Vertrauen in Ratingagenturen sinkt

Kritiker werfen den Branchengrößen zu sorglosen Umgang mit Bestnoten vor

Frankfurt/New York. Die erneute Herabstufung der Kreditwürdigkeit Griechenlands wirft ein Schlaglicht auf die Macht der Ratingagenturen. Ihr Votum zur Bonität eines Landes hat gravierende Folgen für den Schuldner und die einzelnen Gläubiger. Die Noten der drei großen Agenturen Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch sollen ein Warnsignal für Investoren sein, können aber in Krisenzeiten auch den Todesstoß für schwer kranke Patienten bedeuten. Denn einige konservative Anleger wie Pensionskassen wollen oder dürfen nur Papiere mit einem bestimmten Gütesiegel halten. Fällt das weg, werden die Anleihen verkauft, was die Probleme des Schuldners verschärft.

Einen solchen Teufelskreis fürchten Experten nun im Falle Griechenlands: Nach S&P hat auch Moody's den Anleihen des südeuropäischen Landes "Ramschstatus" attestiert. Damit gelten die Bonds des Landes offiziell als Schrottanleihen, bei denen ein Ausfall sehr wahrscheinlich ist. Übersetzt bedeutet dies, dass solche Papiere nur für Profianleger wie Hedgefonds geeignet sind, die auf hoch spekulative Geschäfte spezialisiert sind: Bei mehr Risiko gibt es höhere Zinsen.

Keine Frage, Ratingagenturen sind eine sinnvolle Einrichtung: Sie bewerten die Kreditwürdigkeit von Unternehmen oder Staaten. Sie prüfen, ob ein Wertpapier auch wirklich werthaltig ist. Zumindest ist das ihre Aufgabe. Die Finanzkrise hat aber arge Zweifel daran geweckt, dass sie immer im besten Interesse der Anleger gehandelt haben.

Der Vorwurf der Käuflichkeit wurde laut. Eine "Triple-A-Fabrik" seien die drei großen Ratingagenturen gewesen, polterte der amerikanische Politiker Phil Angelides. Er kritisierte damit die inflationäre Benutzung der Spitzennote "AAA" für jene Hypothekenpapiere, die 2007 reihenweise den Bach runtergingen und die Finanzkrise auslösten.

Der sorglose Umgang mit den Bestnoten hat die Ratingagenturen viel Vertrauen gekostet. Dabei leben die Firmen von ihrem guten Ruf. Doch die Berichte von Ex-Mitarbeitern lassen den Verdacht aufkommen, dass in den Chefetagen das Renditestreben die Oberhand gewann und bei der Bewertung gern mal ein Auge zugedrückt wurde. Denn diejenigen, die sich benoten lassen, zahlen auch die Rechnung. Der ehemalige Moody's-Analyst Eric Kolchinsky berichtete über die Auswirkungen: Wenn eine Agentur ein gewünschtes Rating nicht ausgestellt habe, sei der Kunde halt zur Konkurrenz gegangen. Entsprechend hoch sei der Druck für eine positive Bewertung gewesen.

In Europa wird nun über staatliche oder halbstaatliche Ratingagenturen diskutiert, um Interessenskonflikte zu vermeiden. Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hat sich für die Gründung einer unabhängigen europäischen Ratingagentur ausgesprochen - allerdings auch vor dem Hintergrund, dass die marktbeherrschenden drei US-Agenturen derzeit kein gutes Haar an Europa lassen.