Firmen: Diebstahl, Betrug und Unterschlagung sind die häufigsten Delikte

4,2 Milliarden Schaden durch Kriminelle

Studie: Jedes dritte Unternehmen ist Opfer von Wirtschaftskriminalität. Täter sind häufig die eigenen Mitarbeiter.

Hamburg. Sie werden betrogen, belogen oder bestohlen, und das in erschreckendem Ausmaß: Jedes dritte Unternehmen in Deutschland ist in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal Opfer von Wirtschaftskriminellen geworden. Betroffen waren insgesamt rund 292 400 Unternehmen. Der Gesamtschaden belief sich auf 4,2 Milliarden Euro. Dies ergab eine Studie der Hamburger Euler Hermes Kreditversicherungs-AG, für die 532 Firmen durch Forsa befragt wurden.

Besonders stark von Kriminalität betroffen sind kleinere Mittelständler mit einem Umsatz zwischen einer und zehn Millionen Euro, sagte Hermes-Vorstandschef Gerd-Uwe Baden. Obwohl diese Firmen nur 17 Prozent des Umsatzes aller Unternehmen erzielen, entfallen auf sie 45 Prozent der finanziellen Schäden.

Das größte Opfer von Betrügereien ist der Handel, der laut Hermes rund 1,9 Milliarden Euro im Jahr durch Wirtschaftskriminalität verliert. Danach folgt die Dienstleistungsbranche mit 1,3 Milliarden Euro sowie das verarbeitende Gewerbe mit 715 Millionen Euro. Meistens werden die Unternehmen jedoch nicht von außenstehenden Kunden oder unbekannten Kriminellen betrogen, sondern vor allem durch eigene Mitarbeiter.

Bei den Tätern handelt es sich zumeist um ganz normale Beschäftigte, berichtet Hartmut Köhler, Bereichsleiter der Hermes-Vertrauensschadensversicherung. Sie seien anständig gekleidet oder in Arbeitskluft. Vertrauenswürdig scheinende Menschen. Meistens sind es Männer zwischen 26 und 40 Jahren, die unauffällig ihren Job erledigen und noch nicht allzu lange im Unternehmen tätig sind. "71 Prozent der Täter sind gewöhnliche Angestellte und Fachkräfte, 24 Prozent leitende Angestellte im mittleren Management. In sechs Prozent der Fälle ist es der Vorstand oder die Geschäftsführung", so Köhler. Im Durchschnitt entsteht ein Schaden von 42 000 Euro. Wenn leitende Angestellte die Täter sind, liegt der Schaden aber oft höher.

In der Regel kennen sich die Täter in dem Unternehmen gut aus, kennen Tricks und Schlupflöcher für Betrügereien. Im Handel arbeiten nicht selten betrügerische Kassierer mit Kunden zusammen. "Der Einkaufswagen wird voll gepackt. Kleinere, wertvolle Produkte werden von großen günstigeren Artikeln überdeckt. Der Kassierer tippt nur einen Teil der Waren in die Kasse. Danach verschwindet der Komplize mit dem Einkaufswagen aus dem Laden", berichtet Köhler einen typischen Fall.

Bei Versicherungen sei Unterschlagung ein häufiges Delikt, so Köhler. So würden Schäden fingiert und die Entschädigungssummen zum Beispiel auf das Konto der Ehefrau überwiesen. In der Autoindustrie komme es vor, dass Bestellungen aufgenommen, doch die Waren - wie Reifen, Navigationsgeräte - an "Freunde" ausgehändigt werden.

Insgesamt wird das Problem Wirtschaftskriminalität von 91 Prozent der deutschen Unternehmen als "ernsthafte Gefahr" eingestuft. 45 Prozent gehen davon aus, dass die Gefahr künftig noch zunehmen werde, berichtet Baden. Die Firmen sehen vor allem Preisabsprachen, Schwarzarbeit, betrügerische Insolvenz, Diebstahl von Mitarbeitern und Korruption als große Gefahren in ihren Branchen. Wenn es um ihr eigenes Haus geht, sind die meisten jedoch oft eher zu vertrauensselig. "Nur zwölf Prozent gehen von einer Gefährdung durch die eigenen Mitarbeiter aus, 22 Prozent sehen die Gefahr eher bei externen Tätern." Tatsächlich sei es aber eher umgekehrt. Der Hermes-Chef stellt verwundert fest, dass zwar fast alle Unternehmen die Gefahr von Wirtschaftskriminalität erkannt haben, doch bisher nur wenige dagegen etwas unternehmen. Viele Täter werden entlassen, nur in jedem zweiten Fall wird Strafanzeige erstattet. Die Unternehmen fürchten offenbar, dass ihr Ruf leide, wenn ihr Name mit Wirtschaftskriminellen in Verbindung gebracht werde. Um sich jedoch gezielt vor solchen Machenschaften zu schützen, empfiehlt der Hermes-Chef bessere Prüfungen schon bei der Einstellung von Mitarbeitern, verschärfte Prozesskontrollen sowie die Einrichtung einer Meldestelle, bei der anonyme Hinweise auf mögliche betriebsinterne Straftaten angezeigt werden können. Denn meist kommen diese nicht nur durch die interne Revision ans Licht, sondern in 42 Prozent der Fälle durch loyale Mitarbeiter.

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