Milliardengeschäft Nachhilfe

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Melanie Wassink

Weil die Schule häufig nicht reicht, machen immer mehr private Bildungsanbieter ihr Geschäft. Ein boomender Markt, auf Kosten der Eltern.

Hamburg. Montagnachmittag, kurz vor vier. Jan (14) schaut aus dem Fenster. Sonnig-sommerliches Wetter, und die anderen kurven draußen schon auf den Fahrrädern vorbei, auf dem Weg zum Waldsee. Eigentlich ist Jan auch schon fertig mit den Hausaufgaben, wenn da nicht Herr Ernst wäre. Herr Ernst ist Jans Nachhilfelehrer, und der wartet mit Mathe auf ihn. Immer mehr Schüler wie Jan lernen nachmittags bei der Nachhilfe, was die Schule ihnen vormittags hätte beibringen sollen. Allein der Studienkreis, das am meisten besuchte kommerzielle Nachhilfeinstitut Deutschlands, erlebt seit 1995 einen Nachfrageschub und hat die Schülerzahl auf 600 000 und den Umsatz auf heute etwa 70 Millionen Euro seitdem fast verdoppelt. Nach einer Studie des Münchner Instituts für Jugendforschung nimmt schon jeder dritte Schüler in Deutschland Nachhilfe. Das Marktvolumen summiert sich hierzulande auf eine bis eineinhalb Milliarden Euro im Jahr, rechnen Experten vor. Diese Zahl dürfte noch steigen, denn der Bedarf wächst. Früher gab es Mehrgenerationenfamilien, in denen auch mal Oma oder Opa ins Rechenheft schauen konnten. Heute zerbricht sogar die Kernfamilie: Mütter sind berufstätig, immer mehr Scheidungen führen häufig zu überforderten Alleinerziehenden. Zudem werde der Lernstoff für viele Eltern zu kompliziert, sagt Thomas Momotow, Sprecher beim Studienkreis. Mit dem steigenden Fernseh- und Computerspielekonsum lässt zudem die Konzentrationsfähigkeit nach. Montags, klagen die Lehrer, sind die Schüler nach einem Wochenende vor dem Bildschirm oft so hibbelig, dass sie kaum auf den Stühlen sitzen bleiben können. Außerdem sei eine individuelle Zuwendung bei Klassen mit 30 oder mehr Schülern nicht mehr möglich. Da bleibe den Lehrern nichts anderes übrig, als sich auf das Mittelmaß zu konzentrieren und schwächere Schüler sich selbst zu überlassen. Um der wachsenden Nachfrage gerecht zu werden, tummeln sich immer mehr kommerzielle Anbieter auf dem Bildungsmarkt. 1990 gab es lediglich 400 der bereits genannten Studienkreise, heute sind es rund 1000 in ganz Deutschland. Der Studienkreis ist allerdings nur eines von insgesamt etwa 3000 privaten Nachhilfeinstituten. Die Schülerhilfe ist ein weiterer der großen Anbieter, mit mittlerweile 900 Standorten in Deutschland, Österreich und Frankreich. Allein in und um Hamburg gibt es heute neun Schülerhilfestellen und rund 13 Studienkreise, die vornehmlich die am häufigsten nachgefragte Gruppennachhilfe anbieten. Auch Abacus, der größte deutsche Anbieter für Einzelnachhilfe, bietet hier seine Dienste an. Darüber hinaus drängen immer mehr kleine Anbieter in der Hansestadt auf den Markt, weiß Kai Pöhlmann von Abacus. Die Preise der Anbieter differieren je nach Art der Dienstleistung erheblich: Bei Abacus schlagen 90 Minuten mit dem Nachhilfelehrer, der nach Hause kommt, mit 38 bis 47 Euro zu Buche. Bei den Gruppenanbietern fängt die Stunde bereits bei rund sechs Euro an, allerdings werden hier auch mehrere Schüler verschiedener Stufen in Gruppen von fünf Kindern oder Jugendlichen gemeinsam unterrichtet. Die am häufigsten nachgefragten Nachhilfefächer in Deutschland sind Mathematik (50 Prozent), Englisch und Deutsch (je 20 Prozent). Die restlichen zehn Prozent verteilen sich auf alle anderen Fächer, vor allem Fremdsprachen. Interessant kann der Bildungsmarkt auch für Eltern ohne Kinder sein: Er verspricht Kursgewinne. Insbesondere in den USA boomt dieser Markt, meinen die Börsenexperten der Hamburger Vereins- und Westbank. Bei den so genannten "Education"-Aktien gebe es Luft nach oben, sagt Analyst Stefan Groskreutz. Deutsche Bildungswerte werden Anleger jedoch kaum finden: Es gibt sie praktisch nicht an der Börse. Die beliebtesten Nachhilfefächer sind Mathematik, Englisch und Deutsch. Sie allein machen schon rund 90 Prozent der Nachfrage aus.

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