Nach ESC-Eklat

Kümmert sagt kurzfristig Auftritt ab: "Zu sensibel"

Andreas Kümmert verzichtete auf die ESC-Teilnahme - und musste nun ein Konzert absagen

Andreas Kümmert verzichtete auf die ESC-Teilnahme - und musste nun ein Konzert absagen

Foto: Peter Steffen/dpa

Am Sonnabend war für Andreas Kümmert ein Auftritt in Karlstadt geplant. Den musste der Sänger absagen - ihm wäre "gerade alles zu viel".

Andreas Kümmert hat den ersten Auftritt nach dem Eklat beim ESC-Vorentscheid abgesagt. Das berichtet die Bild am Sonntag. Am Abend des Sonnabend hätte der Musiker im fränkischen Karlstadt auftreten sollen, noch am Nachmittag seien Karten erhältlich gewesen.

Erst zwei Stunden vor dem geplanten Konzert hätte Kümmert dem Veranstalter mitgeteilt, dass er nicht auftreten werde. Begründung: Er sei zu sensibel, ihm wäre gerade alles zu viel. Veranstalter Konrad Horstmann habe enttäuscht reagiert.

Ein Nachholtermin sei nun für den 11. April vorgesehen. Am Donnerstag hatte der 28-Jährige den deutschen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest in Wien gewonnen, anschließend jedoch erklärt, dass er das Votum nicht annehme.

Kümmert verzichtet auf ESC-Teilnahme

Als einer der ersten meldete sich am Morgen danach Jürgen Lippert zu Wort. „Es ist schade für Andreas, und es ist schade für Gemünden. Aber man muss die Entscheidung akzeptieren, sie ist dem Andreas bestimmt nicht leicht gefallen“, sagte der Bürgermeister der idyllischen 10.000-Einwohner-Stadt am Main. Die Entscheidung hatte sein momentan wohl prominentester Bewohner, der Musiker und Sänger Andreas Kümmert, 28, am Abend zuvor beim deutschen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest (ESC) in Hannover getroffen. Und damit für einen beispiellosen Eklat gesorgt.

Gerade hatten die ARD-Zuschauer der Show „Unser Song für Österreich“ Andreas Kümmert mit seinem Lied „Heart of Stone“ mit sagenhaften 78,7 Prozent im Finale zum umjubelten Sieger gekürt, da schnappte sich der kleine Mann mit der großen Stimme das Mikrofon von Moderatorin Barbara Schöneberger, um noch eine kurze Erklärung abzugeben. „Ich bin nicht wirklich in der Verfassung, diese Wahl anzunehmen“, sagte er. Und hinterließ fassungslose Mitmenschen. Immerhin 1,54 Millionen Anrufe und SMS hat die ARD registriert.

Wie kann das sein? Ein Scherz? Darf der das überhaupt? Ist der Mann von allen guten Geistern verlassen? Endlich am Ziel, und dann war der Weg dorthin der völlig falsche?

Wie ein abgelehnter Lotto-Gewinn

Andreas Kümmert verzichtete auf das europäische Finale in Wien am 23. Mai vor einem weltweiten Millionen-Publikum und ließ der Zweitplatzierten Ann Sophie aus Hamburg den Vortritt. Es war ein bisschen so, als hätte er gerade einen Lottoschein mit sechs Richtigen plus Zusatzzahl in der Hand gehalten – und diesen dann spontan an seine Konkurrentin weitergereicht mit den Worten: „Nimm du das Geld, was soll ich mit den Millionen, die machen mich auch nicht glücklich.“

Und bevor er mit seinen Band-Kollegen von der Bühne verschwand, sagte Andreas Kümmert noch kaum hörbar: „Ich bin doch nur ein kleiner Sänger.“

Ein kleiner Sänger? Das kann man vordergründig so sehen. Kümmert kommt daher wie der eigenwillige Barde aus der Eckkneipe. Kapuzenpulli, Zottelbart, Halbglatze. Untersetzt, freundlich, zurückhaltend. Andreas Kümmert ist in jedem Fall der komplette Gegenentwurf zum glamourösen Song Contest mit seinen gewaltigen Laser-Shows und den meist sinnfreien Verrenkungs-Choreographien, in dem die Verpackung schon seit langem viel wichtiger zu sein scheint als der Inhalt.

Wenn Kümmert aber anfängt zu singen, findet eine Verwandlung statt. Aus dem Kauz wird der Star. „Sobald er auf der Bühne steht, fängt er an zu leben“, sagt Peter Urban. Der 66-jährige Hamburger ist so etwas wie der personifizierte ESC. Seit 1997 kommentiert Peter Urban, selbst Musiker und Komponist, für die ARD den Song Contest. Wie alle anderen ist auch Urban von Kümmerts Entscheidung am Abend völlig überrascht worden. „Ich war in dem Moment, als er einen Rückzieher gemacht hat, ziemlich schockiert“, sagt Urban. „Die Show war unheimlich abwechslungsreich, es gab tolle Bands, wunderschöne Songs und sehr professionelle Darbietungen. Solch ein Ende hatte die Sendung einfach nicht verdient.“

Die Frage ist, wie sich Andreas Kümmert in diese Sendung verirren konnte?

Da muss man etwas zurückgehen. Vor zwei Jahren gab es schon einmal einen ähnlichen TV-Moment wie jetzt in Hannover. Bei der Casting-Show „The Voice of Germany“ stand Andreas Kümmert erstmals vor einem Millionen-Publikum auf der Bühne und sang „Rocket Man“ von Elton John. Nach wenigen Takten und ein paar Tönen tobten die Zuschauer, und Jurorin Nena rief vor Begeisterung: „Oh mein Gott!“

Kümmert gewann „The Voice“ haushoch. Schon als kleiner Junge, hat er einmal erzählt, durfte er sich in der Plattensammlung seines Vaters, eines halbprofessionellen Trompeters, austoben. „Mein Vater hatte eine ziemlich große Plattensammlung, und da sind viele Einflüsse hängengeblieben.“ Das ging von den Eagles über die Stones bis zu Guns N’Roses. Der kleine Andreas lernte mit neun Jahren Schlagzeug und begann mit 13 Jahren Gitarre zu spielen. Er spielte in verschiedenen Schülerbands und trat immer öfter auch als Sänger in den Vordergrund.

Vor sieben Jahren begann Andreas Kümmert, durch Deutschland zu touren und brachte es zeitweise auf mehr als 150 Auftritte im Jahr. Ein Bühnen-Profi für die kleinen Clubs. Der sich in seinem ersten Plattenvertrag mit Universal zusichern ließ, dass er weiter mit seinen alten Kumpels auftreten durfte. Und nicht mit Profi-Musikern auf Tour gehen musste.

Der Joe Cocker aus Franken

Sie nannten ihn den „Joe Cocker aus Franken“. Aber Peter Urban sagt, dass Andreas Kümmert im Gegensatz zu Cocker eben auch ein großartiger Songschreiber sei. „Er komponiert selbst, es sind wirklich großartige Titel, die er schreibt, das ist schon etwas ganz Besonderes.“ Und weil das so ist, sagt Urban, täte man Kümmert auch total Unrecht, wenn man der Meinung sei, so einer hätte beim ESC nichts zu suchen. „Gerade das Ungewöhnliche hat beim europäischen Song Contest immer sehr gute Chancen zu gewinnen.“

Aber das Wort Contest bedeute eben Wettbewerb. Und da ginge es nun einmal ums Gewinnen. „Man muss sich dem Wettbewerb stellen.“

Andreas Kümmert hat das versucht. Und er ist eigenwillig. Er hat auch nach seinem Sieg bei „The Voice“ Auftritte und Interviews platzen lassen. Das eine ist die Musik, das andere ist das Geschäft. Und manchmal passt das einfach nicht zusammen. Der Rummel, hat Kümmert mal gesagt, war ihm schnell zu viel, und bald ging es gar nicht mehr nur allein um seine Musik. Es ging um seine Person, seine Kleidung, sein Auftreten.

Seine gewaltige Stimme hatte ihn in eine Welt geschleudert, in der er sich zunehmend nicht mehr wohlfühlte. Und in der nicht nur komplizierte Verträge mit Plattenfirmen lauerten, sondern auch Fans, die es nicht so gut mit ihm meinten. „Es gab da einen Vorfall bei einem Konzert vor einer Woche in Eppingen, der seinen Rückzieher beim ESC vielleicht erklärt“, sagt Ralf Wiesner. Der 50-Jährige ist Chef im Bistro „La Belle“ in Gemünden. Hier ist An­dreas Kümmert das erste Mal mit 16 Jahren aufgetreten. Ein kleiner Raum mit Couch, Theke, Billardtisch und Stehtischen. Wenn 70 Besucher kommen, ist es rappelvoll. „Andreas ist im Grunde ein sehr schüchterner Mensch, der nie den großen Trubel wollte“, sagt Ralf Wiesner. „Er fühlt sich am wohlsten, wenn er in kleinen Clubs vor Leuten spielt, die er kennt.“

Das „Andy’s“ in Eppingen ist ebenfalls eine kleine Kneipe. Nach dem Konzert schrieb die „Bild“, dass sich Andreas Kümmert unflätig benommen und vier Frauen beleidigt habe. Die vier Schwestern hätten Anzeige wegen „Beleidigung auf sexueller Grundlage“ gestellt. In der „Main Post“ allerdings schildert eine Augenzeugin den Vorfall etwas anders. Eine Gruppe von acht Leuten habe sich direkt neben der Bühne lautstark unterhalten. Kümmert habe erst leiser gesungen – ohne Erfolg. Dann habe er aufgehört zu spielen und die Leute gefragt, warum sie eigentlich hier seien, wenn sie gar nicht zuhören wollten? Er fühle sich gestört. „Es war deutlich in der Wortwahl, aber nicht unverschämt“, sagt die Augenzeugin Sabine Schramm. Und von den restlichen 60 Besuchern hätte es dafür auch Zustimmung gegeben. Die Gruppe mit den vier Schwestern habe den Laden dann unter dem Beifall der Zuschauer verlassen. „Endlich war Ruhe, und wir konnten das Konzert genießen.“

Peter Urban sagt, dass der Druck für die Künstler beim ESC ziemlich groß sei. Überall Kameras, ständig Interviews und „ganz eigene Fans, die sehr aufdringlich sein können“. Viele Musiker, sagt Urban, fänden genau das ganz toll. „Die einen lieben es, aber andere ängstigt genau das.“ Sie hätten dann ein Gefühl der Bedrohung und fühlten sich bedrängt.

Beim NDR wusste man um die angeschlagene Psyche des Künstlers Kümmert. Sie haben ihn vorher extra gefragt, ob er das wirklich will. „Traust du dir das zu?“ Ja, habe Andreas Kümmert gesagt, er wolle beim ESC unbedingt mitmachen.

Am Tag vor der Sendung konnte Kümmert wegen Fiebers nicht an der Probe teilnehmen. Erst am Donnerstag war er nach Hannover gefahren und schaffte es am Nachmittag nur noch zu einer kurzen Generalprobe vor dem Auftritt am Abend.

Er siegte – und vielleicht ist ihm in dem Moment klar geworden, was er alles verlieren könnte, wenn er auf die europäische Bühne klettert. Und vielleicht wurde er auch überwältigt von dem Augenblick, als Deutschland entschieden hat, dass Andreas Kümmert für das Land antreten soll.

„Die Lampe ist zu groß, die da angeht“, sagt Siggi Schuller von der Plattenfirma Universal. „Andreas hat alles gegeben und irgendwann festgestellt, dass er es einfach nicht packt.“ Er glaube, Kümmert habe einfach spontan entschieden. „Wir haben da mit offenem Mund gestanden“, sagt ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber, der nie mit einem solchen Rückzug gerechnet hat.

Barbara Schöneberger hat letztlich sehr spontan entschieden, Ann Sophie zur Siegerin des deutschen Vorentscheids zu erklären: „Ich nehme Andreas Kümmert ab, dass er nicht tiefer in die ESC-Maschine eintauchen möchte und kann. Ich finde, das ist authentisch, wenn man ihn sich anguckt, was er für ein Typ ist. Und dann finde ich es doof, da zu insistieren. Ich wollte ihm das Gefühl geben, er kann da jetzt raus, wenn er es gerne möchte.“

Der Soulsänger Max Mutzke, der Deutschland 2004 beim ESC vertreten hat, äußerte ebenfalls Verständnis für Kümmerts Entscheidung. „Der Druck hinter den Kulissen ist enorm groß.“ Dem wird sich nun eine Hamburgerin stellen. Ann Sophie tritt mit ihrem souligen Popsong „Black Smoke“ in Wien an. „Ich finde das megamutig, dass Andreas in dem Moment auf sein Herz gehört hat“, sagt sie. „Ich habe großen Respekt vor seiner Entscheidung.“ Dass sie jetzt nach Wien dürfe, sei ein Traum, der wahr geworden ist. Und Peter Urban ist sich ganz sicher, dass die 24-Jährige dort einen super professionellen Auftritt hinlegen wird.

Jürgen Lippert wird dann nicht dabei sein. „Ich hatte schon zu meiner Frau gesagt, wir fahren nach Wien“, sagte der Gemündener Bürgermeister. Ganz unerwartet sei Kümmerts Entscheidung für ihn aber nicht gekommen. „Er ist einfach so. Immer für eine Überraschung gut. Das passt schon.“