Lieferengpässe

Kältewelle überrascht den Einzelhandel

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Besonders Geschäfte im Norden waren auf das Winterwetter schlecht vorbereitet. Deutsche Produzenten profitieren davon.

Hamburg. Bei Globetrotter am Wiesendamm geht es dieser Tage zu wie im Bienenstock. Das Telefon klingelt ohne Unterlass, weil Kunden sich Ware zurücklegen lassen wollen. Gleichzeitig kommt die Laufkundschaft in Scharen, um sich beim größten europäischen Outdoorhändler mit wärmender Kleidung zu versorgen. Die Besuche sind ebenso vergeblich wie die Anrufe. "Schlitten, Schneeanzüge, Winterstiefel und alles andere, was wärmt, sind seit einer Woche nahezu ausverkauft", sagt Globetrotter-Manager Andreas Krüger. Es käme zwar vereinzelt Ware nach, aber nicht in ausreichender Menge. "Wir könnten ein Vielfaches mehr verkaufen."

Ähnlich geht es derzeit den meisten Einzelhändlern in Hamburg, die Spezialausrüstung für kalte Wintertage im Sortiment haben. Ob Karstadt, C&A, Peek&Cloppenburg oder Baby Walz - die Regale sind fast überall leer geräumt, besonders Schneeanzüge sind nur noch mit Glück zu finden. Dasselbe gilt für die meisten Onlinehändler, die mit denselben Liefer- und Produktionsstrukturen arbeiten wie der stationäre Handel.

Zum Leidwesen vieler Verbraucher sind Nachbestellungen beim Großteil der Lieferanten jedoch nicht möglich. Dafür gibt es drei Gründe: Viele Hersteller haben in diesem Jahr weniger produziert, weil im Krisenjahr 2009 mit einem Konsumeinbruch gerechnet wurde - der bislang aber nicht eingetreten ist. Nach ersten Hochrechnungen liegen die Umsätze im Textileinzelhandel sogar knapp über den Vorjahreszahlen. Zudem haben sich viele Händler beim Bestellen der Waren am Durchschnittswetter der vergangenen Jahre orientiert, die weniger schneereich waren. "Auf derartige Kälteperioden waren weder Hersteller noch Händler eingerichtet", sagte Jürgen Dax, Geschäftsführer des Bundesverbands des Textileinzelhandels, dem Abendblatt. Norddeutschland mit seinem üblichen Schmuddelwetter sei besonders im Nachteil: "In Wintersportgegenden wie Bayern oder dem Harz ist der Handel besser bevorratet - leider verhindern Kostengründe den flexiblen Austausch von Waren."

Der dritte Grund für die Lieferengpässe ist die Verlagerung vieler Produktionsstätten ins Ausland. "Etwa 80 Prozent aller Textilien werden außerhalb Deutschlands hergestellt", sagt Ulf Kalkmann vom Hamburger Einzelhandelsverband. "Die Wege sind so weit geworden, dass keiner erwarten kann, dass von heute auf morgen die Lager wieder voll sind." Die Folge: Nach Schätzungen des Textileinzelhandelsverbands könnten den Händlern durch die Nachschubprobleme bundesweit einige Millionen Umsatz verloren gehen. Die Branche ist dennoch zufrieden. "Lieber ausverkauft als wieder eingemottet", fasst Kalkmann zusammen. Zudem rege das Winterwetter zum Kauf weiterer Artikel an: Briketts, Punsch, sogar Würstchen und Süßwaren stehen nach Beobachtung von Handelsexperten auf mehr Einkaufslisten als üblich.

Weitere Profiteure des Rodelwetters sind die Unternehmer, die noch hierzulande ihre Produkte herstellen und deshalb kurzfristig liefern können. So wie Michael Ress, Firmeninhaber in achter Generation aus dem bayerischen Schwebheim. "Pro Tag produzieren wir momentan 100 Holzschlitten - dreimal mehr als sonst", sagte Ress dem Abendblatt. "Jetzt ist es von Vorteil, dass unsere Herstellung in Deutschland sitzt." Das gilt auch für den DAX-Konzern K+S, der seit Wochen vom großen Ansturm auf Streusalz profitiert. In den drei Werken in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt werde auf Hochtouren in drei Schichtsystemen gearbeitet. "Trotzdem ist die Liefersituation wegen der extrem hohen Nachfrage angespannt", räumt K+S-Sprecher Michael Wudonig ein. "Sicherheit geht bei uns vor, deshalb erhalten zunächst die Kommunen, Städte, Autobahnmeistereien und danach erst die Baumärkte ihre Streumittel."

Diese Lieferreihenfolge zeigt sich in den Baumärkten anhand leerer Regale. "Deutschlandweit ist Streusalz in allen Max-Bahr-Filialen ausverkauft", heißt es aus dem Hamburger Unternehmen. Umweltschützer halten das nicht für die schlechteste Entwicklung: Das Salz schädigt die Bäume nachhaltig, deshalb ist die private Verwendung auf öffentlichen Wegen in Hamburg verboten. Bei Max Bahr hat man aber die passende Alternative zur Hand: Granulat und Spielsand seien noch erhältlich.