Windkraft: Boombranche kämpft um die besten Kräfte

Repower jagt Siemens Topmanager ab

Andreas Nauen wird im Oktober neuer Chef des Hamburger Unternehmens. Kosten sollen weiter gesenkt werden.

Hamburg. Der Kleine greift beim Großen zu: Andreas Nauen, derzeit Chef der Siemens-Windkraftsparte im dänischen Brande, wird zum 1. Oktober neuer Vorstandsvorsitzender des Hamburger Windturbinenherstellers Repower Systems. Dessen jetziger Chef Per Hornung Pedersen bleibt als normales Vorstandsmitglied weiterhin im Führungsgremium des Unternehmens und wird sich künftig um strategische Fragen kümmern. Das habe der Aufsichtsrat am Montag beschlossen, teilte Repower gestern mit. 91 Prozent der Repower-Anteile gehören dem indischen Windkraftkonzern Suzlon des Unternehmers Tulsi Tanti, der auch den Repower-Aufsichtsrat leitet.

"Die Berufung von Andreas Nauen bedeutet eine weitere Stärkung des Vorstands für die Wettbewerbsfähigkeit von Repower. Bisher waren die strategische Entwicklung und das operative Geschäft beim Vorstandsvorsitzenden gebündelt", sagte Pedersen dem Abendblatt.

Der Wechsel kommt überraschend, verdeutlicht aber die grundlegenden Veränderungen in der Windkraftindustrie. Großkonzerne wie Siemens und General Electric setzen in der zuvor mittelständisch geprägten Branche neue Standards und erhöhen mit industriellen Fertigungsmethoden den Wettbewerbsdruck. Auch südkoreanische Industriekonglomerate wie Hyundai und Samsung drängen neuerdings auf den Windkraftmarkt, der derzeit weltweit ein Umsatzvolumen von etwa 30 Milliarden Euro umfasst. In den kommenden 20 Jahren wird sich dieser Umfang nach Branchenschätzungen etwa verzehnfachen, sowohl durch den Aufbau von Windparks an Land als auch auf dem Meer.

Nauen baute für Siemens seit 2004 das Geschäft mit der Windkraft auf. Siemens hatte damals den dänischen Hersteller Bonus in Brande übernommen. Seither verzehnfachte Nauen den Umsatz dort auf rund drei Milliarden Euro und baute die Zahl der Arbeitsplätze von 850 auf weltweit etwa 5500 aus. Zu Beginn des Jahres startete Siemens in Brande die erste Großserienfertigung von Windturbinen in der Branche überhaupt. "Auch bei Repower streben wir Kostenreduktion durch die Fertigung größerer Stückzahlen an", sagte Pedersen. "Sicher wird Andreas Nauen das fortführen." Siemens Windkraft ist, ebenso wie Repower, besonders auf das Geschäft mit Windturbinen für den Offshore-Einsatz auf dem Meer fokussiert.

Nauen sagte mit Blick auf seinen neuen Arbeitgeber: "Das Auftragsbuch ist sehr gut gefüllt. Ich freue mich auf die Aufgabe, Repower in eine neue Wachstumsphase zu führen." Nauen arbeitet seit 1991 bei Siemens. Unter anderem war er als Projektmanager in der Gas- und Dampfturbinensparte des Konzerns sowie in leitender Funktion im Vertrieb der Siemens-Kraftwerksparte tätig. 2002 übernahm er die Verantwortung für die strategische Planung im Geschäftsbereich Energieerzeugung, 2004 die Leitung von Siemens Windkraft.

Neuer Chef von Siemens Windkraft wird Jens-Peter Saul, der für Siemens zuletzt als Energiemanager in Großbritannien gearbeitet hat, teilte der Münchner Technologiekonzern mit.

Für Repower dürfte Nauens Bestellung zum Vorstandsvorsitzenden eine engere Integration in den Suzlon-Konzern bedeuten. Das Unternehmen gilt als technologisch fortschrittlich, aber im Branchenvergleich mittlerweile relativ klein. Im zurückliegenden Geschäftsjahr 2008/2009 erwirtschaftete das Hamburger Unternehmen mit rund 1300 Mitarbeitern 1,2 Milliarden Euro Umsatz und ein operatives Ergebnis (Ebit) von rund 77 Millionen Euro. Der scheidende Chef Pedersen hatte erst am Montag im Abendblatt-Interview darauf verwiesen, dass Repower seine Strategie unabhängig von Suzlon verfolge, obwohl Suzlon rund 91 Prozent der Repower-Anteile hält und die Komplettübernahme anstrebt: "Unsere Freiheit ist so groß wie zuvor, da gibt es keinen Unterschied. Repower und Suzlon bieten völlig unterschiedliche Produkte an. Wir ergänzen uns sehr gut." Mit der großen Freiheit könnte es nun vorbei sein.