Geldanlage mit Absturzgefahr

Zinspapiere: Außerbörsliche Unternehmensanleihen sehr gefragt. Ein Rating als Entscheidungshilfe fehlt oft. Markt von Pleite der WBG Leipzig-West überschattet. Worauf Anleger achten müssen.

Hamburg. Ob Mittelständler oder Fußballverein: Der Markt für außerbörsliche Unternehmensanleihen boomt. Viele Anleger greifen gern zu diesen Papieren, die deutlich höhere Zinsen als Bundesanleihen bieten. "Die Schöne ist ein Biest", titelte jedoch die Zeitschrift "Finanztest", als sie eine Reihe dieser Inhaberschuldverschreibungen unter die Lupe nahm. "Die attraktive Rendite ist mit hohen Risiken verbunden", sagt Karin Baur von "Finanztest". "Denn am Markt tummeln sich auch Firmen, hinter denen nur heiße Luft steckt", weiß ein Branchenkenner. Von den sechs bewerteten Papieren wurden immerhin gleich vier auf die "Finanztest"-Warnliste gesetzt. Lediglich Frosch Touristik und Edel Music AG kamen relativ gut weg.

Die Warnungen haben sich jetzt leider in zwei Fällen bestätigt. Die Unternehmen Wohnungsbaugesellschaft (WBG) Leipzig-West und DM-Beteiligungen AG meldeten Insolvenz an. "Die Schulden der beiden Gesellschaften sind binnen weniger Jahre stark angestiegen. Das Eigenkapital war im Vergleich dazu gering", sagt Baur. "Es ist generell kein gutes Zeichen, wenn die Schulden immer mehr wachsen, das Eigenkapital aber nicht."

Hamburger bangt 20 000 Euro

Das musste auch der Hamburger Polizist Werner Müller (Name geändert) erfahren. Für 20 000 Euro zeichnete er im Frühjahr 2004 Anleihen der WBG Leipzig-West. Die Verzinsung von 5,5 Prozent bei nur einem Jahr Laufzeit erschien ihm sehr attraktiv. Jetzt muss er wie 40 000 andere Anleger in Deutschland um sein Geld bangen. Denn statt der Rückzahlung unterbreitete die Firma immer wieder Umtauschangebote, die er auch annahm.

"Vieles weist darauf hin, dass ein faktisches Schneeballsystem betrieben wurde", sagt der Hamburger Rechtsanwalt Peter Hahn von Hahn Rechtsanwälte, der geschädigte Anleihegläubiger vertritt. Insgesamt sollen Anleger bei WBG Leipzig-West und DM-Beteiligungen AG etwa 600 Millionen Euro investiert haben.

Klare Regeln für Emittenten

"Das ist sicher die absolute Ausnahme und keinesfalls typisch für das Marktsegment, denn es gibt für die Unternehmen, die Anleihen begeben, klare Regeln", sagt Peter Rucker, Geschäftsführender Gesellschafter der Berliner Jucho & Partner Unternehmensberatung, die Firmen wie den Wursthersteller Zimbo oder den Schulbuchverlag Klett bei Anleiheemissionen beraten hat. Die Firmen sollten nach seiner Einschätzung mindestens über einen Umsatz von 25 Millionen Euro jährlich verfügen, ein Rating vorweisen können, über ein hervorragendes Controlling und eine gute Öffentlichkeitsarbeit verfügen. Außerdem müssen sie einen Prospekt herausgeben, der auch deutlich auf die Risiken hinweisen muss. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht prüft diesen Prospekt - allerdings nur unter formalen Gesichtspunkten.

Rucker schätzt, dass 2006 in diesem Segment Anleihen von insgesamt 250 Millionen Euro emittiert werden. "Die Banken halten sich zurück, da sucht der Mittelstand zunehmend nach Alternativen", sagt er. "In der Regel zahlen die Firmen beim Zins einen Aufschlag von zwei bis zweieinhalb Prozentpunkten gegenüber Bundesanleihen", sagt er. Eher knauserig gibt sich der 1. FC Köln, der seine Anleihe nur mit fünf Prozent verzinst.

Sieben Prozent Zinsen

Sieben Prozent bietet Edel Music für eine Anleihe, die noch bis 2010 läuft. 6,75 Prozent Zinsen pro Jahr zahlt der Reiseveranstalter Frosch Touristik (FTI) für seine Anleihe, die bis 2010 läuft. Zimbo verzinst seine zehnjährige Anleihe mit sechs Prozent. Ebenfalls sechs Prozent bietet das Düsseldorfer Immobilienunternehmen Boetzelen. Es kauft sich in Discountfilialen von Aldi bis Lidl ein und vermietet diese an die Handelsunternehmen zurück. Mit der Hypothekenanleihe partizipiert der Anleger an einem Geschäftsmodell, "das die nachhaltigen Zahlungsströme aus Mieterträgen bündelt und diese als Zinserträge ausschüttet", urteilt das Bankhaus Lampe und kommt zu dem Schluss, dass es sich um eine ehe konservative Anlage handelt. Fast zehn Jahre schon begibt das Chemiehandelshaus PCC Unternehmensanleihen. Gerade erst wieder wurde ein Sieben-Prozenter emittiert.

Mit Stückelungen von in der Regel 1000 Euro sprechen die Firmen gezielt Kleinanleger an. "Sie kaufen täglich bei Aldi, Lidl, Rewe, Plus und Co?", heißt es auf der Startseite von Boetzelen. "Holen Sie sich jetzt einen Teil Ihres Geldes zurück", lautet die Aufforderung zum Anleihekauf. Das Papier kann auch über Direktbanken wie Comdirect oder S Broker geordert werden. In der Regel vertreiben die Firmen die Anleihen aber direkt. Die Ausgabe erfolgt dann immer zu 100 Prozent, während der Kurs beim Börsenhandel auch darüber oder darunter liegen kann. Wer allerdings die Papiere vorzeitig wieder loswerden will, ist auf einen Börsenhandel angewiesen.

Totalverlust ist möglich

Auch durch Formulierungen wie "feste Zinsen, 100 Prozent Rückzahlung, keine Kursschwankungen" fühlen sich Anleger auf der sicheren Seite. "Das Risiko, dass die Anleihe nicht oder nicht zu 100 Prozent zurückgezahlt wird oder Zinszahlungen ausbleiben, besteht sehr wohl", sagt Peter Grieble von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.

Denn in der Regel erwerben die Anleger Inhaberschuldverschreibungen. "Diese Papiere sind nicht abgesichert und stehen bei einer Insolvenz ganz hinten in der Schlange der Gläubiger", sagt der Verbraucherschützer. "Für Durchschnittsanleger sind diese Anleihen nicht geeignet", rät Grieble: "Wer sich in diesem Bereich mit einem Teil seines Geldes engagieren will, sollte über die Firmen sehr gut informiert sein und auch einen Geschäftsbericht lesen und interpretieren können." Ein Blick auf die Internetseiten ermöglicht eine erste Orientierung. Während die Seiten von Edel Music und PCC ausführliche Informationen bieten, sieht es bei Klett und Frosch Touristik sehr mau mit Unternehmenszahlen aus. "Vorsicht ist angebracht, wenn nicht klar ist, womit das Unternehmen Geld verdient und wie das Anlegergeld investiert wird", sagt Hahn. Auch eine verschachtelte Firmenstruktur könne ein Warnzeichen sein.

Anhaltspunkte für die Sicherheit

Hilfreich ist für den Anleger ein Rating. Unabhängige Agenturen wie Standard & Poor's (S & P) oder Moody's durchleuchten die Firmen und geben eine Note ab, die ihre Bonität bewertet. Schlechtere Noten als Baa3 (Moody's) bzw. BBB (S & P) sollten nicht akzeptiert werden. B-Noten signalisieren durchschnittliche Bonität. Viele Firmen verzichten allerdings aus Kostengründen auf ein Rating. Die Zimbo-Gruppe will aber neue Inhaberschuldverschreibungen ab 2008 mit einer Bonitätsnote versehen. "Wir reagieren auf die Hinweise des Marktes und werden uns ein offizielles Rating von S & P oder Moody's einholen", sagt Manfred Dahmen von der Holding der Zimbo-Gruppe. Möglicherweise müssen auch andere Firmen nach dem Debakel um die WBG Leipzig-West umdenken.

Denn das Geld der Anleger ist von den Unternehmen weiterhin gefragt. Experte Rucker: "Wir verhandeln gegenwärtig mit Firmen über ein Emissionsvolumen von insgesamt 100 Millionen Euro." Aber der Anleger muss sehr genau überlegen, wem er sein Geld leiht - oder eben nicht.