Hausbesuch bei einem Rap-Star

Samy Deluxe: Es ist Zeit für ein Update

| Lesedauer: 12 Minuten
Anne Dewitz

Sein neues Album "Dis wo ich herkomm" und sein gleichnamiges Buch sind eine aktuelle Bestandaufnahme. Es geht um seine Familie, seinen Sohn, Deutschland und Rassismus. Samy Deluxe bietet jede Menge Stoff zum Reden.

Hamburg. Vor dem Einfamilienhaus in Sasel parkt ein schwarzer Dodge Nitro. Es ist eine ruhige Siedlung mit rotbraunen Klinkerbauten und grünen Vorgärten. Kleine Vögel zieren Fensterläden. Nicht an diesem Haus, das unbewohnt wirkt. Nur das abgeklappte Küchenfenster weist darauf hin, dass jemand zu Hause ist. An der Klingel steht kein Name. Wer genau hinsieht, erahnt ein verblichenes "deluxe" auf der Fußmatte. Hier lebt Samy Deluxe, einer der erfolgreichsten deutschen Hip-Hop-Künstler. In einer Gegend, die so gar nicht zu einem Rapper zu passen scheint. Aber, um es mit seinen Worten zu sagen, diese Gegend ist dis wo er wohnt.

Noch, denn der Musiker überlegt, wegzuziehen. Dorthin, wo mehr los ist. Doch im Moment hat er zu viel zu tun, um nebenbei auch noch einen Umzug zu organisieren.

Beim zweiten Klingeln öffnet ein großer junger Mann die Tür, hellblaues XL-T-Shirt, weite Basketballshorts, Turnschuhe, eine dunkle Sonnenbrille auf der Nase, das Handy am Ohr. Er winkt herein, sagt, er ruft später noch mal an und legt auf. Im Wohnzimmer steht ein für ihn angefertigtes DJ-Pult. Musik spielt keine. Da sind eine E-Gitarre, ein Laserschwert wie aus "Starwars", Bücher und Platten, an den Wänden hängen Hamburg-Fotos. Es sieht ein bisschen unaufgeräumt aus. In der Küche liegt eine leere Pizzaschachtel. Junggesellenwohnung. Samy Deluxe bringt ein Glas Wasser. Er ist ein aufmerksamer Gastgeber. Die Gartenmöbel stehen in einer Ecke, in der anderen liegt ein zerbrochener Blumentopf. Ein paar Handgriffe und die Möbel sind zum Sitzen zurechtgerückt. Die Terrasse wirkt trotzdem irgendwie unbenutzt.

Kein Wunder, denn der 31-Jährige ist selten zu Hause. Vor zwei Tagen war er noch in Tübingen, der letzten Station ihrer Tour, auf der er und seine Band das neue Album "Dis wo ich herkomm" vorgestellt haben. Das Album, auf dem sich Deluxe neu definiert. Deluxe, der eigentlich Sorge heißt, aber tatsächlich Samy. Nicht Samuel oder Samir, wie es auf einigen Webseiten heißt. Einfach nur Samy mit einem m. Das stellt er gleich zu Beginn seines Buches, das genauso heißt und aussieht wie sein Album, klar.

Es ist ein sehr persönliches Buch, in dem es um seine Heimat geht, das Land, das Deutschland, das er lange Zeit hasste; um seinen Vater, der nie für ihn da war; darum, was es heißt, als dunkelhäutiger Junge in Eppendorf aufzuwachsen, in einer weißen Familie. Es geht um sein Leben, das sich nicht mehr nur um Gras, Graffiti und Geld dreht, sondern um seinen Sohn und darum, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Samy Deluxe bedient keine Klischees mehr. Die Zeit der dicken Goldkette und der dick aufgetragenen Gesten ist vorbei. Kein Gepose mehr vor Privatjets. Dafür die Einsicht, dass man ein Leben nicht auf Konsum aufbauen kann, "außer vielleicht Paris Hilton". In Tübingen wollte er nicht mal "Grüne Brille" als Zugabe spielen, wie es das Publikum wollte. "Ich kann nicht eine Stunde lang Gedanken anregen und dann am Ende die Kifferhymne spielen", sagt er lachend.

Samy Deluxe ist erwachsen geworden, und er hat etwas zu sagen. Mehr als nur "Digga" und "Alda". So würde er nicht mal mit den Jugendlichen reden, mit denen er an Schulen textet und rappt, gegen Vorurteile und für ein stärkeres Selbstbewusstsein. Ehrenamtlich, versteht sich. Er hat mehr zu sagen, als er in seine Songs, die er seit seinem 16. Lebensjahr schreibt, packen kann. Also schrieb er ein Buch.

Er selbst liest am liebsten afroamerikanische Literatur. Er sei kein Intellektueller. "Ich habe nicht mal Abi." Aber klug ist er und warmherzig. Geschichten von Menschen berühren ihn, wie "Roots" von Alex Haleys, der die Geschichte seiner Vorfahren erzählte, beginnend mit Kunta Kinte, der als Sklave aus Afrika verschleppt wurde. Oder "Dreams of my father" von Barack Obama, lange bevor er Präsident wurde. Bücher, in denen es um Herkunft und Identitätssuche geht. Zentrale Fragen auch in Samy Deluxes Leben.

Seine eigenen Wurzeln reichen bis nach Afrika. Sein Vater ist Sudanese. Er verließ die Familie, da war Samy zwei Jahre alt war. Die einzige Kindheitserinnerung, die er an den leiblichen Vater hat, ist der Sonnabendnachmittag, an dem ihm ein fremder Mann an der Wohnungstür eine Frischhaltetüte mit gebrauchten Matchboxautos in die Hand drückte. "Diese lieblose Geste hat mich verletzt", sagt Samy Deluxe. Das war das einzige Mal, dass er noch mal aufkreuzte. Später ging sein Vater zurück in den Sudan. Was aus den angestoßenen Autos geworden sei? Samy Deluxe kann sich nicht erinnern. Vergessen konnte er sie aber auch nie.

Seine Jugend verbringt er mit seiner deutschen Mutter, dem Stiefvater und seiner Schwester in Eppendorf, einer der feineren Gegenden in Hamburg. Viel Geld hat die Familie trotzdem nicht. Mit Illo77 singt er in "Eppendorf": "Als Kinder ham wir sie noch beneidet, denn sie hatten besseres Spielzeug, waren besser gekleidet, hatten später die fetten Räder, gleich mit achtzehn den Lappen ..." In der Schule gilt er als schwierig. Das Abi schmeißt er.

Mit 16 Jahren, auf dem Höhepunkt seiner "Teenager-Rebellion", wie er sagt, fliegt er in den Sudan, um seinen Vater kennenzulernen. Seine Erfahrungen verarbeitet er in dem Song "Vatertag": "Wir waren Vater und Sohn für drei Wochen". Wieder in Deutschland hört er nie wieder was von seinem "Erzeuger".

Er wird noch einmal in den Sudan fliegen. "Ich werde ihm das Lied übersetzen.Wenn er dann nicht heult, weiß ich, dass er ein kalter Mensch ist", sagt Deluxe. Alles sei besser, als mit der Ungewissheit zu leben.

Er spricht über den Vatertag, der ihm nie viel bedeutet hat. Einen Tag vor Himmelfahrt hatte er das Publikum in Tübingen noch gefragt, wer mit Vater aufgewachsen sei. Viele Arme gingen nach oben. Dann sang er "Vatertag". Traurig war er am Vatertag nicht. "Viele Menschen werden an mich gedacht haben", sagt er und lächelt so, dass seine schönen weißen Zähne zum Vorschein kommen. "Vielleicht haben sie gedacht, 'Oh, armer Samy.' Oder sie haben ihre eigene Situation reflektiert."

So, wie er es oft tut. Zum Beispiel darüber, ob er selbst ein guter Vater ist, trotz Familienstands "bald geschieden". Seinem Sohn Elijah würde er gern ein Held sein. Der Achtjährige hat ihm nämlich mal gesagt, er wäre lieber weiß, weil es kaum dunkelhäutige Superhelden gibt. Es ist schwierig, über Rassismus zu sprechen. Besonders in Deutschland. "Das Schwierige daran ist, wenn ich mit Deutschen darüber rede, dann quasi aus der Sicht eines Opfers", sagt Deluxe. "Das Gegenüber fühlt sich dadurch gleich in die Täterrolle gedrängt."

Kein Grund für ihn, nicht darüber zu sprechen. "Mein Sohn hat mich mal gefragt, ob ich mich in der Schule geprügelt habe", sagt Deluxe.

Manchmal, hat er geantwortet, wenn sie ihn als Neger beschimpft haben. Elijah sah ihn an und fragte: "Was ist das?" In seinem Buch steigt er mit diesem versöhnlichen Ausblick aus dem Kapitel "Superheld" aus.

Heute bräuchte es eine Fortsetzung: "Vor drei Wochen wurde Eljiah in der Schule als Neger beschimpft", sagt Deluxe und nimmt einen großen Schluck Apfelsaftschorle.

In der Nachbarschaft leben nicht viele Menschen mit Migrationshintergrund. "Wenn ich nicht berühmt wäre, würden die vielleicht glauben, ich verdiene mein Geld als Drogendealer", sagt Samy Deluxe. "Wie sollte ich sonst in diese Gegend gekommen sein?" Vielleicht denken sie das aber auch nicht, und es spielt sich nur in seinem Kopf ab. "Wenn du einmal mit so einem Komplex aufgewachsen bist, dann bleibt der auch", sagt er. Diese Zerrissenheit, das Gefühl, niemals ganz dazuzugehören. "Wenn sogar die eigene Oma, der Mensch, der dich am meisten liebt, schwarze Leute hasst und deinen Komplex füttert, weil sie versucht, dein Haar glatt zu streicheln, das ist schon komisch."

Sein schwarzes, lockiges Haar fällt ihm über die Schultern. "Ich bin schon vollkommen John Lennon", lacht Deluxe. Der Hippie unter den Gangstarappern. Das war mal anders. Als er bekannt wurde, war deutscher Hip-Hop schwiegermütterlich und mittelständisch. Die Fantas sangen "Die da", als sich Deluxe "doppelt so schnell und doppelt so aggressiv" zu Wort meldete, mit einem klaren Statement: "Ich rappe besser als ihr alle." Da hieß es: "Deluxe ist voll krass." Ein paar Jahre später kam Kool Savas und schraubte das Schimpfwortniveau deutlich höher. Heute gibt es keine Tabus mehr. "Selbst wenn ich meine alten Texte rappen würde, wäre ich noch Öko."

Noch etwas hat sich geändert. Früher hasste er Deutschland. Heute verteilt die Antifa auf seinen Konzerten Flugblätter, weil er in "Dis wo ich herkomm" vom Nationalstolz singt. Er mache Werbung für einen Staat, der Leute abschiebt, für ein Land, in dem Juden vergast wurden.

"Die Kids nehmen das Lied doch gut auf, auch Jugendliche mit Migrationshintergrund, von denen viele auf meinen Konzerten sind, die so viele Gründe hätten, dieses Land zu hassen, das sich selbst nicht liebt", sagt er. Er würde keine Liedzeile revidieren. "Für die guten Seiten kann ich dieses Land mögen, für die schlechten kritisieren." Die Zeiten, als er dachte, er müsse das System bekämpfen, sind vorbei. "Schon lustig, wenn man immer Angst vor den Rechten hatte und nun fürchten muss, dass die Linken vorbeikommen", sagt Deluxe, der zum Bindeglied zwischen Jugend und Politik geworden ist. Werbung für mehr Wahlbeteiligung möchte er trotzdem nicht machen. "Ich dachte immer, der größte Unterschied zwischen Parteien bestehe zwischen Grünen und CDU. Jetzt koalieren sie", sagt er. Das kann er nicht verstehen.

Gerade wurde Deluxe von der Formel 1 gefragt, ob er die Deutsche Nationalhymne am Nürburgring singen würde, für 30 000 Euro. "Auch wenn ich das Geld gut gebrauchen kann, ich kann sie einfach nicht singen." Seine Idee: ein Remix. Dann müsste das Land nur noch auf einen anderen Namen umgetauft werden und eine andere Flagge her, "dann könnten wir wieder stolz auf Deutschland sein", sagt er. Es sei an der Zeit für ein Update.

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