Warum 400 Meter laufen wehtut

Die 400 Meter in der Leichtathletik sind eine der größten Leistungsanforderungen für einen Spitzensportler. "Die Muskeln", sagt Professor Klaus-Michael Braumann, Dekan des Fachbereichs Sportwissenschaften an der Universität Hamburg, "müssen vom Start bis zum Ziel eine maximale Belastung lange durchhalten. Und das macht ihnen mächtig zu schaffen. Sie werden darüber richtig sauer." 400 Meter - das sind auf dem Niveau der Weltklasse vier Hundert-Meter-Sprints ohne Pause. Rechnet man den Start ab, laufen die schnellsten Männer die vier Teilstrecken unter elf Sekunden, die Frauen unter zwölf. Den Männer-Weltrekord hält Michael Johnson (USA) mit 43,18 Sekunden (1999), die Frauen-Bestmarke stellte 1985 die Rostockerin Marita Koch auf. Ihre 47,60 Sekunden gelten - natürlich - als unerreichbar. "Es gibt keine Sportart, bei der der Körper so sauer wird wie bei den 400 Metern", sagt Sportmediziner Braumann, "klinische Patienten würden einen solchen Zustand nicht überleben." Der austrainierte Sportler hilft sich mit Atmen. Er kompensiert die Übersäuerung, indem er viel Kohlensäure über den Mund abgibt. Deshalb prustet er noch Minuten nach dem Lauf schwer und heftig. Das Allerschlimmste aber, so Braumann, ist: "Die Übersäuerung des Körpers führt zu einer erheblichen Beeinträchtigung der technischen und koordinativen Fähigkeiten." Die Folge: Die Schritte werden kürzer, der Läufer beginnt mit dem Kopf zu wackeln und kann sich manchmal kaum noch von der Stelle bewegen. Hinzu kommt: Die Säure bewirkt einen furchtbaren Schmerz. Viele Topathleten haben deshalb panische Angst vor dieser Strecke. Die Kunst des Trainings besteht darin, den Zeitpunkt der Übersäuerung möglichst weit hinauszuschieben, die Koordination für die Momente maximaler Belastung zu schulen und die Schmerzen zu ertragen lernen. Ingo Schultz kommt dem Idealtyp des 400-m-Läufers sehr nahe: Lang, muskulär, große Schrittlänge. Jeder Tritt weniger spart viel Kraft.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.