Gesamtmetall-Chef

"Zum Euro gibt es keine Alternative mehr"

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Martin Kannegiesser ruft Deutschland angesichts der Schuldenkrise zum Sparen auf. Weitere Konjunkturprogramme seien nicht finanzierbar.

Hamburg. Die Metallindustrie hat im Zuge der Finanzmarktkrise den größten Auftragseinbruch seit Jahrzehnten erlebt. 220 000 Mitarbeiter verloren in Deutschland ihren Job. Der Arbeitgeberpräsident von Gesamtmetall, Martin Kannegiesser, ist jedoch optimistisch, dass die Talsohle der Flaute durchschritten ist und es langsam bergauf gehe - sofern vom Finanzmarkt keine weiteren Erschütterungen drohen. Das Abendblatt sprach mit dem Unternehmer über die Bedeutung des Euro für die Wirtschaft, die Einführung einer Transaktionssteuer, die aktuelle Kreditvergabepraxis der Banken und die Vorteile von Familienunternehmen.

Abendblatt:

Der Euro muss mit einem gigantischen Milliarden-Euro-Hilfspaket von EU und IWF gerettet werden. Halten Sie die Stützung für angemessen?

Martin Kannegiesser:

Die Finanzhilfen sind richtig, auch wenn die Maßnahme gewaltige Risiken birgt. Es ist insbesondere für unsere Wirtschaft wichtig, einen Dominoeffekt zu vermeiden, der nach Griechenland noch weitere Länder hätte zu Fall bringen können. Es gibt zur Weiterentwicklung Europas keine Alternative mehr - und dazu gehört auch der gemeinsame Währungsraum mit dem Euro.

Dossier: Die Euro-Krise

Sollte Griechenland nicht besser aus der Währungsunion ausgeschlossen werden? Schließlich hat der Staat gelogen und betrogen.

Nein, ein Ausschluss ist keine Alternative mehr. Es würde die Spekulation gegen andere Länder anheizen. Die Klagen darüber, ob nicht der damalige Zeitpunkt für die Erweiterung der Währungsunion zu früh kam und sie zu sorglos erfolgt sei, bringen jetzt nichts mehr. Die Spekulation gegen Stärke und Entschlossenheit des gemeinsamen Währungsraumes darf keine neue Nahrung erhalten. Wir müssen uns jetzt mit der Währungsunion und dem Euro vorbehaltlos identifizieren. D-Mark und Drachme sind Geschichte.

Wie wichtig ist für die deutsche Industrie der gemeinsame Währungsraum - und damit der Euro?

Durch die Währungsunion hat sich ein gemeinsamer Binnenmarkt entwickelt. Der Euro-Raum ist für die deutsche Industrie heute der größte Absatzraum. Zwei Drittel unserer Produkte bleiben in Europa, das ist für unsere Industrie der Binnenmarkt. Dies ist durch den Euro erheblich erleichtert worden. Der Binnenmarkt und die gemeinsame Währung sind für die Industrie enorm wichtig. Ohne den Euro wäre die Absatzentwicklung gerade in der Krise für viele noch schwieriger geworden. Der Euro erleichtert nicht nur die Abwicklung des Handels, sondern hat auch zur Stabilisierung unserer Absatzmärkte in Europa beigetragen. Was noch fehlt, ist eine aufeinander abgestimmte Wirtschaftspolitik.

Was halten Sie von dem Vorstoß der EU-Kommission, künftig die Haushalte der Länder stärker zu kontrollieren?

Wer Europa wirklich will, muss auch ein Stück seiner Souveränität aufgeben. Das liegt in der Natur der Sache. Eine stärkere Koordinierung und Disziplinierung ist sinnvoll. Allerdings sollte die EU-Kommission in einer ersten Phase nur koordinieren, kontrollieren und empfehlen - die Entscheidungen müssen noch bei den einzelnen Staaten bleiben, für mehr sind wir noch nicht reif.

Könnten Sie sich künftig eine Wirtschaftsregierung für Europa vorstellen?

Der damalige Zeitpunkt für den Start der Währungsunion war politisch motiviert. Wirtschaftlich und politisch ist die Währungsunion die zwangsläufige Ergänzung des gemeinsamen Binnenmarktes und für den weiteren europäischen Integrationsprozess. Wir müssen in immer mehr Bereichen zusammenwachsen, weil die inneren Widersprüche sonst zu groß werden. Die Führungsherausforderung besteht darin, den Bevölkerungen die europäischen Institutionen näherzubringen - Begeisterung und Stolz für diesen Kontinent zu entfachen, der so sehr Teil auch unserer persönlichen Prägungen ist.

Estland möchte im Januar 2011 der Euro-Zone beitreten. Halten Sie das für sinnvoll?

In der aktuellen Krisensituation finde ich einen Beitritt weiterer Länder zur Euro-Zone übereilt. Europa sollte sich zunächst konsolidieren, bevor es sich mit weiteren Problemen belastet.

Wer trägt aus Ihrer Sicht die Hauptschuld der Krise?

Die Krise ging von der Finanzwirtschaft aus, die die Konjunktur in einem einzigartigen Tempo nach unten gezogen hat. Der Absatz der Industrie ist enorm eingebrochen, viele Unternehmen sind kaputtgegangen. Zudem wurden alle - Banken, Unternehmen, Spekulanten - in einen Topf geworfen, obwohl die Realwirtschaft gar nichts mit der Krisenverursachung zu tun hatte. Man hätte stets deutlicher unterscheiden müssen zwischen sachlich zwingenden Verursachungsfaktoren und persönlichem Versagen von Menschen und Berufsgruppen. Hier haben sich prominente Vertreter der Finanzindustrie zu spät der Öffentlichkeit gestellt, Zusammenhänge, Konsequenzen und künftiges Engagement unzureichend erklärt. Stattdessen standen die Unternehmer, stand die Marktwirtschaft insgesamt am Pranger. Das war bitter.

Müssten die Banken stärker an den Kosten der Krise beteiligt werden?

Es gibt Banken, die durch eine Beteiligung noch stärker in Bedrängnis kommen würden. Wichtig ist, dass die Finanzmärkte künftig stärker reguliert werden. Die Grundfunktion der Banken besteht darin, die Realwirtschaft mit Finanzierung zu versorgen. Dies gerät aber in Gefahr, wenn am Finanzmarkt mit virtuellen Produkten und unter Inkaufnahme überbordender Risiken ein Vielfaches an Geld verdient werden kann als im Geschäft mit der realen Wirtschaft.

Was halten Sie von der Einführung einer Transaktionssteuer?

Eine Transaktionssteuer kann ein richtiger Weg sein, um die Erträge der reinen Finanzprodukte nicht zu weit von denen der Finanzierung der Realwirtschaft auseinanderdriften zu lassen. Die Idee sollte nicht mit ausschließlich ideologischen Reflexen vom Tisch gewischt werden, denn das Problem des Auseinanderdriftens ist real.

Bekommen die Unternehmen in der Metall- und Elektroindustrie noch genügend Kredite?

Im Moment gibt es keine generelle Kreditklemme in Deutschland. Unternehmen, die finanziell schwach aufgestellt sind, haben sicherlich mehr Schwierigkeiten, einen Kredit zu erhalten, als noch in den Zeiten des leichten Geldes vor 2008. Wer aber ein ordentliches Geschäftsmodell sowie ein angemessen solides finanzielles Fundament vorweisen kann, hat in der Regel kaum Schwierigkeiten.

Ist der Höhepunkt der Krise in der Metallindustrie bereits erreicht?

Die Zahlen sprechen dafür, dass wir die Talsohle verlassen haben. Es dürfte langsam bergauf gehen, sofern von den Finanzmärkten keine weiteren Erschütterungen kommen. Unsere Industrie ist gut aufgestellt, unsere Produkte sind weltweit gefragt. Die meisten Firmen haben die Krise genutzt, ihre Produktion zu optimieren. Das Niveau von vor der Krise werden wir aber frühestens 2012 wieder erreichen.

Wünschen Sie sich weitere Hilfen für die Wirtschaft, wie Konjunkturprogramme?

Nein. In der Schuldenkrise noch mehr vom Staat zu verlangen wäre unverantwortlich. Wer sollte das finanzieren? Wir können schon froh sein, wenn wir Steuern und Abgaben stabil halten. Eine Steuersenkung ist in diesen Zeiten erst recht nicht finanzierbar. Wir sollten die Instrumente nutzen, die vorhanden sind. Deutschland muss seine grundlegenden Hausaufgaben machen, die Schulden abbauen, weiter in Bildung investieren und die europäischen Probleme lösen.

Seit Mitte 2008 haben 220 000 Menschen in der Metallindustrie ihren Job verloren. Wird die Branche 2010 noch weitere Arbeitsplätze abbauen müssen?

Der ursprünglich befürchtete starke Einbruch wird aus heutiger Sicht ausbleiben, zum Glück. Aber es wird noch einen weiteren leichten Abbau geben. Bis jetzt haben wir nur rund 6,5 Prozent der Stellen verloren - obwohl die Produktion derzeit um 27 Prozent wachsen müsste, um wieder auf dem Stand von vor der Krise zu sein.

Wie sind Sie mit Ihrem Betrieb durch die Krise gekommen?

Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen. Wir hatten 2009 einen Umsatzeinbruch von 17 Prozent, haben aber dennoch schwarze Zahlen geschrieben. Kein Mitarbeiter hat bei uns seinen Job verloren. Auch Kurzarbeit mussten wir nicht anmelden. Wir haben, wie andere Unternehmen, die Arbeitszeitkonten genutzt und die Zeit für Projekte verwendet, die in der Boomzeit liegen geblieben waren.

Können sich Familienunternehmen in Krisenzeiten besser behaupten?

Im Grundsatz ja. Familienunternehmen denken langfristiger. Auch sie müssen Geld verdienen, aber es ist für sie nicht so wichtig, jedes Jahr einen höheren Gewinn auszuweisen. Sie unterliegen nicht dem kurzfristigen Druck der Aktionäre. Gleichzeitig aber sollte man Kapitalgesellschaften nicht verteufeln. Sie stehen oft an der Spitze des für uns alle geltenden Zwanges zu noch mehr weltweiter Vernetzung und Effizienz. Auch Familienunternehmen können aus Wasser nicht Wein machen - das Geflecht aus den verschiedenen Unternehmenstypen macht erst Stärke, Zukunftsfähigkeit und gesellschaftliche Akzeptanz einer Wirtschaft aus.