Karstadt-Mutter Arcandor

Traditionskaufhaus hofft auf interessierte Investoren

38.000 Arcandor-Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft - und hoffen, dass Interessenten wie Otto oder Metro ihre Häuser übernehmen.

Hamburg. Eine der größten Pleiten in der deutschen Nachkriegsgeschichte ist besiegelt. Das Amtsgericht Essen eröffnete gestern das Insolvenzverfahren für den Karstadt-Mutterkonzern Arcandor. Auch für 20 weitere Konzerntöchter wurde die Insolvenz eröffnet, darunter die 93 Karstadt-Kaufhäuser (davon zehn in Hamburg), die Versandhandelstochter Primondo und den Katalogversender Quelle.

Insgesamt muss das Essener Gericht über rund 40 Einzelanträge entscheiden. Elf weitere Verfahren werden von anderen Gerichten bearbeitet. Nur der Tourismuskonzern Thomas Cook soll nicht in die Insolvenz geschickt werden. Das Unternehmen ist profitabel, Arcandor hat sein Aktienpaket an dem Flug- und Reiseveranstalter bereits an die Banken verpfändet.



Gleichzeitig mit der Verfahrenseröffnung hat der bisherige Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick das Unternehmen verlassen, der nur ein halbes Jahr an der Arcandor-Spitze stand. Er ist vor allem wegen Gehaltszahlungen von bis zu 15 Millionen Euro, die vom Großaktionär Sal. Oppenheim garantiert wurden, in die Kritik geraten. So attackierte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gestern Eicks Millionengehalt heftig: "Wenn jemand, der ein insolventes Unternehmen leitet, für sechs Monate Arbeit das gesamte Gehalt für fünf Jahre bekommt, wie der Herr Eick in Höhe von 15 Millionen, dann habe ich dafür absolut kein Verständnis", sagte die CDU-Chefin dem Bayerischen Rundfunk. Eick hat nach der Kritik gestern gegenüber der "Bild" erklärt, er wolle bis zu fünf Millionen Euro für Mitarbeiter des Arcandor-Konzerns spenden, um soziale Härten abzufedern.


Bei Arcandor hat nun der Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg das alleinige Sagen. Die rund 38.000 von den Insolvenz betroffenen Arcandor-Beschäftigten hat er bereits auf harte Zeiten eingestimmt: "Diese Operation wird Schmerzen bereiten", warnte er. Bis zu den Gläubigerversammlungen im November soll der Sanierungsplan stehen.


Schon jetzt steht fest, dass rund 3700 Mitarbeitern von Primondo der Verlust des Arbeitsplatzes droht. Die defizitären 109 Quelle Technik Center - davon eines in Harburg - sollen schon bald geschlossen und die Quelle-Shops von 1450 auf rund 1000 reduziert werden. Außerdem stehen noch 19 der 126 Karstadt-Waren- und Sporthäuser zur Disposition. Der Hamburger Handelsexperte Rainer Lademann ist zuversichtlich, dass große Häuser in guten Einkaufslagen wie die in der Hamburger City eine Chance haben. Bei den Häusern in mittelgroßen Städten hänge die Zukunft an der Sanierung. "Ein Konzept, wie Kaufhäuser operativ überleben können, hat Karstadt seit Jahren nicht", so Lademann. Wettbewerber Kaufhof stünde da besser da.


Mitarbeiter, die bleiben dürfen, müssen finanzielle Zugeständnisse machen. Das lehnt die Gewerkschaft Ver.di ab. "Spenden ersetzen kein zukunftsfähiges Geschäftsmodell", sagte die stellvertretende Ver.di-Vorsitzende Margret Mönig-Raane.

Nicht die Mitarbeiter erleiden Einbußen, sondern auch die Aktionäre. So droht Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz der Totalverlust ihrer Investitionen bei dem Handelsriesen. Laut einem Sprecher des Insolvenzverwalters können die Aktionäre nur mit Zahlungen rechnen, wenn die Gläubigerforderungen vollständig befriedigt würden und darüber hinaus Eigenkapital übrig bleibe. Doch das ist bei Insolvenzen praktisch nie der Fall.


Der Quelle-Gesamtbetriebsratschef Ernst Sindel hingegen zeigt sich optimistisch. Es gebe "definitiv 18 potenzielle Investoren", von denen sich etwa acht bis neun für die gesamte Primondo/Quelle-Gruppe interessierten, sagt er der "Frankfurter Rundschau". Görg würde Karstadt sowie Primondo am liebsten im Paket verkaufen. Doch es gibt Interessenten, die nur Teile übernehmen wollen. So liebäugelt Metro mit 60 Karstadt-Warenhäusern, die Hamburger Otto-Gruppe ist an einigen Filialen von Karstadt Sport sowie an einigen Spezialversendern von Primondo interessiert. Auch Teile des Mittel- und Osteuropageschäfts von Quelle hat Otto im Visier sowie den Shoppingsender HSI 24.