnhof erreichen. Aber dann dauert es noch, bis der Zug endgültig hält, die Türen öffnen und die Fahrgäste aussteigen können. Erst dann darf gemessen werden", fordert der ProBahn-Chef. Die Bahn kontert: Für den Konzern gelte, dass mit Halt am Bahnsteig gemessen werde.

Warum das Unternehmen aber selbst dann zu Verspätungen von weniger als 60 Minuten kommt, wenn die Bahnhofsuhren beim Stopp des Zuges etwas anderes anzeigen, bleibt ungeklärt. ProBahn und Politik machen seit Wochen Druck, dass die Bahn ihr Prozedere ändert. "Es geht nicht, dass sich das Staatsunternehmen Bahn die Realität nach seinem Geschmack zurechtbiegt", sagt Winfried Hermann (Grüne). Er ist der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Deutschen Bundestag. Die Schlichtungsstelle ( www.soep-online.de ) kommt zu einem anderen Ergebnis: "Wir hatten seit Dezember 1600 Eingaben, zwei Drittel davon im Bereich Bahn. Und knapp zehn Prozent der Fälle von Verspätungen drehen sich um das 59-Minuten-Phänomen", sagt Söp-Geschäftsführer Klewe.

Immerhin kann Klewe in einem Punkt Mut machen: "In rund 90 Prozent der Fälle konnte wir bislang eine gütliche Einigung zwischen Bahn und Kunden erreichen." Und wenn sich der Konzern künftig wie angekündigt großzügiger zeigt, wird die Quote steigen, oder es landen eben viele Fälle gar nicht mehr bei Klewe.