Ruprecht Eser

„Das war der Einbruch des Lebens ins Fernsehen!“

Mit einem Bein im Osten: Ruprecht Eser steigt auf dem Bahnhof Altona in den ICE nach Leipzig

Mit einem Bein im Osten: Ruprecht Eser steigt auf dem Bahnhof Altona in den ICE nach Leipzig

Foto: Marcelo Hernandez

Wie verändern sich Zeiten und Menschen in einem Vierteljahrhundert? Prominente erinnern sich. Teil 17: Ruprecht Eser.

Eine der chaotischsten TV-Sendungen aller Zeiten beginnt am Nachmittag des 22. Dezember 1989. Ruprecht Eser hat sich mit seinem Mikrofon am Brandenburger Tor platziert, auf der Ostseite wohlgemerkt, dort, wo heute das Hotel Adlon seine Gäste empfängt. Es ist der Tag, an dem das Brandenburger Tor wiedereröffnet wird, an dem die Mauer zu beiden Seiten des Tores für Fußgänger durchbrochen werden soll. Nach 28 Jahren Teilung ein symbolträchtiges Ereignis für die Berliner – und für den Rest der Welt, denn selten sah man so viele ausländische Journalisten auf einem Fleck.

Ruprecht Eser, Moderator des „heute-journals“, befindet sich mitten zwischen ihnen und den unzähligen Menschen, die gekommen sind, um bei dieser historischen Party dabei zu sein. Es regnet in Strömen, und Eser sagt zu Beginn der Liveübertragung: „Der Himmel weint, aber es kann nur vor Freude sein.“ Was dann folgt, hat es beim ZDF noch nicht gegeben. Ein fröhliches Chaos bricht aus, die Menschenmassen feiern und strömen durch das Tor. Sie schwemmen dabei Esers Kollegen Klaus-Peter Siegloch, der eigentlich von der Westseite berichten sollte, mit. „Uns Deutschen wird immer Ordnungsliebe vorgeworfen, diesen Ruf haben wir heute verloren“, sagt Eser lachend in die Kamera.

Auf seinem Monitor kann er wegen des Regens kaum mehr etwas erkennen, der Ton und die Verbindung zur Regie werden ständig unterbrochen. Eser steht allein auf weiter Flur und doch umgeben von Tausenden. Es sind seine Stunden. Der 46-Jährige moderiert und moderiert, spricht mit den Leuten, bekommt von ihnen immer wieder Geschenke überreicht. Blumen, Rotkäppchen-Sekt, selbst gemachte Glücksbringer. Da sei ihm erst klar geworden, was Journalisten aus dem Westen für die Leute im Osten bedeuteten. „Wir waren die, die die Wahrheit sagen. Wenn ich daran denke, läuft es mir heute noch kalt den Rücken runter. So ein Vertrauen, das wollte ich nie, nie enttäuschen“, sagt Ruprecht Eser 25 Jahre später.

Mit 16 rebellierte er gegen das System und spielte Elvis-Songs in der Schule

Der Fernsehmacher sitzt in einem Café in Blankenese, die Sonne scheint, die Leute bestellen Soja-Latte und machen Selfies mit ihren iPhones. Die Wendezeit ist gefühlt so weit entfernt wie die Eiszeit. Aber Eser taut die Vergangenheit mit seinen Anekdoten auf. Fast jeden Abend hatte er damals eine Schalte aus Berlin, er wollte dort sein, wo Geschichte geschrieben wird, nicht im ZDF-Studio in Mainz. Nach der chaotischen Livesendung hatte sein Chef gemeckert, so ginge das doch nicht, aber Eser hielt dagegen: „Das war der Einbruch des Lebens ins Fernsehen!“

Eser ist heute noch stolz auf diesen Satz. Der Moderator surfte von Oktober 1989 bis zum Frühjahr 1990 auf einer Welle der Euphorie. Natürlich kennt er die alte Journalistenregel, sich nicht gemein zu machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, aber der Mauer- war eben auch ein Sonderfall. Empathie lässt sich nicht abschalten, Adrenalinausschüttung nicht stoppen. „So ein Gefühl habe ich nie wieder gespürt“, sagt Eser. „Dieser Teil meines Lebens ist nicht zu toppen.“

Denn es ging hier nicht nur um die politischen Ereignisse, es ging auch um seine eigene Biografie. Eser ist in der ehemaligen DDR geboren, eine deutsch-deutsche Vita, die zunächst von viel Ärger gekennzeichnet war. Mit 16 Jahren rebelliert der Leipziger bereits gegen das System. Er verunstaltet die FDJ-Zeitung, schießt mit dem Luftgewehr auf ein Lehrlingsheim und spielt in der Schule über Lautsprecher Elvis-Songs. Zunächst rettet ihn sein Hochsprungtalent vor Konsequenzen. An der Deutschen Hochschule für Körperkultur hätte der junge Eser ein ganz Großer werden können, aber als er sich schließlich auch noch weigert, in der Aula vor allen Mitschülern Selbstkritik für seine Vergehen zu üben, da war es vorbei. „Wir haben den Auftrag, deine Noten nach unten zu drücken“, verriet ihm ein Lehrer. „Da wusste ich, dass ich in der DDR nichts werde und nie studieren dürfte“, sagt Eser.

1961, nur drei Wochen vor dem Mauerbau, verließ er mit seinen Eltern und seiner Schwester das Land. Zwei Jahre später wird er Fluchthelfer. Zusammen mit einem Freund fährt der Student der FU Berlin regelmäßig nach Budapest und Eger. In ihrem VW-Bus ist der Tank verkleinert, sodass man sich hinter der Rückbank verstecken kann. Zehn DDR-Bürger holen sie nach und nach raus, kostenlos natürlich. „Fluchthilfe gehörte damals zum guten Ton“, sagt Eser überzeugt. Eine Mischung aus Idealismus und Rachsucht treibt ihn damals an. Angst habe er natürlich auch gehabt – vollkommen begründet. Die Stasi wird auf den Studenten aus Westberlin aufmerksam, sie zeigen sein Foto herum. Beim nächsten Grenzübertritt wäre er in den Knast gewandert, doch wer Journalist werden will, der ist vernetzt und erfährt rechtzeitig, dass er in Gefahr schwebt.

Nach der Wende wollte Eser kündigen, was sollte danach noch kommen?

Nie im Leben hätte Eser damals damit gerechnet, dass Deutschland je wieder vereint würde. Erst die Montags-Demonstrationen in Leipzig im Oktober 1989 wecken seine Hoffnung: „Ich dachte: Die schießen ja gar nicht auf die Leute, da tut sich was!“ Eser fährt sofort nach Leipzig und macht Reportagen aus seiner Heimatstadt, die er Heldenstadt nennt: „Von dort ging die Wende aus. Dort hat alles angefangen, mit dem Bürgermut der Menschen in den Kirchen. Dort sind sie aufgestanden und aufrecht gegangen, haben erst ihre Angst und dann das Regime bezwungen.“

Ruprecht Eser ist der Ansicht, der eigentliche Tag der Deutschen Einheit müsste der 9. Oktober sein, als 70.000 Menschen in Leipzig auf die Straße gingen. Ab dann habe die friedliche Wende ihren Lauf genommen, Montag für Montag versammeln sich mehr Leute, am 6. November sind es 400.000, und drei Tage später öffnet sich tatsächlich die Mauer. „Am 9. November wollte ich meinen Job als Journalist dann eigentlich aufgeben,“ sagt Eser. „Was sollte danach noch kommen?“

Es kommt noch so einiges. Ruprecht Eser bekommt die Goldene Kamera, er wird Programmdirektor beim Fernsehsender Vox, wechselt 1993 zurück zum ZDF, wird zum Hauptredaktionsleiter Gesellschafts- und Bildungspolitik und übernimmt 2004 die Leitung des ZDF-Studios in London. „Das hat mir gefallen: Es endet dort, wo es angefangen hat“, sagt Eser, der sein Handwerk bei der BBC lernte. Direkt nach dem Studium war er nach London gezogen, und genau dort wollte der vierfache Vater seine letzten Arbeitsjahre verbringen. Und dann? „Sind wir in die Heimatstadt meiner Frau gezogen, nach Hamburg“, sagt Eser. Bewusst nicht nach Berlin, wie so viele seiner Kollegen, die in den Ruhestand gehen. Das sei nichts für ihn, durch die Straßen zu laufen und sich zu fragen, wer einen noch erkennt oder wer einen noch einlädt. „Das ist doch schmerzhaft, da mache ich lieber einen richtigen Schnitt“, sagt Eser.

Die geballte Harmlosigkeit der jungen Journalisten ärgert ihn

So ganz weg von seiner Profession kommt der 72-Jährige aber immer noch nicht. Als Honorarprofessor unterrichtet er Studenten der Uni Leipzig, doch in den vergangenen 25 Jahren hat sich nicht nur der Journalismus verändert, sondern auch die jungen Leute, die ihn ausüben wollen. Kürzlich hat Eser wieder an einem Auswahlverfahren für die begehrten Masterstudienplätze teilgenommen. Nach dem ersten Tag ist er total gefrustet. Die Kandidaten hätten fast alle keinen Plan, keine Ahnung, die wollten nur irgendwas mit Medien machen, wüssten aber nicht, dass man dafür Kraft und Energie braucht. „Mir ist geballte Harmlosigkeit und Verzagtheit begegnet.“ Am zweiten Tag kehrte seine Hoffnung zurück, und er wolle keineswegs die Leier schwingen, dass früher alles besser sei, nein. Nur eben anders, politischer, engagierter.

Eser wird viel von dem, was er kann, was er weiß, was er fühlt, weitergeben. Seine Hände werden wie früher vor der Kamera hin und her toben. Wie sein rebellischer Geist wollen sie sich nicht harmlos in den Schoß legen lassen. Was für eine Ironie des Schicksals: Der Mann, dem das Studieren in Leipzig früher verboten war, unterrichtet nun genau dort. Es ist Ruprecht Esers späte Rache am System.

Nächsten Donnerstag in Folge 18 lesen Sie:
Ingrid Unkelbach (Leiterin Olympia-Stützpunkt)