Gätjen trifft ...

Jasmin Wagner ist jenseits von Blümchen

Foto: Juergen Joost / Jürgen Joost

Die Sängerin Jasmin Wagner über Karriereknicks, ihre Abneigung gegen Facebook und immer noch aktive Stalker.

Rotherbaum. So ist der Sommer. Selbst wenn er gerade einmal schwächelt. Er glänzt in leuchtend türkisfarbenem Nagellack. Schmeckt nach Unmengen von Karamel-Eiscreme. Duftet nach Mürbeteigkuchen mit Blaubeeren und Sahne. Für Jasmin Wagner zumindest, die vor mehr als 100 Jahren, wie sie lachend sagt, ihre Karriere als Blümchen beendete. Und hier im Café Leonar am Grindel gerade einen Zwischenstopp macht auf dem Weg zu den Proben am Altonaer Theater, wo sie vom 2. September an als Charlotte in "Robin Hood" Schwert schwingend durch den Sherwood Forest tobt.

Und so sind wir gleich mittendrin in dem, was gerade ihr Leben aus- und sie sehr glücklich macht: Theaterspielen. Figuren eine neue Farbe zu geben, ihnen Leben einzuhauchen, frei von dem Druck, allein verantwortlich zu sein für das Entertainment der Zuschauer, sagt sie. Sich als Teil eines Ganzen zu fühlen. Als Teamspieler.

Alleinunterhalterin war sie lange genug, sagt sie. Macht noch einmal schnell einen Abstecher zu ihrem privaten Glück. Hin zu Clemens Wirschke, ihrem Freund seit vier Jahren, mit dem sie eine wunderbare Beziehung habe. Eine gute gemeinsame Basis mit vielen Freiräumen, gemeinsamen Interessen, viel Spaß und viel Lachen. So perfekt, wie man es sich eigentlich nur erträume und dass es sich doch echt spießig anhöre, wenn sie davon erzähle.

Jasmin Wagner ist eine erstaunliche Mischung. Die, wie sie sagt, gern alles erzählt und gerne über alles redet. Die mit geradezu kindlichem Eifer abhebt und mit ganz nüchternen Sätzen wieder voll auf den Boden zurückkehrt. Die hinreißend aussieht, mit tiefgründigen Augen. Strahlt, lacht und rundherum gut gelaunt ist.

Und so gehen wir noch einmal zurück zu Blümchen, ihrer unglaublichen Karriere von null auf hundert. Als sie Preise einheimste, ausländische Charts im Sturm eroberte mit - wie Kritiker gern sagten - Kindergeburtstagsgeträller und seelenlosem Techno-Sound. 2001 machte sie selbst Schluss. Konsequent und unwiderruflich. Sie hatte für sich alles erreicht. "Was sollte da noch kommen?", sagt sie. Sie habe mit 21 nicht einmal gewusst, ob sie auf die Bühne gehöre oder ob alles nur ein großer glücklicher Zufall war. Ihr Neustart als Jasmin "ohne die ganze Blümchen-Schiene" lief nicht so gut. Ihr Album "Versuchung" wurde hoch gelobt, war aber kommerziell ein Flop. Kein großer Kratzer auf ihrer Lebensbilanz, sagt sie nüchtern, sie habe gespart, was zurückgelegt, könne davon leben. Und ja, vielleicht irgendwann wolle sie auch noch einmal singen. Drei Alben als Jasmin sollten es wohl schon sein. Pläne in weiter Ferne. Wie der Plan, irgendwann einmal das Abitur nachzuholen, um studieren zu können.

Sie lebe lieber im Hier und Jetzt, und das meine es gut mit ihr. Sie habe diesen wunderbaren Freund, wunderbare Eltern. Habe mit ihnen ihre alten Rituale beibehalten, das Schwimmengehen mit dem Vater, das Über-alles-freundschaftlich-sprechen-Können mit der Mutter. Habe viele gute langjährige Freundschaften, immer noch dieselbe faire Managerin, sei einfach treu und auch ein bisschen stolz darauf.

Sie sei eben nicht sehr schnelllebig, sagt sie. Sei überhaupt so was von untypisch für ihre Generation. Elektronische Terminplaner. Nein. Skypen, Chatten, Facebook, Mailen auch nicht. Als der Zug abging, habe sie auf dem falschen Gleis gestanden. Sie sitze lieber alle paar Wochen mit Freunden zusammen. Und zwar von Angesicht zu Angesicht. In natura. Vielleicht, sagt sie nachdenklich, sei das ja ihr persönlicher Luxus, dieses Sich-Entschleunigen, das Tempo verlangsamen zu können; diesem ständigen Aufgekratzt-sein-Müssen zu entkommen; dieses ewige Sich-Amüsieren und alle Welt daran teilhaben zu lassen, wie gut es einem ginge, auszublenden. Sie gönne sich manchmal auch ein "schweres Gemüt", sei melancholisch, lasse sich fallen und rufe sich dann irgendwann morgens im Spiegel zu: Wagner, jetzt reicht's. Und darauf hätte sie jetzt gerne noch eine Rhabarberschorle

Zwei junge Männer tauchen auf. Bitten um ein Autogramm. Benjamin und Matthias, beide 20, und auf der Durchreise zu einem Heavy-Metal-Festival. Jasmin erzählt von ihrem Kumpel, einem "Heavy Metaller", mit dem sie vor Hunderten von Jahren einmal in Wacken war. "Süß!", sagt sie, als die beiden wieder gehen. Kichert ein bisschen, erzählt von treuen Fans, die noch heute fast jede Theatervorstellung besuchen, und dann wieder ernst von immer noch aktiven Stalkern, die sie ratlos und hilflos machen. Die sich an ein fremdes Leben hängen, eine Nähe erzwingen wollen, sich dabei aus ihrem eigenen völlig ausklinken. Furchtbar, sagt sie, und sehr traurig.

Und weil ja schließlich Sommer ist und draußen endlich die Sonne wieder herauskommt, lachen wir lieber noch ein bisschen über das metallene Schwert, das im Auto auf sie wartet. Mit stumpfer Klinge und dem echten Klang. Über ihren leichten Groll, dass ihre eigentliche Lieblingseismarke sie nicht zu ihrem Sommergesicht erkoren habe, sondern Cosma Shiva Hagen. Und dass sie jetzt eine andere Eismarke öffentlich zu ihrem Favoriten erkläre. "Die mit den zwei amerikanischen Namen, Sie wissen schon".

Öffentlich, sagt sie. Privat stopfe sie sich weiter mit dem anderen voll. Wie man sieht, geht's unter bei ihren 1,78 Metern. "Ja? Wie nett." Dann könne sie sich ja gleich noch eine Portion gönnen. Auf dem Weg ins Theater.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.