Chips, die unter die Haut gehen

DIGITALE ENGEL Eine Familie lässt ihr Leben elektronisch kontrollieren. Ein Milliardenmarkt der Zukunft.

Hamburg Jeff Jacobs ist schwer krank, leidet ständig unter Schmerzen und ist vom Krebs gezeichnet. Regelmäßig nimmt der Familienvater aus Boca Raton im US-Bundesstaat Florida deshalb zehn verschiedene Medikamente ein. Zu Hause hat er sein Leben unter Kontrolle. Doch er sorgt sich um den Notfall, die plötzliche Einlieferung ins Krankenhaus. Er ist hoch allergisch gegen bestimmte Medikamente. So stark, dass er daran sterben könnte. Schon in einigen Tagen wird Jeff Jacobs ruhiger schlafen können. Künftig werden die Notärzte seine ganze Krankengeschichte kennen, ohne auch nur ein Wort mit ihm oder seinem Hausarzt gesprochen zu haben. Jacobs trägt demnächst alle notwendigen Informationen unter der Haut seines Oberarms. In einem Computerchip so klein wie ein Reiskorn, den die Ärzte mit einem Scanner auslesen können. Sie müssen den Patienten dazu nicht mal berühren. Der Trick: Der Scanner nimmt per Funkverbindung Kontakt mit dem Chip auf und liest eine Nummer aus, die dann per Internetdatenbank zu den Informationen führt. Die US-Zulassungsbehörden haben grünes Licht für den Einsatz des neuen, 200 Dollar teuren VeriChips gegeben. Während der Hersteller, die Firma Applied Digital Solutions (ADS) aus Florida, auf den großen Durchbruch hofft, melden Datenschützer massive Bedenken an. Ihre Furcht: Der Chip könnte zur totalen Kontrolle seines Trägers missbraucht werden. "Die Vorstellung, Menschen Chips zu implantieren, ist erschreckend und erinnert mich an die Idee, Menschen zu klonen", sagt Hamburgs stellvertretender Datenschutzbeauftragter Peter Schaar dem Abendblatt. Es sei ein qualitativer Unterschied, ob man eine Chipkarte mit entsprechenden Informationen bei sich trage oder einen Chip, der nur mit Hilfe einer Operation wieder entfernt werden könne. "Was ist mit Alzheimer-Patienten, die sich vielleicht gar nicht gegen das Einpflanzen verwahren können? Und wer stellt sicher, dass die Daten nur in die richtigen Hände gelangen?", fragt Schaar. Diese Sorgen teilen Jacobs und seine Familie nicht. Der schwer kranke Amerikaner erhält die neue Erfindung, die in diesen Tagen auf den Markt kommt, sogar kostenlos, muss wohl noch nicht einmal die 40 Dollar jährliche Servicegebühr zur Datenbankpflege bezahlen. Jacobs, seine Frau Leslie und sein 14-jähriger Sohn Derek sind weltweit die ersten Menschen, die sich derartige Chips implantieren lassen. Versuchskaninchen sozusagen. Der Eingriff mit der großkanüligen Spritze soll nur ein paar Minuten dauern, unter lokaler Betäubung, verspricht die Firma. "Wir haben vor einigen Wochen einen Bericht über diesen Chip im Fernsehen gesehen, und mein Sohn ist vom Sofa aufgesprungen und hat gerufen: Ich will das erste Kind mit einem einpfanzbaren Chip sein", sagt Mutter Leslie. Den Kontakt zur Herstellerfirma hat der pausbäckige Teenager, der seit einem Jahr eine eigene Computerfirma hat, gleich selbst hergestellt. Auch er leidet unter Allergien und will im Notfall richtig behandelt werden. Jetzt nennt man die Familie Jacobs in den USA spöttisch "Die Chipsons" - in Anspielung auf die TV-Zeichentrickserie "Die Simpsons". Auch der Hersteller ADS will Bedenken, dass mit seiner Erfindung der gläserne Mensch entstehen könnte, nicht gelten lassen. Die Ärzte und Kliniken würden zertifiziert, das Lesegerät für rund 2000 Dollar nur an Befugte verkauft, heißt es. Warum aber ausgerechnet lateinamerikanische Staaten, deren Regime es in der Vergangenheit nicht so genau mit Demokratie und Menschenrechten nahmen, zu den ersten Interessenten für den Chip zählen - das kann man sich bei ADS auch nicht erklären. Vergleichbare Chips wurden bereits an fünf Millionen Haustieren in den USA erprobt. Auch in Deutschland werden jährlich rund 200 000 Hunde und Katzen von Tierärzten "gechipped", damit sie ihren Besitzern zugeordnet werden können, falls sie entlaufen sind oder gestohlen wurden, wie Karlheinz Wiedemann von der ADS-Partnerfirma Merial dem Abendblatt sagt. Unterdessen werden bei ADS längst weitere Funktionen der implantierbaren digitalen Ausweise entwickelt. So soll der VeriChip demnächst mit einem Armbanduhr-ähnlichen Gerät (Digital Angel) kombiniert werden, um auch Blutdruckwerte, Herztöne oder den Pulsschlag zu übermitteln. Per zugeschaltetem satellitengestützen Navigationssystem (GPS) könnte sogar der genaue Aufenthaltsort ermittelt werden, um die Retter an die richtige Stelle zu führen. Seit zwei Jahren arbeitet das Unternehmen zudem daran, alle Funktionen in einem einzigen Chip zu vereinigen, der dann ebenfalls unter die Haut gepflanzt wird und sich über Muskelkontraktionen mit Energie versorgt. Ein Markt, der bei ADS auf 15 Milliarden Dollar geschätzt wird. Eltern könnten ihre Kinder überwachen, Kliniken ihre Patienten, Gefängnisse ihre Freigänger. In Deutschland ist der VeriChip zwar noch nicht zu haben, dafür gibt es aber andere digitale Lebensretter, die jedoch nicht implantiert werden. Etwa das EKG-Gerät "Outpac" von Philips in Hamburg. Eingebaut in eine Brieftasche können Risikopatienten das 195 Euro teure Gerät ans Herz halten, um bei Bedarf Symptome zu überprüfen. "Die Messdaten der Herzströme werden einfach akustisch per Telefon weitergegeben", sagt Philips-Sprecher Andreas Parchmann dem Abendblatt. Die Experten rufen dann innerhalb kürzester Zeit zurück, um den Anrufer über die weitere Vorgehensweise zu beraten. Die ersten 50 um ihr Herz besorgten Hamburger nutzen das Angebot schon.

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