Hamburgs heimlicher Ölbaron

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Oliver Schade

Marquard & Bahls Führungswechsel bei der größten unabhängigen Mineralölfirma Deutschlands. Hellmuth Weisser tritt nach mehr als 20 Jahren ab.

Hamburg. Er reist gerne. Argentinien fasziniert ihn. Und von den Bergen New Mexicos schwärmt er. In Indien war er auch schon mehrmals. Und in Marokko hat er sogar einmal ein Ferienhaus besessen. Doch meistens ist Hellmuth Weisser nicht zum Privatvergnügen Tausende von Kilometer unterwegs. Sondern für seine Firma - die Marquard & Bahls AG. Ein Hamburger Familienunternehmen, das vor allem mit dem Handel von Mineralöl und dem Betrieb von Tanklagern Geld verdient. Ein lukratives Geschäft. Im vergangenen Jahr lag der Umsatz bei 4,1 Milliarden Euro. Ein Plus von fast 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit sind die Hamburger das größte konzernunabhängige Mineralölunternehmen Deutschlands. "16 Stunden Indien - da bleibt keine Zeit für Sehenswürdigkeiten und Shopping", erzählt Hellmuth Weisser über seinen Alltag als Geschäftsreisender. Seit 1981 ist er Vorstandschef von Marquard & Bahls. Gerade 33 Jahre jung übernahm er die Leitung von seinem älteren Bruder, der wegen einer schweren Krankheit aufhören musste. Bereits 1947 hatte sich der Vater mit einer Handelsfirma für Schmierstoffe und Heizöl selbstständig gemacht. Weil die britischen Besatzer nach dem Krieg Neugründungen von Firmen verboten, kaufte Theodor Weisser den Firmenmantel des daniederliegenden Getreidehändlers Marquard & Bahls. Weizen und Roggen wurden kurzerhand durch Mineralölprodukte ersetzt. Auch 173 Tankstellen betreibt das Unternehmen heute. "Nicht unser Kerngeschäft", sagt Hellmuth Weisser. Dennoch verhandelt auch er derzeit intensiv über den Kauf weiterer Stationen, welche die Ölmultis Shell /DEA und BP / Aral nach ihren Fusionen auf Anweisung der Kartellbehörde abgeben müssen. Im spärlich bestückten Bücherregal stehen die weiße Miniatur eines Öltanks und Fachliteratur. Auf dem Schreibtisch liegen wohl sortiert Papiere - fertig zur Unterschrift. Das ist die Arbeit. An der Wand hängt ein Foto von Frau und Kindern. Das ist die Familie. Und für sie will Hellmuth Weisser künftig mehr Zeit haben. Vor allem mit seiner Frau möchte er sich länger als 16 Stunden in Indien aufhalten dürfen. Und fotografieren. Das ist sein Hobby. Deshalb zieht sich Hellmuth Weisser im Sommer 2003 vom Vorstandsvorsitz zurück. Mit 55 Jahren aufs Altenteil - ein eher ungewöhnlicher Schritt für den Chef eines Familienbetriebes. "Das Leben hat noch mehr zu bieten als Arbeit", sagt der Mann mit dem weißen Vollbart. Und er blickt von seinem Büro im sechsten Stock über das Alsterfleet, über seine Heimatstadt Hamburg - in die Ferne. Sein Nachfolger an der Spitze des Unternehmens wird Wim Lokhorst. Seit 1994 ist er bei Marquard & Bahls und leitet die firmeneigene Tanklagertochter Oiltanking. "Er ist ein international gestandener Manager, kennt unsere Firma ausgezeichnet", sagt Hellmuth Weisser. Doch Lokhorst wird nicht übernehmen, nur leiten: Die Aktien der Marquard & Bahls AG bleiben selbstverständlich in den Händen der Gründerfamilie. Irgendwann einmal will Hellmuth Weisser das Geschäft seinen Kindern übergeben. "Doch dafür sind sie noch zu jung", sagt der Vater über den Nachwuchs. Auch einen Börsengang kann sich der Noch-Chef nur schwer vorstellen. "Dann steht man ständig unter der Fuchtel der Quartalsberichte." Unabhängigkeit schreibt Hellmuth Weisser groß. Einen Vertrag über einen Millionenauftrag unterschreiben zu können, ohne auf den Aktienkurs schielen zu müssen. Das ist seine Geschäftsphilosophie. Ganz zurückziehen ins Privatleben wird sich Hamburgs heimlicher Ölbaron aber nicht. Er wechselt nächsten Sommer in den Aufsichtsrat seines Unternehmens. Zweimal die Woche will er dann noch zur Arbeit kommen. Allerdings nicht in das Büro im sechsten Stock mit den Fachbüchern und der Öltankminiatur im Regal. Dort wird Wim Lokhorst einziehen. Einen Steinwurf entfernt, auf der anderen Straßenseite, nimmt Hellmuth Weisser von Juli 2003 an Platz. In einem noch nicht ganz fertig gestellten Neubau hat sich der künftige Aufsichtsratsvorsitzende von Marquard & Bahls eine Wohnung gekauft - quasi mit Blickkontakt zum neuen Vorstandschef. "Um meinem Nachfolger mit Rat und Tat zur Seite zu stehen."

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