Geldregen bei SinnerSchrader

| Lesedauer: 5 Minuten
Melanie Wassink

Kapital: Die Hamburger Internetpioniere schütten 20,8 Millionen Euro an die Aktionäre aus. Das Geld stammt noch aus dem Börsengang

Hamburg. Als die Hamburger SinnerSchrader AG am 2. November 1999 an die Börse ging und dabei auf einen Schlag 28 Millionen Euro von den Aktionären kassierte, war ein solcher Geldsegen in diesen Tagen fast normal. Die Gründer solcher bis dato fast unbekannten Firmen stiegen zu Kultfiguren auf, wie Oliver Sinner, der Mann, der nie Socken trägt oder Peter Kabel, der mit seiner Kabel New Media AG ebenfalls zu den Börsengewinnern zählte. Diese Männer waren von einem Tag auf den anderen reich geworden, ihr Erscheinen auf Partys wurde in der Einladung angekündigt.

Heute sind reine New-Economy-Unternehmen rar geworden. SinnerSchrader ist zwar eines der ganz wenigen Unternehmen, das sich bis heute über Wasser halten konnte, während Internetunternehmer Alexander Falk im Gefängnis sitzt und die Kollegen etwa von PopNet oder Kabel New Media lange in die Pleite gerutscht sind.

Allerdings schreibt Mitgründer Matthias Schrader, der nach dem Ausscheiden von Oliver Sinner im Sommer 2002 die Geschäfte alleine führt, seit Jahren rote Zahlen. Das Ergebnis vor Steuern und Zinsen verbesserte sich im Geschäftsjahr 2003/2004 zwar gegenüber dem Vorjahr leicht auf minus 1,4 Millionen Euro, liegt damit aber immer noch in der Verlustzone. Und der Umsatz gab sogar noch einmal etwas nach - auf 12,3 Millionen Euro.

Doppelt so hoch wie der Umsatz ist unterdessen die Summe des Bargeldes, das SinnerSchrader noch heute aus dem Börsengang in der Kasse hat. Und das will die Firma, die die Internetseiten für Tchibo und die Deutsche Bank baut, jetzt loswerden. SinnerSchrader schüttet heute gut 20 Millionen Euro an die Aktionäre aus, das sind rund 1,82 Euro pro Anteilsschein. Der "Geldsack" sei die Ursache dafür gewesen, daß die Geschäfte von SinnerSchrader an der Börse jahrelang negativ bewertet worden seien, sagte Matthias Schrader, der für das Geld keine anderweitige Verwendungsmöglichkeit sieht.

Tatsächlich ist die große bunte Welt des Internets heute kleiner geworden, der Handlungsspielraum begrenzt. Vor fünf Jahren war es noch selbstverständlich, sich morgens am Empfang der ehemaligen Fabrik einen Apfel aus dem Obstkorb zu greifen. Sich im Loftbüro die erste Zigarette des Tages anzuzünden und durch den Rauch hinweg über die Stadt zu blinzeln: Mit der festen Überzeugung, schon bald würde es da unten ganz anders aussehen.

Man würde schon dafür sorgen, daß die Reisebüros eines nach dem anderen die "Wir schließen"-Schilder raushängen, wenn bald alle ihre Flugtickets per Mausklick bestellen. Die Kioske würde es als nächste treffen, weil sich jeder seine Zeitung am Computer ausdruckt. Nur noch wenige Monate hatte man den Einkaufscentern gegeben, denn künftig würden die Menschen bestimmt lieber in Cyber-Supermärkten kaufen anstatt an der Kasse Schlange zu stehen. Vielleicht würde die Welt etwas ärmer, argwöhnten die Kommunikations- und Sozialwissenschaftler, wenn ein Gespräch mit einer realen Verkäuferin bald zur Vergangenheit gehörte, wenn die Kinder das Wort Fußgängerzone nur noch aus alten Büchern kennen. Doch dazu ist es nie gekommen. Dies hat auch die Perspektiven von SinnerSchrader verändert. Vorbei die Möglichkeit, mit dem Geld aus dem Börsengang ein internationales Firmenimperium aufzubauen. Denn mittlerweile ist der Bedarf an neuen Internetlösungen geschrumpft. Zudem haben Unternehmensberatungen die Nische der einstigen Internetfirmen besetzt.

Und wo die Verwendungsmöglichkeiten für das Geld fehlen, kann es für ein börsennotiertes Unternehmen zur Last werden. "Ausschüttungen sind sinnvoll, wenn Kapitalausstattung und tatsächliches Geschäftsvolumen nicht zusammenpassen", sagt Robert Suckel, Geschäftsführer beim Analysehaus SES Research. Das sei bei SinnerSchrader der Fall. "Dieses Unternehmen hat derzeit keine Perspektive, auf das vorhandene Kapital eine vernünftige Rendite zu erwirtschaften", sagte Suckel dem Abendblatt. Und SinnerSchrader-Finanzchef Thomas Dyckhoff argumentierte vor rund 250 versammelten Aktionären auf der Hauptversammlung: "Wir geben das Kapital zurück, weil wir künftig nicht über Zukäufe, sondern aus eigener Kraft wachsen wollen."

Doch es gibt auch Kritiker dieser Strategie: "SinnerSchrader ist noch nicht wieder profitabel, die Ausschüttung kommt zu früh", sagte Rudolf Hildebrandt von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Am meisten profitierten ohnehin die Großaktionäre. Sinner und Schrader besitzen zusammen 42 Prozent des Kapitals. 12,3 Prozent hält der Tchibo-Aktionär Michael Herz als strategischer Investor. Ihnen fließt jetzt eine ordentliche Summe Geld zu. Und sie sind nicht darauf angewiesen, einen Käufer für ihr Aktienpaket zu finden, um Cash zu bekommen. Das wäre angesichts der Lage, in der sich SinnerSchrader befindet, womöglich auch schwierig geworden, sagte Alexander Langhorst, Analyst bei GSC Research.

Ansonsten dürfte die Ausschüttung für die Aktionäre ein Nullsummenspiel sein: Der Aktienkurs dürfte nach der Ausschüttung um mindestens 1,80 Euro fallen, sind sich die Experten einig. Gewinner an der Börse sind nur diejenigen, die in den vergangenen Monaten kauften: Im Vorfeld der Ausschüttung hat sich der Kurs der SinnerSchrader-Aktie verdoppelt.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Wirtschaft