Militärindustrie

Rüstungskonzerne sind gut im Geschäft

U-Boote, Schützenpanzer, Granaten und Flugabwehrkanonen sind gefragt: Militärisches "made in Germany" verkauft sich auch in der Krise.

Hamburg. Wenn Rheinmetall-Chef Klaus Eberhardt derzeit von anderen Automobilzulieferern beneidet wird, liegt dies nicht am Geschäft des Düsseldorfer Konzerns mit Aluminiummotorblöcken, Kolben und Ölpumpen. Denn Rheinmetall hat eine zweite Sparte - mit Produkten, die sich in diesen Monaten sehr viel besser verkaufen: Radpanzer, Flugabwehrkanonen und Granaten. Durchschnittlich zehn Prozent Umsatzwachstum in jedem der nächsten Jahre plant Eberhardt für diesen Unternehmensbereich.

Seine Zuversicht ist nicht aus der Luft gegriffen. Anfang Juli bestellte die Bundeswehr bei Rheinmetall und dem Münchner Projektpartner Krauss-Maffei Wegmann 405 Puma-Schützenpanzer im Gesamtwert von 3,1 Milliarden Euro. Für Rheinmetall ist dies der größte Auftrag seit dem Zweiten Weltkrieg.

Auch bei anderen deutschen Unternehmen laufen die Geschäfte mit der Rüstung gut. So expandiert bei der Nürnberger Diehl-Gruppe der Wehrtechnikbereich, der unter anderem Lenkraketen für Jagdflugzeuge herstellt. Bei der ostdeutschen Technologiefirma Jenoptik ist der Militärtechnikbereich aktuell der einzige Wachstumszweig. Weltweit sieht es nicht anders aus. Bei Boeing, dem größten Anbieter der Branche, kletterte der Umsatz der Rüstungssparte im ersten Halbjahr um sechs Prozent auf 16,4 Milliarden Dollar (11,5 Milliarden Euro).

"Die Verteidigungsindustrie mit ihren lang laufenden Projekten ist derzeit ein Stabilitätsanker in der Krise", sagt Stefan Zoller, beim Airbus-Mutterkonzern EADS Leiter der Division Verteidigung und Sicherheit.

Selbst in der zuletzt arg gebeutelten Werftenbranche ist dies so: Die ThyssenKrupp-Tochter Howaldtswerke-Deutsche Werft AG (HDW) in Kiel wird der türkischen Marine Materialpakete zum Bau von sechs U-Booten liefern. Der Auftrag soll einen Gesamtwert von rund 2,5 Milliarden Euro haben.

Derzeit deutet wenig darauf hin, dass die weltweiten Rüstungsausgaben demnächst wegen der Wirtschaftskrise sinken werden - und die Tendenz ist eindeutig: Im vergangenen Jahr haben sie nach Angaben des internationalen Forschungsinstituts Sipri mit Sitz in Schweden um inflationsbereinigt vier Prozent gegenüber 2007 zugelegt und um 45 Prozent im Vergleich zum Jahr 1999.

Demnach wurden 2008 insgesamt 1464 Milliarden Dollar ausgegeben, wobei mehr als ein Drittel des Betrages allein auf die USA entfielen. "Dort ist kurzfristig keine Verringerung des Verteidigungsbudgets eingeplant", sagt Marc von Boemcken, Projektleiter Rüstungsdaten beim Internationalen Konversionszentrum Bonn (BICC), dem Abendblatt. "Man führt sogar explizit das Argument an, es schade der heimischen Industrie, wenn man die Militärausgaben in der Krise senkt."

Selbst die Absicht des US-Präsidenten Barack Obama, das Rüstungsbudget nur noch im Gleichschritt mit der Inflation steigen zu lassen, stößt auf Widerstand bei der Opposition: Obama wolle die USA "entwaffnen", wetterte der republikanische Senator James Inhofe. Auch im Hinblick auf Deutschland sind dem Experten Marc von Boemcken keine Pläne für eine nennenswerte Kürzung bekannt. Ob das auf längere Sicht so bleibt, ist fraglich. "Wir gehen davon aus, dass die Militärbudgets nicht nur in den USA, sondern in der gesamten westlichen Welt in den nächsten Jahren zunehmend unter Druck geraten werden, um die Staatshaushalte nicht noch weiter zu strapazieren", sagt Sascha Lange vom Berliner Institut für Wissenschaft und Politik dem Abendblatt. Doch das muss die Geschäfte der Waffenproduzenten keineswegs gefährden, wie Lange erklärt: "Auf der anderen Seite sieht man Steigerungen der Militärausgaben in Ländern wie China und Indien, vor allem aber auch im Mittleren Osten, wo der Iran einem Rüstungswettlauf Vorschub leistet. Das veranlasst zum Beispiel Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate zum Aufrüsten." Auch Marc von Boemcken sieht eine "massive Aufrüstungstendenz" in Asien. Ein Beispiel: Indien hat einen Bieterwettbewerb für 126 Kampfflugzeuge im Gesamtwert von bis zu zwölf Milliarden Dollar ausgeschrieben. Dies ist nach Angaben von Boeing der weltweit größte Jagdbomberauftrag seit den frühen 1990er-Jahren. Auch EADS bewirbt sich mit dem Eurofighter um das Riesengeschäft.

Deutschlands Waffenfirmen haben nach Einschätzung von Experten gute Chancen, von internationalen Aufträgen zu profitieren. Im Jahr 2007 - eine aktuellere Zahl ist nicht verfügbar - wurden Ausfuhrgenehmigungen für Rüstungsgüter von 8,7 Milliarden Euro erteilt. Zwar ist Deutschland bei solchen Produkten nicht Exportweltmeister, die Bundesrepublik liegt nach Angaben der Sipri mit einem Marktanteil von zehn Prozent aber immerhin auf Rang drei hinter den USA und Russland.

Kurzfristig allerdings nützt die Wirtschaftskrise einigen deutschen Rüstungsfirmen sogar direkt: Mit 37 Millionen Euro aus dem Konjunkturpaket werden Tornado-Kampfflugzeuge modernisiert, für 17 Millionen Euro wird der Transportpanzer Fuchs von Rheinmetall auf den neuesten Stand gebracht, für weitere Millionen aus diesem Topf soll die Bundeswehr neue Spähwagen und Maschinenpistolen erhalten.