Plauderei aus dem Schmuckkästchen (Fortsetzung)

Kurios, aber leider wahr ist die Anekdote über eine Großmutter, die ihren Enkeln goldene Armreifen mit Gravur schenkte - und wenige Jahre später zurückforderte, um sie selbst am Handgelenk zu tragen. "Jedes Stück, das ich besitze, ist wie eine Trophäe", sagt auch Stefanie Volkmer. Die Schmuckdesignerin ist ständig auf der Suche nach diesem ganz besonderen Stück, das ihren Jagdinstinkt weckt. Früher hat sie Filme gedreht, hat mit der Unterwasserkamera nach Schätzen getaucht und ist dabei viel herum gekommen.

Heute geht sie auf die Jagd durch Antiquitätenläden, Auktionshäuser und auf Flohmärkten. In Amsterdam, Amerika oder Hamburg. Alte Ringe, Broschen, Kettenanhänger und Ohrringe haben es ihr angetan. Eine Hutnadel, wie sie sich Jäger Mitte des 19. Jahrhunderts in England an den Hut steckten, entfachte auch ihr Jagdfieber: ein in Kristall gravierter Fuchskopf in einer Goldfassung mit Essex Crystals. "Der Fuchs" war geboren: In dem kleinen Juwelierladen am Poelchaukamp bekommt alter Schmuck einen neuen Schliff.

Was Kunsthistoriker kritisch sehen, nämlich Antikes in seiner ursprünglichen Form zu verändern, gehört für Stefanie Volkmer zur künstlerischen Freiheit. "Ich finde es schade, wenn antike Stücke im Tresor verstauben. Mir ist es lieber, dass der Schmuck getragen wird." Mal wird von Goldschmiedin Barbara Liebig eine Fassung erneuert oder ein Stein hinzugefügt, mal wird eine aufwendige Kette aus zig feinsten Goldfäden gestrickt und an ein Amulett gelötet. Zu ihren Kunstwerken, die auf diese Weise entstehen, hat Stefanie Volkmer eine persönliche Beziehung, sie alle tragen Namen wie Große Kamee, Natascha, Goldrausch oder Opalträumchen. "Ich stelle mir immer vor, welche Frau zu welcher Zeit den Schmuck wohl getragen haben mag." Manchmal erfährt die Designerin sogar die Geschichte zu einem Schmuckstück, wie zum Beispiel bei einer Makasitbrosche, die sie kürzlich von einer Freundin geschenkt bekam. "Die Brosche soll einem Menschen in Not helfen" - mit diesen Worten bekam Kristina Erichsen-Kruse, die Stellvertretende Landesvorsitzende des Weißen Rings in Hamburg, die Brosche von Hilde Schneider überreicht.

Mittlerweile ist die Spenderin verstorben. Sie wurde 91 Jahre alt. Kristina Erichsen-Kruse kennt ihre Geschichte, die eng mit der Brosche verbunden ist. Der Frau aus Hannover wurden 1941 alle Wertsachen, aller Schmuck genommen, als sie, damals 25, wegen ihrer jüdischen Wurzeln ins Konzentrationslager nach Riga deportiert wurde. Alles, was sie noch besaß, war eine Bibel. Der Glaube, so ist in einem Buch über ihre Lebensgeschichte überliefert, habe sie die Leiden überstehen lassen. Sie überlebte Hunger, Gewalt und Angst. Nach dem Krieg kehrte sie nach Deutschland zurück und beschloss, anderen Menschen zu helfen. Sie wurde die erste hauptamtliche Pastorin im Frauengefängnis Frankfurt-Preungesheim. Bevor sie starb, vermachte sie einen Großteil ihres Vermögens einer jüdischen Stiftung in Riga. Eines ihrer Schmuckstücke liegt nun in Stefanie Volkmers Händen. Es soll zu einem Collier umgearbeitet und verkauft werden, um einem Kind den Aufenthalt im Kinder-Hospiz Sternenbrücke zu ermöglichen.

Vorher aber sieht Nikolaus Hamkens, Antiquitätenhändler aus Eppendorf, sich das Stück an. Nach ein paar kritischen Blicken durch die Lupe steht für ihn fest: "Die Brosche ist eine Replik, höchstens 30 Jahre alt. Erst ab einem Alter von 100 Jahren aufwärts gilt ein Schmuckstück als Antiquität." Stefanie Volkmer allerdings meint: "Die schöne, persönliche Geschichte der Brosche, die der Käufer mit erwirbt, macht das Stück so wertvoll." Original oder Kopie, was bedeutet es für das Ansehen eines Schmuckstücks? Der Philosoph Walter Benjamin machte in dem Aufsatz "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" von 1935 darauf aufmerksam, dass mit der durch technischen Fortschritt ermöglichten Serienproduktion eines Kunstwerks auch ein Verlust der Aura einhergehe, dadurch der Wert des Originals aber umso größer sei, denn: "Der einzigartige Wert des 'echten' Kunstwerks hat seine Fundierung im Ritual, in dem es seinen originären und ersten Gebrauchswert hatte."

In China, dem Zentrum der perfekten Plagiate, entdeckte Nikolaus Hamkens just auf einer Messe für neue chinesische Kunst einen burmesischen Jadestein aus dem 19. Jahrhundert. Der Anbieter hatte dessen Wert offenbar nicht erkannt. "Anhand des Schliffs war aber klar, dass es sich um ein antikes Schmuckstück handelt", sagt er. Nun liegt der Kettenanhänger, in den Diamanten und ein Rubin eingearbeitet sind, bei Hamkens im Laden zum Verkauf - Preis: rund 3500 Euro. Überhaupt gibt es zum Thema Schmuck immer wieder überraschende Geschichten. So erstand Hamkens mal einen goldenen Armreif, in den eine Melodie eingraviert war. Er wollte unbedingt wissen, wem dieses besondere Stück gehört hatte und recherchierte gemeinsam mit einem befreundeten Komponisten die entsprechende Partitur. Am Ende fanden die beiden heraus, dass eine bekannte Pariser Opernsängerin den Reif getragen hatte. Die skurrilste Geschichte passierte ihm jedoch vor etwa 15 Jahren: Als der Sammler anfing, mit Schmuck zu handeln, fand er einen wunderschönen antiken Silberohrring auf einem Flohmarkt. "Leider nur einen, trotzdem kaufte ich ihn und verstaute ihn in einer Schublade." Jahre später, als er in ei-nem Schmuckkästchen seiner Freundin kramte, traute er seinen Augen nicht, er fand tatsächlich das Pendant. Seitdem glaubt Nikolaus Hamkens daran, was Goldschmiedin Barbara Liebig so treffend beschreibt: "Die richtigen Schmuckstücke finden eben ihren Weg."