Alleinerziehende sind die Verlierer der Steuerreform

Weniger netto: Niedrigere Freibeträge, höhere Steuerklasse. Für viele kommt die böse Überraschung erst noch

Hamburg. Alleinerziehende sind die großen Verlierer der Steuerreform: Während Singles und Verheiratete auf ihrem Januar-Lohnzettel im Vergleich zum Vorjahr oft eine Steuerentlastung in zweistelliger Euro-Höhe vorfinden, müssen viele Tausend Alleinstehende mit Kindern stattdessen sogar mehr Steuern abführen.

Betroffen sind vor allem Alleinerziehende mit einem Jahresbruttoeinkommen von bis zu 23 000 Euro, also die Geringverdienenden, berichtet der Neue Verband der Lohnsteuerhilfevereine (NVL). Wer einen weiten Arbeitsweg hat, wird durch die Senkung der Entfernungspauschale noch zusätzlich belastet. So zahlt zum Beispiel eine Alleinerziehende mit einem Kind und einem Bruttomonatsgehalt von 2000 Euro sowie 20 Kilometer Arbeitsweg (einfache Strecke) im laufenden Gesamtjahr 69 Euro mehr Steuern als 2003.

Die Gründe: Zum einen wurde der Haushaltsfreibetrag von 2340 Euro im Jahr für Alleinerziehende gestrichen und durch den Entlastungsbetrag von nur noch 1308 Euro ersetzt. Zum anderen verlieren Alleinerziehende, die mit einer volljährigen Person zusammenleben, den Anspruch auf die günstige Steuerklasse II und damit auch auf den Entlastungsbetrag.

Gerade sie, die nun in die teurere Steuerklasse I wechseln müssen, trifft die Steuerreform besonders hart. "Bis zu eine Million der bundesweit drei Millionen Alleinerziehenden fallen auf einen Schlag von der Steuerklasse II in die Klasse I", so Peggi Liebisch vom Bundesverband der allein erziehenden Mütter und Väter zum Abendblatt. Das geschieht nicht nur, wenn ein Lebenspartner im selben Haushalt gemeldet ist, sondern auch, wenn das Kind volljährig wird, ohne Kindergeld zu beziehen, oder die pflegebedürftige Mutter dort lebt.

"Das Schlimme ist, dass die meisten Betroffenen mit Steuerklasse II nichts davon ahnen, weil diese Änderungen stillschweigend verabschiedet wurden", kritisiert Marlies Spargen vom NVL. Die böse Überraschung komme für sie nach Abgabe der Steuererklärung 2004, warnt sie: "Dann drohen Nachforderungen vom Finanzamt." Sie könnten mehrere Hundert Euro betragen.

"Wir haben täglich enorm viele Anrufe von Alleinerziehenden, die verunsichert und verärgert sind", sagt Peggi Liebisch. "Wir werden den Protest kanalisieren, planen Aktionen." Den Klageweg könne der Verband erst beschreiten, wenn 2005 die ersten Steuerbescheide kommen.

"Das Bundesverfassungsgericht hat uns mit einem Beschluss 1998 vorgegeben, den Haushaltsfreibetrag für Alleinerziehende abzuschaffen, um sie nicht besser zu stellen als Verheiratete mit Kind", so eine Sprecherin des Bundesfinanzministeriums. "Wenn jemand zusammenwohnt, hat er immer geringere Kosten."