Schrottimmobilien: Mindestens 300 000 Deutsche haben sie sich aufschwatzen lassen

Wenn das gekaufte Haus zum Albtraum wird

Sie wollen eigentlich nur Steuern sparen. Doch am Ende sitzen sie auf einem Berg voller Schulden.

Hamburg. Die Albträume kommen in den frühen Morgenstunden. Mehrfach die Woche wird Günter O. (63) von quälenden Gedanken aus dem Schlaf gerissen. Dann sind die Selbstvorwürfe wieder präsent. "Warum war ich so leichtgläubig? Warum habe ich die Wohnung gekauft? Wie konnte ich diese Verträge unterschreiben?" Jahrzehntelang in Festanstellung, winkte ihm und seiner Ehefrau Elke (57) ein Ruhestand mit guten Bezügen. Doch statt sein Geld für schöne Dinge des Lebens auszugeben, geht es heute für die Abzahlung von Kreditzinsen drauf - eine Folge seines "größten Fehlers im Leben".

Der Hamburger Rentner hatte sich von seinem Versicherungsvertreter zu einem folgenschweren Geschäft hinreißen lassen. Angestachelt durch die Verlockung "Wollen Sie nicht Steuern sparen und zugleich etwas für ihre Altersvorsorge tun?" kaufte Günter O. im Jahr 2000 eine Wohnung in einem alten Schulgebäude in Eilbek. Das Objekt finanziere sich aus den Mieteinnahmen praktisch alleine, versprach die Maklerin. Doch die Rechnung ging schon nach zwei Jahren nicht mehr auf: Die garantierten Mieteinnahmen blieben aus. O. musste kräftig zuzahlen.

Die Maklerin empfahl ihm, die Wohnung wieder zu verkaufen und ein neues Objekt zu erwerben. "Ich dachte nur, das ist gut. Nichts wie raus aus der Belastung", erinnert sich der Hamburger. Er kaufte eine 90 Quadratmeter große Eigentumswohnung für 229 000 Euro in Poppenbüttel. Das Geschäft hatte aber einen teuren Schönheitsfehler: Die vorherige Wohnung wurde von der Frau gar nicht verkauft. Nun saß er auf zwei Objekten - und einem noch größeren Schuldenberg. Und wie er heute weiß: Beide Wohnungen waren um mehr als ein Drittel überteuert. Und die Banken - das erste Mal die Hamburger Sparkasse und das zweite Mal die Sparda-Bank Hamburg - haben die Objekte finanziert. "Kein Bankmitarbeiter hat mich auf den überhöhten Kaufpreis aufmerksam gemacht. Auch hat mich niemand gewarnt, dass ich noch die erste Immobilie besitze", klagt Günter O. Mit der Haspa konnte sich der Hamburger bereits "fair" außergerichtlich vergleichen. Dennoch kosteten ihn seine Fehlkäufe bisher mehr als 50 000 Euro plus aktuell noch monatlich 322 Euro Unterdeckung. "Meine Ersparnisse sind damit aufgebraucht."

Günter O. ist kein Einzelfall. "Es sind viele unseriöse Investoren auf dem Markt", sagt Jörn Hagemann, der Rechtsanwalt von O., der zahlreiche geprellte Anleger von Fonds und Immobilien vertritt. Allein auf Angebote der besagten Maklerin, gegen die auch die Staatsanwaltschaft Stade ermittele, fielen mindestens 60 weitere Bürger im Norden herein.

"Oft werden Wohnungen zum Schnäppchenpreis gekauft, notdürftig renoviert und dann mit hohem Aufschlag an ahnungslose Privatleute verkauft", sagt Hagemann. Nach Schätzungen haben mindestens 300 000 Deutsche "Schrottimmobilien" oder überteuerte Wohnungen. Die Kunden werden nicht selten über die immer gleiche Masche geworben, berichtet Gabriele Schmitz von der Verbraucherzentrale Hamburg. Sogenannte Finanzvermittler rufen sie unaufgefordert an und fragen, ob sie Steuern sparen wollten. Dazu wird der Kauf einer Wohnung schmackhaft gemacht. "In Musterrechnungen werden unrealistische Mieteinnahmen vorgegaukelt und die Abzahlungsraten schöngerechnet", so Schmitz. Oft würden Kosten verschwiegen.

So auch bei Karin Abel (\*). Die 42-jährige Hamburgerin erhielt vor knapp einem Jahr den Anruf einer Beraterfirma und lud einen Vermittler zu sich nach Hause ein, der ihre persönliche Finanzsituation bewertete. Obwohl die schwerbehinderte Frau nur netto 19 000 Euro im Jahr verdient, wurde ihr der Kauf einer 31,6 Quadratmeter großen 2-Zimmer-Wohnung in Harburg für 55 000 Euro zum Steuersparen empfohlen. Bei einem Besichtigungstermin befand sie die Wohnung für schön und sagte der eingeschalteten Verkäuferfirma zu. Das Unternehmen bot Karin Abel an, die Kaufnebenkosten von 3000 Euro zu übernehmen, wenn sie innerhalb von drei Wochen unterschreibe. Wenige Tage später saß sie bei einem Notar, der den Kauf beglaubigte, obwohl bei solchen Geschäften der Vertragsentwurf mindestens 14 Tage dem Käufer vorliegen müsste. Die Haspa finanzierte das Geschäft.

Für die Verbraucherzentrale Hamburg ein Fehlkauf. "Der Preis war deutlich zu hoch", meint Schmitz. Ähnliche Wohnungen in der Gegend würden fast zur Hälfte des Preises angeboten - für 960 Euro statt 1737,21 Euro pro Quadratmeter. Besonders empörend ist für die Verbraucherschützerin, dass die Haspa den Kauf mit Krediten finanzierte: "Die Haspa hätte wissen müssen, dass der Preis überhöht war." Die Haspa bestreitet dagegen, dass in dem Fall eine extreme Abweichung zwischen der Finanzierungshöhe und dem Verkehrswert gelegen habe. Dennoch versucht die Verbraucherzentrale, den Kauf rückgängig zu machen. Karin Abel wäre glücklich, sie könnte sich von dem Eigentum trennen: "Ich war zu blauäugig."

Für viele Käufer von überteuerten Wohnungen ist eine Rückabwicklung oder zumindest ein Schuldenerlass die letzte Rettung. Allerdings sei der Weg bis zur Einigung oft langwierig, sagt Thomas Kerscher vom Institut für Bankmediation, der allein in Norddeutschland binnen eines Jahres in rund 50 Fällen zu außergerichtlichen Lösungen beitrug. "In der Regel wird die Immobilie verkauft - und die Restschulden zwischen Käufer und Bank je nach wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit der Betroffenen aufgeteilt", so Kerscher. "In der Regel übernahmen bisher die Banken mindestens die Hälfte des Restdarlehensvertrags." Dennoch ist jeder Fall anders - und auch die Lösung. Die Haspa habe sich im Gegensatz zu anderen Banken bei den Abwicklungen oft sehr kooperativ gezeigt, heißt es von Anwälten.

Auch Hagemann versucht derzeit für seinen Mandanten Günter O. mit der Hamburger Sparda-Bank eine Einigung zu erzielen. Doch bislang zeige die eher Härte. "Mein Mandant solle bis zu seinem Lebensende seine Schulden abbezahlen. Nur für die Beerdigungskosten würde die Bank ihm noch 1500 Euro lassen", zitiert Hagemann die Worte eines Anwalts der Sparda-Bank aus einem Gespräch und ist immer noch empört über diese "verbale Entgleisung". Hagemann schreibt der Bank eine Mitschuld zu: "Sorgfältigen Mitarbeitern hätte es auffallen müssen, dass die Wohnung überteuert war." Die Sparda-Bank streitet die Vorwürfe ab. "Wir sind mit dem Kunden im Gespräch und wollen möglichst bald eine Lösung finden. Zunächst soll seine Wohnung verkauft werden. Wir haben kein Interesse, dass der Kunde lebenslang an dieser Finanzlast zu tragen hat. Kundenzufriedenheit ist uns sehr wichtig", sagt Sparda-Bank-Sprecher Dieter Miloschik.

Juristen appellieren derweil an die Banken, sich ihrer "sozialen Verantwortung zu stellen und menschliche Lösungen zu finden", so Anwalt Volker Wenzel aus Hamburg, der mehrere Geschädigte vertritt. Wie im Insolvenzrecht sollten Lösungen her, an denen Betroffene maximal sechs Jahre lang abzahlen. "Anleger sollten unterdessen beim Kauf einer Immobilie immer vorsichtig werden, wenn sie plötzlich vom Verkäufer unter Zeitdruck gesetzt werden", so Wenzel. Dies sei kein seriöses Zeichen.

Günter O. ist über seinen Ärger herzkrank geworden. Der Weg in die private Insolvenz - als Ausweg - kommt für ihn nicht in Frage. Vielmehr hofft er sehnlichst auf eine Einigung, die wenigstens nicht bis zu seinem Lebensende geht. "Gesund, wie einst, werde ich sowieso nie mehr." Er wird lebenslang Medikamente nehmen müssen. Ein hoher Preis für ein angebliches Steuersparmodell.

(\*) Name von der Redaktion geändert

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.