Deutschlands älteste Bank

Hamburgs Privatbanken. Wo sie herkommen, wer ihre Kunden sind. Das Abendblatt hat hinter die Kulissen geschaut. Heute: Berenberg.

Hamburg. Sie gehören zu den Gründern der Hapag, der Hamburger Vereinsbank und des Norddeutschen Lloyd: Die Bankiers aus der Familie von Berenberg-Gossler haben Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Dabei ist die Historie ihres Hauses eng verknüpft mit Hamburgs Geschichte: "Immer wenn es der Stadt gut geht, hat auch die Bank gute Zeiten", sagt Joachim von Berenberg-Consbruch, persönlich haftender Gesellschafter des Privatbankhauses. Und wenn er von Geschichte spricht, umfasst dieser Begriff nicht nur ein paar zurückliegende Jahrzehnte. Denn das heutige Bankhaus Joh. Berenberg, Gossler & Co. KG geht zurück auf einen 1590 von den Brüdern Hans und Paul Berenberg gegründeten Tuchhandel. Es ist unbestritten Deutschlands älteste Bank. "Das ist ein Alleinstellungsmerkmal", sagt von Berenberg-Consbruch und macht keinen Hehl daraus, dass die Tradition für das aktuelle Geschäft der Bank eine Bedeutung hat. "Bei einem potenziellen Kunden, der uns noch nicht kennt, ist das ein guter Einstieg in das Gespräch", findet auch Claus-G. Budelmann, ebenfalls persönlich haftender Gesellschafter. Wer als Kunde durch die Flure des Bankgebäudes am Neuen Jungfernstieg geführt wird, dem begegnet die Tradition auf Schritt und Tritt: In der Eingangshalle, neben einer antiken Standuhr, hängen die großformatigen Portraits in Öl von Cornelius Berenberg (1634 bis 1711) und Johann Hinrich Gossler (1738 bis 1790), in den oberen Etagen blicken diverse Herren aus der Ahnenreihe der Bankiersfamilie würdevoll von den Leinwänden. Hans-Walter Peters, mit 48 Jahren der jüngste der drei persönlich haftenden Gesellschafter und für das Wertpapiergeschäft zuständig, empfindet die mehr als vier Jahrhunderte währende Kontinuität als Verpflichtung - mit praktischen Konsequenzen. So habe sich die Bank während des Booms der so genannten New Economy vorsichtiger verhalten als andere: "Als alle Welt darüber sprach, Wachstumsunternehmen müssten mit anderen als den herkömmlichen Maßstäben gemessen werden, sind wir bei den alten Bewertungen geblieben." Es gibt aber noch einen anderen Grund dafür, dass Berenberg von der Talfahrt an den Börsen vergleichsweise wenig getroffen wurde: Im Unterschied zu anderen Privatbanken hängen die Erträge der Hamburger nicht fast ausschließlich vom schwankungsanfälligen Wertpapierbereich ab. Berenberg nutzt die traditionell guten Beziehungen zu Handels- und Schifffahrtsunternehmen und macht mit solchen Kunden nennenswerte Kreditgeschäfte. Eine der Spezialitäten ist die Finanzierung von Importen - etwa wenn Aldi in großem Stil Aktionsware wie Textilien oder Elektronik aus Asien einführt. Wichtigste Sparte ist aber doch das Wertpapiergeschäft, denn hier kann Berenberg seine Stärke gegenüber den Großbanken ausspielen: "Gerade wenn es an den Kapitalmärkten schwierig wird, muss man mit den Kunden ständig im Gespräch sein. Wir können das und das ist ein Riesenvorteil", meint Budelmann. Einen Teil der Klienten betreuen die drei Chefs sogar selbst und sind für sie immer erreichbar - "jede Minute, wenn es sein muss". Voraussetzung für einen derart engen Kontakt ist selbstverständlich, dass der Kundenkreis überschaubar bleibt. Auch wenn man sich bei Berenberg mit hanseatischer Zurückhaltung schwer tut, dies auszusprechen, so liegt doch auf der Hand: Normalverdiener dürften kaum zur Beratung in die stilvoll mit schimmernden Holzmöbeln eingerichteten Besprechungsräume gebeten werden. "Das Vermögen muss eine Bedeutung haben, dass der höhere Beratungsaufwand sich lohnt", formuliert es von Berenberg-Consbruch. Eine wachsende Zahl begüterter Kunden traut den kleinen Spezialisten offenbar eher als den Großbanken zu, ihr Vermögen mindestens zu erhalten. Bei Berenberg beneidet man die Finanzkonzerne jedenfalls nicht um deren Möglichkeiten: "Wir haben einen großen Vorteil - wir sind kein globales, nicht mal ein europäisches, sondern ein auf den deutschen Markt ausgerichtetes Haus", sagt Peters. Nicht ohne Stolz weist er darauf hin, dass sein Analystenteam kürzlich in einem europaweiten Vergleich den dritten Platz für Prognosen über DAX-Unternehmen belegte. Zwar ist das Bankhaus an der Binnenalster seit 1948 kein reines Familienunternehmen mehr - die Nord/LB aus Hannover ist mit 25 Prozent beteiligt. Doch alle Entscheidungen lägen bei den drei persönlich haftenden Gesellschaftern, versichert von Berenberg-Consbruch: "Die Unabhängigkeit könnte nicht größer sein." Anders als manche Konkurrenten legt er Wert darauf, sich nicht auf Zulieferungen anderer Banken verlassen zu müssen: "Wir kaufen keine Dienstleistungen von außen ein - bis auf Altpapiervernichtung und Reinigung."