"Ich zahle gern Reichensteuer"

Dirk Rossmann: Der Chef der drittgrößten Drogeriekette im Porträt. Kein Handy, aber auf dem laufenden. Ein Unternehmer über Führung und Verantwortung.

Burgwedel. Einmal ist Dirk Roßmann (59) so richtig sauer geworden. Auf einer Inspektionstour durch seine Drogerien war das. Der Laden voll, eine Schlange fast bis zum Ausgang, und seine fünf Mitarbeiter saßen hinter einer verschlossenen Tür beim Kaffeekränzchen. Da hat der Chef mit dem Fuß so heftig gegen die Tür getreten, daß den Mitarbeitern drinnen vor Schreck die Kaffeetassen aus der Hand gefallen sind. Was folgte, war ein Donnerwetter, das sich gewaschen hatte.

"Ich hasse Gleichgültigkeit und Phlegma", sagt Roßmann während er sich tief in das dunkelgraue, grobe Sofa in seinem Büro in Burgwedel fallen läßt. "Was wir im Unternehmen statt dessen brauchen, ist Leidenschaft."

Er selbst hat davon reichlich. Locker und lässig wirkt der Firmenchef nur auf den ersten Blick wie er so dasitzt - fast liegt - in seinem grauen Pullover und der schlichten, sechs Jahre alten Hose. Doch die wachen Augen verraten, daß hinter der entspannten Fassade ein Geist wohnt, der jederzeit explodieren kann.

Roßmann ist der Mann hinter der Drogeriekette Rossmann. Gründer, Chef und Mehrheitseigentümer. Einer der Aufsteiger des Jahres. Mit der Integration der kd-Märkte des Konkurrenten Tengelmann hat er die Position drei in Deutschland weiter gefestigt, hinter Schlecker und dm. 1162 Filialen in der Bundesrepublik, Gesamtumsatz 2,3 Milliarden Euro.

Der Chef hat kein Handy, aber er ist immer auf dem laufenden darüber, was in seinem Unternehmen passiert. "Ich leiste mir den Luxus, nicht erreichbar zu sein", sagt Roßmann. "Wenn ständig das Telefon bimmelt, kann ich nicht nachdenken." Dafür müssen seine Mitarbeiter jederzeit damit rechnen, daß Roßmann in den Filialen auftaucht und sie auf Sauberkeit und Warenangebot checkt. Die Bilanz des letzten Hamburg-Besuchs: vier gut, vier schlecht, eine mittelmäßig.

Die Akribie sieht er als eines seiner Erfolgsrezepte. Und den Mut, neue Wege zu gehen. 1972 hat der Sproß einer Drogistenfamilie in dritter Generation seinen ersten "Markt für Drogeriewaren" in Hannover aufgemacht. Das war kurz nach dem Wegfall der Preisbindung für Shampoos und Deodorants. "Bis dahin wurden Drogerieartikel hinter einem Tresen wie in der Apotheke verkauft", sagt Roßmann. Sein Konzept war einfacher und die Produkte billiger.

Später nahm der Chef Parfüm mit ins Programm, um seine Discount-Läden aufzuwerten. Er führte lukrative Eigenmarken ein, für deren Design mittlerweile eine eigene Abteilung in der Unternehmenszentrale zuständig ist. Sogar Wein gibt es jetzt in der Drogerie.

Zehn Jahre nach der Gründung hatte Roßmann schon 100 Filialen und war Marktführer in Norddeutschland. Nach der Wende pflasterte er Ostdeutschland mit Geschäften zu und hätte sich dabei fast übernommen. Im Jahr 2000 nahm er Osteuropa in Angriff, betreibt dort jetzt 350 Läden. Zuerst waren es die Banken, die Roßmanns Wachstum finanzierten, später holte er sich den Hongkonger Konzern Hutchison Whampoa mit ins Boot, der heute mit 40 Prozent an der Rossmann GmbH beteiligt ist.

Die Schlagzahl der Neueröffnungen ist mit den Jahren kaum geringer geworden, Roßmanns Appetit auf Konkurrenten auch nicht. 100 eigene Läden hat er in diesem Jahr aufgemacht, 130 sollen es im nächsten Jahr sein. Den Konkurrenten Budnikowsky würde Roßmann sofort schlucken, wenn ihm die Hamburger nicht immer wieder einen Korb geben würden. "Wir wollen Jäger sein, nicht Gejagte", sagt er.

Die gleiche Aggressivität legt Roßmann an den Tag, wenn es um den Preis geht. Gerade erst hat er die mächtige Markenartikelindustrie vor den Kopf gestoßen, als er unumwunden zugab, Artikel wie Shampoo unter Einstandspreis zu verkaufen. "Das ist eine Notwehrmaßnahme", rechtfertigt sich der Firmenchef. "Unsere Konkurrenz macht es ebenso." Daß nun das Kartellamt gegen ihn, nicht aber gegen andere Handelskonzerne wegen Preisdumpings ermittelt, hält Roßmann für "absurd". Eine Preiskontrolle durch die Behörde lehnt er ab. "Schließlich ist es die Macht des Handels gegenüber der Industrie, die den Kunden günstige Preise beschert."

Ein wenig scheint dem Drogisten aus Burgwedel der Streit mit Kartellwächtern und Markenartiklern sogar Spaß zu machen. Er zelebriert seine Rolle als das Enfant terrible der Branche. Dazu gehört auch, daß sich Roßmann - für einen Händler gänzlich ungewöhnlich - für die Erhöhung der Mehrwertsteuer starkmacht.

Was würde der Unternehmer denn tun, wenn er Wirtschaftsminister von Deutschland wäre? Das erste Mal im Gespräch hält Roßmann inne, fast eine Minute schweigt er auf seinem Sofa, die Hände vor dem Gesicht gefaltet. Dann kommt es wie aus der Pistole geschossen: "Mehrwertsteuer deutlich rauf, dafür die Lohnnebenkosten runter, die sind nämlich leistungsfeindlich", sagt er. "Was hilft es, daß ich einem Abteilungsleiter 6000 Euro brutto zahle, wenn ihm nur die Hälfte davon bleibt?" Da sei es besser, die Konsumgüter zu verteuern, anstatt den Bürgern von vornherein das Geld aus der Tasche zu ziehen. "Die Leute sollen selbst entscheiden, was sie mit ihrem Geld anstellen."

Die Unternehmenssteuern würde Roßmann senken, dafür hat er kein Problem mit der Reichensteuer. "Das Geld muß in den Firmen bleiben, damit sie investieren können", sagt er. "Aber die Reichen können ruhig etwas mehr für die Gesellschaft tun. Ich selbst würde drei, sogar fünf Prozent Reichensteuer zahlen." Es ist die Geste von einem, der Geld schon längst nicht mehr als Ziel im Leben ansieht. "Man kann schließlich nur einen Porsche fahren", sagt er. Tatsächlich benutzt er einen acht Jahre alten Mercedes.

Solidarität ist Roßmann wichtig, trotz aller Härte im Geschäft. Wenn er hört, daß andere Manager Standorte schließen und Arbeitsplätze abbauen, obwohl ihre Konzerne hohe Gewinne einfahren, kann er richtig wütend werden. "Jeder Mensch trägt Verantwortung. Das gilt besonders für Unternehmer." Nicht, daß Roßmann seine eigenen Beschäftigten über die Maßen gut entlohnen würde. Er zahlt Tarif, was schon viel ist in einer Branche, in der Konkurrenten nicht mal einen Betriebsrat zulassen. "Mehr können wir uns angesichts des Wettbewerbs nicht leisten."

Das Telefon in der Sofaecke klingelt, Frau Roßmann ist am Apparat. Sie will wissen, wann ihr Mann zum Essen nach Hause kommt. "Sind wir durch?", fragt der Chef. Fast. Hat der Genießer Roßmann, der ein gutes Essen und einen Soave schätzt, schon mal ans Aufhören gedacht? Seine beiden Söhne, 20 und 29 Jahre alt, studieren beide Betriebswirtschaft - sie könnten das Geschäft mal übernehmen. "Bis 70 mache ich wahrscheinlich weiter", sagt Roßmann. "Es macht Spaß, bei den Großen mitzumischen."