Minus-Rekord

Böse Überraschung für die deutsche Wirtschaft

Minus fünf Prozent: So stark wie 2009 ist die Wirtschaft laut den Aufzeichnungen des Statistischen Bundesamts noch nie geschrumpft. Demnach hat die Erholung der Konjunktur Ende des Jahres an Fahrt verloren. So pessimistisch wie die amtlichen Statistiker geben sich Ökonomen aber nicht.

Wolfgang Strohm hätte es nicht für möglich gehalten, dass er einmal auf solche Zahlen kommen würde. Seit 1973 arbeitet der 61-jährige Volkswirt beim Statistischen Bundesamt, seit fast zwölf Jahren leitet er die Abteilung „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen“. In den vergangenen 37 Jahren war Strohm fast immer dabei, wenn es darum ging, das jährliche Wachstum der deutschen Wirtschaft zu errechnen.

Nun sitzt Strohm im frisch renovierten Gerhard-Fürst-Saal des Bundesamtes und gibt mit seinen Kollegen die Zahlen für 2009 bekannt. Er lugt über seine Brille zur Projektion an der Wand – und dann taucht vor ihm die historische Zahl auf: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist 2009 um fünf Prozent eingebrochen – so stark wie noch nie zuvor in der Nachkriegsgeschichte. „Ausschließen kann man nichts, aber vor der Finanzkrise habe ich nicht gedacht, dass wir einmal einen solchen Einbruch erleben werden“, sagt Strohm.

Der bisherige Minusrekord stammt aus dem Jahr 1975, als die Wirtschaft infolge der Ölkrise um 0,9 Prozent schrumpfte. Hauptgründe für das historisch miese Ergebnis im Jahr 2009: Die katastrophalen Einbrüche bei Ausfuhren und Unternehmensinvestitionen infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise.

Die Exporte schrumpften im vergangenen Jahr um fast 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Unternehmen fuhren ihre Investitionen aufgrund unsicherer Aussichten und Auftragsrückgänge sogar um 20 Prozent zurück. Mit fünf Prozent schrumpfte die Wirtschaft leicht stärker, als Volkswirte zuletzt angenommen hatten. Sie waren von einem Rückgang von 4,8 Prozent ausgegangen.

Die böse Überraschung des Tages: Die Statistiker schätzen, dass die deutsche Volkswirtschaft zwischen Oktober und Dezember 2009 gegenüber den Vormonaten nur noch stagnierte. Dabei war die Erleichterung bereits groß, als die Konjunktur nach dem historischen Einbruch zu Jahresbeginn 2009 wieder ins Positive drehte und sich im dritten Quartal mit einem Wachstum von 0,7 Prozent sogar an die Wachstumsspitze in Europa setzte. Nach den Berechnungen des Statistischen Bundesamts hat diese Dynamik im vierten Quartal wieder merklich nachgelassen.

Viele Ökonomen halten die Schätzung der Statistiker allerdings für zu pessimistisch: „Ich kann nur schwer nachvollziehen, dass das vierte Quartal tatsächlich so schlecht gewesen sein soll“, sagte Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz. „Die Einzelhandelsumsätze lagen auf Vorquartalsniveau, die Exporte sind kräftig gestiegen und in wichtigen Industriebranchen – etwa der Autoindustrie – liegt die Stückproduktion über Vorjahr.“

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer rechnet weiterhin mit einem Wachstum im vierten Quartal. „So schlecht dürfte das vierte Quartal nicht gelaufen sein.“ Fasse man die Industrieproduktion im Oktober und November zusammen und vergleiche sie mit dem dritten Quartal, ergebe sich ein Plus von 1,1 Prozent, betont Krämer. Rückendeckung erhielten die Wiesbadener Statistiker aus Berlin. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) sagte, er erwarte für das vierte Quartal nur eine „schwarze Null“.

Ein Teil des gewaltigen Wirtschaftseinbruchs im Jahr 2009 ist allerdings auch auf einen rechnerischen Effekt zurückzuführen, den so genannten „statistischen Unterhang“. Dieser Unterhang entsteht, weil das Wachstum in jedem Vierteljahr an der Veränderung zum gleichen Quartal im Vorjahr gemessen wird. Was war aber zwischen 2008 und 2009 passiert?

2008 war die Wirtschaft bis zum dritten Quartal kontinuierlich gewachsen; dann aber brach die US-Investmentbank Lehman Brothers zusammen. Unternehmen auf der ganzen Welt verfielen in eine Art Schockstarre und stornierten all ihre Bestellungen. Die deutsche Wirtschaftsleistung rauschte danach abrupt in die Tiefe.

Der Absturz war so stark, dass er Folgen für die Wachstumszahlen des gesamten folgenden Jahres hatte. Denn durch den Schock Ende 2008 startete die Wirtschaftsleistung in den ersten drei Quartalen 2009 auf einem so tiefen Niveau, dass sie statistisch gegenüber ihren Vergleichsquartalen nur im Minus liegen konnten – selbst wenn die Volkswirtschaft im Lauf dieser Vierteljahre leicht gewachsen wäre.

Den umgekehrten Effekt beobachten Ökonomen, wenn das BIP im letzten Quartal eines Jahres besonders stark steigt, sie sprechen dann vom statistischen Überhang. Mit einem solchen starken Überhang hatten einige Wirtschaftsinstitute und Bankenvolkswirte gerechnet, die von einem ordentlichen Wachstum im vierten Quartal 2009 ausgingen und darauf ihre Prognosen für 2010 aufgebaut hatten.

Wenn das Wachstum im vierten Quartal nun geringer ausfallen sollte als angenommen, müssen die optimistischen Ökonomen ihre Prognosen für das laufende Jahr wieder nach unten korrigieren. Dies wird auch die Allianz tun. „Zu dem unerwartet schlechten vierten Quartal kommt der harte Winter, der die Bauwirtschaft im ersten Quartal diesen Jahres deutlich belasten könnte“, sagte Heise. „Deshalb werden wir unsere Prognose für 2010 von 2,8 Prozent etwas senken müssen.“

Die Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen auch, welch tiefe Spuren der Wirtschaftseinbruch in der Volkswirtschaft hinterlassen hat. So schrumpften die Bruttogehälter der Arbeitnehmer im vergangenen Jahr erstmals seit der Wiedervereinigung – um 0,4 Prozent. Damit kamen die Beschäftigten aber noch glimpflicher davon als die Firmen: Die Unternehmens- und Vermögenseinkommen brachen um elf Prozent ein.

Historisch getroffen ist auch der Außenhandel: Erstmals seit 1993 exportierte Deutschland aufgrund des Einbruchs der Auslandsnachfrage weniger Waren und Dienstleistungen als im Vorjahr. Gleichzeitig kamen erstmals seit sieben Jahren weniger Waren aus dem Ausland nach Deutschland.

„Das einzig Positive ist die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt“, sagt Strohm. Trotz Krise lag die Zahl der Erwerbstätigen 2009 bei 40,2 Millionen, womit der 2008 erreichte höchste Beschäftigungsstand seit der Widervereinigung annähernd gehalten wurde. Jobs abgebaut wurden vor allem in der Industrie, dagegen nahm die Zahl der Stellen bei öffentlichen und privaten Dienstleistern sowie im Baugewerbe zu.

Die Beschäftigtenzahl konnte vor allem dank Kurzarbeit recht konstant gehalten werden. Damit einher ging aber ein starker Rückgang der Arbeitsstunden: Jeder Erwerbstätige arbeitete im Schnitt 2,8 Prozent weniger als 2008. Dies führte dazu, dass die Arbeitsproduktivität – das BIP je Beschäftigten – um 4,9 Prozent sank.

Dieser Einbruch ist der stärkste in der Nachkriegszeit und auch im internationalen Vergleich einmalig: In der Eurozone betrug der Rückgang nur 1,8 Prozent, in den USA stieg die Arbeitsproduktivität sogar um ein Prozent. Der Grund: Die Firmen dort entließen viel mehr Mitarbeiter als die Unternehmen in Deutschland.

Strohm findet es „gesellschaftspolitisch großartig“, dass es den deutschen Unternehmen gelungen ist, derart wenige Arbeitnehmer zu entlassen. Anfang 2011 wird er zum letzten Mal mit Hilfe seiner Zahlenkolonnen präsentieren, wie sich die Wirtschaft geschlagen hat, danach geht er in Ruhestand.

„2010 wird positiv, da bin ich mir sicher“, sagt der 61-Jährige. Mehr wagt Strohm sich aber nicht aus der Deckung, da ist er ganz Statistiker. Statt falsche Prognosen abzugeben halte er sich lieber an ein weises Zitat eines Kollegen: „Der gute Prophet wartet die Ereignisse ab.“

Quelle: Welt Online