Was will der Holsten-Herrscher?

Der Aufsichtsratschef hält jetzt fast 50 Prozent der Aktien der größten deutschen Brauerei. Will er verkaufen?

Hamburg. Es gibt ein wohlbekanntes Ritual auf den Hauptversammlungen der Hamburger Holsten-Brauerei. Stets wird Aufsichtsratschef Christian R. Eisenbeiss (47) dort gefragt, ob er nicht Interesse habe, sein Aktienpaket an einen großen internationalen Braukonzern zu verkaufen. Und der Großaktionär, frisch aus New York eingeflogen, antwortet dann höflich, aber kühl und mit leicht amerikanischem Akzent: "Holsten ist eher ein Konsolidierer als ein Konsolidierungsobjekt." Soll heißen: Holsten kauft zwar am dollsten, wird aber selbst nicht übernommen. Doch nun ist alles anders: Der heimliche Herrscher über den Holsten-Konzern hat seinen Anteil am größten deutschen Bierbrauer auf nahezu 50 Prozent aufgestockt. Fast 14 Prozent hat er einer Commerzbank-Tochter abgekauft, etwa 35 Prozent kontrolliert er über eine Eidelstedter Mälzerei, die Tivoli Werke. Der Aufkauf nährt Spekulationen in der Branche, der ehemalige Investmentbanker könne das Paket nur deshalb erworben haben, um es anschließend Gewinn bringend an einen der großen Brauriesen wie die belgische Interbrew, die holländische Heineken, die dänische Carlsberg oder auch den US-Brauer Anheuser-Bush zu veräußern. Besonders enge Kontakte zu Eisenbeiss werden der Scottish & Newcastle Brewery nachgesagt. Gestern meldete sich Eisenbeiss erstmals selbst über die Holsten-Geschäftsführung zu Wort. Er habe seinen Anteil deshalb aufgestockt, "weil ich mit meiner Beteiligung an der Brauerei sehr zufrieden bin und dies für sinnvoll halte", ließ er mitteilen. Es verwundere ihn aber gar nicht, dass Holsten als ein Übernahmekandidat gehandelt werde. "Wir sind sowohl mit unseren Produkten als auch mit dem Vertrieb gut aufgestellt." Das sagt alles und nichts, ein klares Dementi zu etwaigen Verkaufsabsichten gab es nicht. Was plant Eisenbeiss? Einerseits ist der Mann, den Freunde als zurückhaltend und in all seinen Handlungen sehr durchdacht beschreiben, lange Zeit mit Holsten verbunden. Mehrere Wochen lebt der New Yorker im Jahr in Hamburg, joggt aus Passion um die Alster und schaut regelmäßig im Konzern vorbei. Er kümmert sich um Fragen der Werbung ebenso wie um die Geschäftsdaten, kennt die Deckungsbeiträge aller Holsten-Produkte. Wichtige Firmendaten lässt er sich während seiner Abwesenheit per E-Mail in die USA schicken. Mittlerweile in dritter Generation ist die Familie Eisenbeiss bei Holsten engagiert. Christian Eisenbeiss übernahm im Alter von 33 Jahren den Platz im Aufsichtsrat von seinem Vater Johann, als der 1987 starb. "Ich bin mit Holsten emotional verbunden", sagte er vor Jahren dem Abendblatt. Doch neben dem traditionsverbundenen Eisenbeiss gibt es noch den anderen, den kühlen Rechner. Den Mann, der an der Columbia Universität Mathematik und Volkswirtschaft studierte, wollte mal Mathematikprofessor werden. Sein Handwerk lernte Eisenbeiss an der Wall Street, arbeitete dort als Investmentbanker für Dillon Read. Zahlen sind Eisenbeiss' große Leidenschaft - nicht Bier. Rechnen würde sich ein Verkauf von Holsten in jedem Fall. Der Aktienkurs ist niedrig, Analysten gehen davon aus, dass sich ein Kaufpreis zwischen 650 und 700 Millionen Euro für Holsten erzielen ließe, also etwa das Doppelte dessen, was Holsten derzeit an der Börse wert ist. Konzerne wie die belgische Interbrew sind bereit, hohe Summen für den Ausbau ihrer Marktposition in Deutschland zu zahlen. 1,7 Milliarden Euro waren es bei der Übernahme der Becks-Gruppe in Bremen. Nichts spricht allerdings dafür, dass sich Eisenbeiss sofort von seinem Holsten-Paket trennen müsste, wenn er es denn überhaupt möchte. Der Mann hat einen langen Atem - schließlich ist er passionierter Marathonläufer.