"Ihr bringt uns um mit eurer Toleranz"

Die türkische Autorin Serap Çileli rechnet mit der vermeintlichen Liberalität der Deutschen ab: Sie fordert klare Gesetze gegen Zwangsverheiratung und eine härtere Bestrafung bei Ehrenmord.

Die Deutsch-Türkin Serap Çileli (40) zog 1974 mit ihrer Familie nach Deutschland. Mit 15 Jahren wurde sie in die Türkei verheiratet. Nach sieben Jahren Zwangsehe floh sie nach Deutschland und lebte aus Angst vor der Rache ihrer Eltern monatelang in einem Frauenhaus. In dem Buch "Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre" hat sie ihr Schicksal beschrieben. Seitdem kämpft sie gegen Zwangsverheiratungen und für die Rechte muslimischer Frauen. Sie betreute bisher rund 200 Mädchen und Frauen in Zwangslagen. 2005 wurde Serap Çileli für ihr politisches Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, am 12. Juli erhält sie den Ludwig-Beck-Preis für Zivilcourage 2006. www.serap-cileli.de

JOURNAL: Am 14. Juli findet in Berlin der Integrationsgipfel mit Kanzlerin Merkel und Migrantenorganisationen statt. Was erwarten Sie sich davon?

SERAP ÇILELI: Das Streben der neuen Regierung nach Integration ist sehr lobenswert. Aber es gibt noch viel zu tun, vor allem bei der Aufklärung der Deutsch-Türken über die Menschenrechte und die Gleichberechtigung von Frauen. Dazu müßte mehr in der Schule und durch Sozialarbeiter direkt in den Familien passieren. Ich hoffe, daß die in sich gespaltenen türkisch-islamischen Verbände keine Gegenfront bilden, wie es in der türkischen Presse zu lesen ist. Wir brauchen vor allem einen Mentalitätswandel der türkischen Migranten. Wenn wir das schaffen, gelingt auch die Integration.

JOURNAL: Welchen Mentalitätswandel meinen Sie?

ÇILELI: Die deutsch-türkische Gemeinschaft muß zuerst ihren Sexualkodex klären. Denn bei der Sexualität fängt die Unterdrückung der muslimischen Frauen an. Die Ehre der Männer liegt angeblich in der Vagina dieser Frauen. Ich würde mir wünschen, daß die türkischen Männer ihre Frauen als Individuen betrachten. Daß sie gewährleisten, daß türkische Mädchen ein Selbstwertgefühl entwickeln können. Sie sollten selbst entscheiden, wen sie heiraten möchten.

JOURNAL: Sie fordern, daß die Zwangsverheiratung ein eigener Strafbestand wird. Würde so ein Gesetz türkische Eltern davon abhalten?

ÇILELI: Es würde eine Bremsfunktion übernehmen. Die Familien würden wissen, daß es hier in Deutschland nicht erlaubt ist. Ein wichtiges Signal an die muslimische Gemeinschaft wäre auch, wenn die deutschen Richter, wie dänische Richter kürzlich, einen Ehrenmord mit Sippenhaft bestrafen würden.

JOURNAL: Inwieweit ist die Zwangsverheiratung Normalität unter Türken in Deutschland?

ÇILELI: Sie ist normal in allen Schichten, auch wenn es leider keine bundesweiten Zahlen dazu gibt. Durch meine Arbeit weiß ich, daß die Mehrheit der Migrantinnen traditionell lebt, auch wenn viele nach außen hin integriert in die Gesellschaft wirken. Das Problem liegt in den türkisch-islamischen Erziehungsmethoden.

JOURNAL: . . . die wie ausehen?

ÇILELI: Gewalt ist in der Familie absolut toleriert. Die Töchter werden zu Sklavinnen gezüchtet, mitten in der westlichen Demokratie. Ihr höchster Wert ist ihre Jungfräulichkeit, das Ziel ist, Mutter und Hausfrau zu werden. Die Familien suchen Heiratskandidaten für ihre Töchter aus, aus denen sie einen wählen können.

JOURNAL: Aber die Männer werden dabei doch genauso zwangsverheiratet.

ÇILELI: Die Männer haben aber viel mehr Freiräume. Sie werden mit ihrer türkischen Cousine verheiratet und haben nebenher noch ihre deutsche Freundin. Die Frauen werden hingegen im Haus eingesperrt.

JOURNAL: Ist die Einstellung der deutschen Gesellschaft zu diesen Dingen zu liberal?

ÇILELI: Viel zu liberal und tolerant. Ich sage oft: Eure Toleranz wird uns muslimische Frauen noch umbringen. Dieses naive Toleranzverständnis von vielen politischen Sonntagsrednern schadet uns. Uns türkischen Frauen wäre viel Leid erspart geblieben, wenn man in Deutschland mehr über den Alltag von muslimischen Frauen geredet hätte.

JOURNAL: Wie sollen wir darüber reden, wenn wir keine Einblicke in die türkische Gesellschaft bekommen?

ÇILELI: Daran ist auch die türkische Elite schuld, zum Beispiel die Abgeordnenten, Sozialwissenschaftler und Schriftsteller. Ich sehe sie als Mittäter bei all den Ehrenmorden und Zwangsverheiratungen. Denn sie waren diejenigen, die jahrelang gemeinsam mit den Multikulti-Politikern gesagt haben: Wir haben keine Integrationsprobleme. Auch die Rolle der türkischen Medien darf man nicht unterschätzen. Die arbeiten gegen die Integration. Sie haben Angst, daß sich die Türken in Deutschland zu sehr anpassen.

JOURNAL: Lehnen die hiesigen Türken die deutsche Lebensweise ab?

ÇILELI: Sie halten die Deutschen für unmoralisch und sittenlos. Die Türken haben Angst davor, ihre eigenen Werte und Traditionen durch die Verwestlichung zu verlieren. Ich bekomme immer öfter von jungen deutsch-türkischen Mädchen zu hören, daß sie neben ihrer Mitgift auch ein Jungfräulichkeitszertifikat beilegen müssen. Es gibt Erhebungen darüber, daß jeder zweite türkische Mann in Berlin seine Frau aus der Türkei holt, weil die Türkinnen, die hier geboren wurden, als zu deutsch gelten.

JOURNAL: Ihr Telefonnummer ist geheim. Haben Sie noch Angst vor der Rache Ihrer Eltern?

ÇILELI: Meine Eltern wissen, wo ich wohne, aber wir haben keinen Kontakt mehr. Die Sicherheitsvorkehrungen sind wegen meiner türkischen Landsleute, die mich wegen meiner offenen Meinung angreifen. Ich mußte schon Lesungen unter Polizeischutz halten.

JOURNAL: Vermissen Sie Ihre Eltern?

ÇILELI: Manchmal schon. Aber ich weiß, daß ihnen meine untraditionelle Lebensweise mißfallen würde, vor allem die Erziehung meiner Kinder zu Individuen.

JOURNAL: Sind denn türkische Kinder in der Familie keine Individuen?

ÇILELI: Nein. Ein deutsches Kind kann seine Mutter mit ihrem Vornamen ansprechen, ein türkisches Kind würde das nicht wagen. Ein deutsches Kind sagt: Ich bin ich, es kann sich entfalten. Ein türkisches Kind ist immer das Kind von XY. Man ist immer ein Teil der Familie, die nur existieren kann, wenn der gute Ruf mit allen Mitteln aufrecht erhalten wird.