Hamburger Geschäftsplausch über Pekings Dächern

Zwar ist die Sonne hinter Julinebel und Smog nur zu erahnen, dennoch ist es der Start in einen Sommerabend wie aus dem chinesischen Bilderbuch.

Peking. Zwar ist die Sonne hinter Julinebel und Smog nur zu erahnen, dennoch ist es der Start in einen Sommerabend wie aus dem chinesischen Bilderbuch. Neben der mächtigen Kulisse des Trommel- und des Glockenturms, Denkmälern kaiserlicher Hochzeit, surrt der Fahrradverkehr, Kinder spielen auf dem begrünten Platz, Männer vergnügen sich mit Brettspielen, Frauen sind im Klönschnack vertieft. Fächer helfen, die drückende Schwüle auszuhalten.

Und oben auf dem Dach des Pubs "Drum & Bell" genießen vier deutsche Geschäftsleute ihr Feierabendbier. Tut gut, so ein kühler Schluck im Kollegenkreis in diesen vorolympischen Tagen, in denen der Arbeitstag nicht leicht von der Hand geht. Flüge sind ausgebucht, Straßenkontrollen an der Tagesordnung, staatliche Dienststellen von angespannter Nervosität befallen.

"Viele Fabriken haben geschlossen, auch aus Umweltgründen", weiß Konstantin Stathopoulos (32), Kaufmann aus Ellerbek und seit drei Jahren im Dienste von Lufthansa Cargo in Peking. Viele Deutsche hätten ihre Reisen verschoben. Zudem dürfe derzeit keinerlei Gefahrengut transportiert werden, und die restlichen Güter werden zeitraubend kontrolliert. Zudem bestehe Lkw-Verbot für die Metropole.

Ebenso wie sein Lufthansa-Kollege macht auch Sören Berger (32) aus Poppenbüttel das Beste aus der Situation und freut sich auf Olympia. Via Internet haben sich die vier Eintrittskarten für alle möglichen Ereignisse gekauft - unkompliziert und preisgünstig (10 - 50 Euro). Gut für die Anfahrt, dass neue U-Bahnen gebaut wurden und der Verkehr im Gegensatz zum sonstigen Chaos beruhigt wurde. Auch um die Umweltverschmutzung einzudämmen, dürfen Privatwagen je nach Endzahl des Nummernschilds nur noch an verschiedenen Tagen fahren. Und der mehrere Zehntausend Autos umfassende Beamten-Fuhrpark wurde stillgelegt.

In sein Büro in der Jianguomennei Avenue im Dong Cheng Distrikt fährt Berger ohnehin meist mit dem Fahrrad. Der hanseatische Kaufmann vertritt das Hamburger Traditionsunternehmen Rieckermann mit Hauptsitz in der Mönckebergstraße. Seit 1892 kümmert sich die Firma um Maschinen und Anlagen; vertreten durch 35 Mitarbeiter in Peking und 125 weitere in anderen Teilen Chinas. Reisen gehört zum Alltag.

Auch Michael Shamir (39), bei Kühne + Nagel für die Luftfracht zuständig, ließ sich von Neugier, Abenteuerlust, einem boomenden Arbeitsumfeld und dem Flair der großen weiten Welt von Frankfurt nach China locken. "Das Neue hat mich gereizt", sagt er, und die anderen nicken. Durch die große internationale Gemeinde in der Hauptstadt und die aufgeschlossene Grundhaltung der Kaufmannschaft bliebe kaum jemand abends allein in den eigenen vier Wänden, die übrigens ähnlich kostspielig sind wie in guten Lagen Hamburgs. Praktisch täglich stehen Treffen auf dem Programm, außerdem organisieren das German Center und die Handelskammer regelmäßige Netzwerk-Partys, die auch beruflich Freude bringen können.

Sören Berger ordert eine neue Runde. Mittlerweile ist die Sonne fast versunken, Dämmerung tritt ein. Was diesem Teil der Altstadt zusätzliche Reize beschert. Die Hutongs bewahren zwischen gesichtlosen Wolkenkratzer-Schluchten einen Teil des früheren Pekinger Charmes. In den winzigen Gassen tobt das Leben. Familien grillen, spielen, kaufen ein, palavern lautstark. Uralte Transistorradios dudeln, Garküchen sind umlagert, auf Märkten wird enorme Warenvielfalt feilgeboten. Öffnungszeiten scheint es nicht zu geben. Besonders Clevere offerieren Handy-Karten mit Glückszahlen: je mehr 8-en, desto teurer. Kein Zufall, dass die olympische Eröffnungszeremonie am 8.8.08 um 8.08 Uhr Ortszeit beginnt.

Bis dahin sind es nur noch wenige Stunden und Peter Scholz lehnt sich auf der Dachterrasse zurück. Der gebürtige Bayer, seit 1980 für Kühne + Nagel aktiv, zählt zu den deutschen Granden in Peking. Vor 24 Jahren wagte er den Sprung in die andere (Geschäfts-)Welt, mit Ehefrau Ute und zwei Kindern sowie einem werdenden im "Gepäck". Elf Jahre leitete er die China-Niederlassung; derzeit stehen Großprojekte wie der Import kompletter Kraftwerke an. 1984 zählte Scholz, von weltmännischer Gelassenheit geprägt, zu den Pionieren, heute arbeiten 2700 Mitarbeiter fürs Unternehmen. Übrigens auch Sohn Tobias, jedoch in Hamburgs HafenCity.

"Ich führe ein außerordentlich spannendes Leben", sagt der Manager mit Faible für die fernöstliche Lebensart, an grünem Eistee nippend. "Es ist ein Geschenk, die rasante Entwicklung hier mitzumachen." Die Quantensprünge in den letzten Jahren seien ungeheuerlich. "Olympia wird diesem Riesenland weiteren Aufschwung verleihen - auch wirtschaftlich", meint Scholz. Davon könnten die vor Ort ob ihrer Art, Zuverlässigkeit, Anpassungsbereitschaft und sprachlichen Lernfähigkeit beliebten Deutschen nur profitieren. Noch &39;ne Runde, die Herren? Kollektives Kopfnicken. Es gibt noch viel zu erzählen.