Gätjen trifft ... Henning Venske

Ein Kabarettist und die Sehnsucht nach Vernunft

Henning Venske hat auch mit 70 noch den satirischen Blick. Heike Gätjen über ihre Begegnung mit dem Kabarettisten.

Hamburg. Angeln macht sich gut. Als Hingucker frümorgens am Alsterkanal. Und als Stimmungsaufheller für schwer gängige Männer mit tief in den Jackentaschen vergrabenen Händen. Wie er, Deutschlands demokratieverdrossenster Kabarettist, Henning Venske. Ja, sagt er, mit Blick auf die Angler. Das habe doch was Kontemplatives, Reizvolles. Einfach dasitzen, eine Angel ins Wasser halten. Zeit totschlagen. Nur Fische lieber nicht. Die kaufe er im Fischgeschäft. Ein verhaltenes Lächeln. Und das war's denn fürs Erste.

Henning Venske gibt sich gern verschlossen, misstrauisch. Versteckt hinter getönten Brillengläsern. Da hilft auch kein Kaffee im Bistro von Alma Hoppes Lustspielhaus, in dem er am 20. Oktober mit Partner Jochen Busse und dem neuen Programm "Inventur" Premiere hat. Den Zustand dieses Landes aufs Feinste und genüsslich seziert. Als einer der gern sagt: wenn den Leuten alles in der Republik über den Kopf wachse, gucke nur er, der politische Kabarettist, oben raus.

Bei der zweiten Tasse Kaffee tasten wir uns dann langsam ran. Reden vom Ende der Siebziger Jahre. Als Henning Venske als Deutschlands meistgefeuerter Satiriker galt. Seine Kämpfe gegen Jägermeister, Markennamen, Sponsoren, Geldgeber. Als ihm aufging, dass TV-Auftritte für politische Kabarettisten fast kontraproduktiv seien. Sie verblöden. Korrumpieren. Es sei denn man heiße Mario Barth, dieser Kneipenkalauerer.

Politisches Kabarett auf der Bühne habe nach wie vor seine Fangemeinde. Aber natürlich. Eine interessierte Minderheit jeden Alters. Eine subversive Minderheit. Mit Kabarettisten, die die Fähigkeit haben vom Berg runter auf eine schräge Welt zu gucken. Glaubwürdig zu sein für ein politisch interessiertes und informiertes Publikum, dem man nicht jede Pointe in einem langen Anlauf erklären müsse.

Er habe diesen satirischen Blick. Ja, auch mit Siebzig. Und klar, auf alles in der Stadt. Habe seine Kämpfe mit ihr ausgefochten. Über alles. Und wieso dann die Biermann-Ratjen-Medaille, die ihm im März verlieren wurde? Ihm dem Mann, der von der Wut im Bauch auf das politische Establishment lebt? Halt. Stopp, sagt er. Phhh. Und dann: Darüber habe er sich irrsinnig gefreut. Dass der Senat, ein so konservativer, seine Arbeit ehre. Das sei so ne tolle Geste. Die Stadt habe ihm damit ein bisschen von dem zurückgegeben, was er für sie empfinde. Und damit es nicht zu sehr nach Schwächeln aussieht, schießt er schnell hinterher. Wenn es das Bundesverdienstkreuz gewesen wäre, hätte er schon drüber nachdenken müssen, ob er nicht was falsch gemacht habe.

Wir reden noch ein bisschen über das, was einen Kabarettisten vorantreibt. Diese Sehnsucht, die greint und quengelt. Die Wut, die nagt und quält. Der Hass, der lacht und räsoniert , wie er es mal beschrieb.

Ja, das sei so, sagt Henning Venske. Diese Sehnsucht nach sozialer Gerechtigkeit, nach einem Durchbruch der Vernunft, nach einem Ende des Profitstrebens. Wie diesem verbrecherischen Fehler, den die Stadt gemacht habe. Krankenhäuser verkaufen! Mit Kranken Geschäfte machen! Die Versorgung der Bevölkerung mit Energie zu privatisieren! Die Selbstenteignung des Staates, die Enteignung des Volkes! Und, und, und ...

Henning Venske, der Dauergrämer. Zerfallen mit der Welt. Von Berufs wegen schon glücklos. Nein, nein, sagt er, so' n Quatsch. Er ginge gern durch diese Welt. Habe ein Ferienhaus an der Holsteinischen Seenplatte, freue sich da ganz ungemein am Schnacken mit den Leuten, an Kartoffeln und Möhren aus dem eigenen Garten. Habe auch richtige Glücksgefühle, morgens beim ersten Blick nach draußen.

Pause. Nein, sagt er noch mal nachdrücklich, er sei nicht vergrämt. Pause. Zögern. Aber es gäbe da eben etwas, das ihn sehr traurig mache. Der Tod seiner beiden ältesten Kinder. Im Abstand von wenigen Jahren. Nikolaus und Louise. Das habe ihn zu einem sehr traurigen Mann gemacht. Sehr sehr traurig. Pause. Wenn er nicht die beiden anderen Kinder hätte, wäre es gar nicht auszuhalten. Und die Tochter seiner Tochter, die Enkelin Lisa ... sie sei ein großer Trost. "Wir versuchen alle, uns aneinander festzuhalten."

Es folgt ein sehr langes Schweigen. Dann kehren wir zurück auf sicheres Terrain. Der Anfang seiner Karriere. Als er als Schauspieler und Regisseur auf namhaften Bühnen stand. Weit entfernt von politischer Aufmüpfigkeit. Ja, sagt er erleichtert, das sei eine lange Geschichte. Also. Die Bühne am Thalia-Theater. Als er sich plötzlich fragt, was machst du hier eigentlich? Sagst Texte von anderen Leuten auf, arbeitest mit Kollegen, die du dir nicht aussuchen kannst. Versaust dir den ganzen Tag. Bleib zu Hause, schreib ein schönes Kinderbuch. Tut es. Sitzt jeden Tag am Schreibtisch, fragt sich, ob er denn wohl bescheuert sei, sich das Leben so schwer zu machen. Geht zurück auf die Bühne. Wird Chefredakteur der Satirezeitschrift "Pardon". Und dann, ja dann, sagt er mit dramatischer Stimme, habe ihn die Münchner Lach- und Schießgesellschaft abgeworben. Politisches Kabarett. Das habe ihm gefallen. Gefalle ihm immer noch. Er habe seinen Lieblingspartner, den besten deutschen Komödianten Jochen Busse. Die Bühne. Ein reines Lustprinzip. Und dann das Allerschönste. Auf Tour gehen. Mit den Kumpels morgens ins Auto steigen. Eine neue Stadt erkunden. Eine Vertraute wiederfinden. Und natürlich sitze er am Sonntagabend zu Hause, sage zu seiner Frau, er würde am liebsten bleiben. Und dann, am Montagmorgen sei er da, dieser Jieper! Klamotten zusammenpacken und raus. On the road. Ach, ein so schönes Leben!

Und dann hat sie uns draußen wieder. Die Stadt. Mit ihrem Lärm. Henning Venske schlägt den Jackenkragen hoch. Und vergräbt Hände und Seele wieder tief in den Taschen.

Heike Gätjen trifft jede Woche Menschen aus Hamburg. Jetzt immer freitags im Lokalteil.

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