Matrosenschule unter Palmen

Kiribati ist ein Inselstaat im Pazifik, 3000 Kilometer von Australien entfernt. Hier, im Marine Training Center in der Südsee, bilden deutsche Reeder Seeleute aus.

Wuuuoop, Wuuuoop, Wuuuoop." Im Takt der Ruderschläge stoßen zehn junge Männer die Luft aus ihren Lungen. Mit kräftigen Schlägen drücken ihre muskulösen Arme das Rettungsboot aus dem Hafenbecken. Langsam schiebt sich der feuerrote Rumpf in die Wellen der Lagune. Die Sonne brennt, und die feuchte Luft hängt trotz der Brise wie eine viel zu warme Decke über dem Wasser. Schweißperlen rollen den Ruderern über die Gesichter.

"Weiter! Eins zwei, eins zwei, eins zwei", kommandiert der Mann in Uniform am Bug. Wie auf einer Strafgaleere. Die Ruderer haben Nummern auf der Brust ihrer schwarzen Hemden. Doch sie sind keine Sträflinge: sie sind die jungen Erfolgreichen der Insel. Schüler der Matrosenschule Marine Training Center (MTC) auf dem Atoll Tarawa der Republik Kiribati mitten im Pazifik. Das Gelände sieht aus wie ein großer Spielplatz: orange und rot gestrichene Boote, eine große Hütte mit Palmdach, Fahnenstangen, grüne und silberne Container auf der Wiese.

Kiribati hieß noch Gilbert Islands und war Teil des britischen Empire, als dort 1967 die ersten Männer zu Matrosen ausgebildet wurden. Die Gründungsidee der Schule war romantisch: Kiribati sind geborene Seeleute, das Wasser ist ihnen vertrauter als der Boden, auf dem sie laufen. Denn segeln die Insulaner nicht seit Jahrtausenden ihre Auslegerkanus über den Ozean, navigieren nach Wolkenformationen, Vogelflug und Sternkonstellationen?

Vor dem Atoll Tarawa dehnt sich bis zum Horizont nur das Meer, unvorstellbare 3000 Kilometer entfernt, irgendwo im Südwesten, liegt Australien. Lang und schmal winden sich die Inseln des Atolls um die Lagune. Auf den Landfetzen weißer Strand und Palmen. Ein Südseeparadies - von oben. Unten dagegen: Halden leerer Coladosen, Bierbüchsen, Chipstüten und Kekspackungen, Friedhöfe aus verrosteten Autowracks. Dazwischen Hütten auf Stelzen, gedeckt mit Palmwedeln oder Wellblech, Gräber gleich neben Brunnen, Käfige voll mit grunzenden Schweinen, alles vernetzt mit eng behängten Wäscheleinen. Für 33 000 Einwohner Tarawas ist ihr Landfleck Wohnraum und Müllkippe zugleich. Am südwestlichen Zipfel der Landkette klebt die Insel Betio mit immerhin 750 Meter Durchmesser. Dort liegt die Matrosenschule, das MTC.

Eneri Inatoa heißt 7938. Seit er am MTC lernt, ist die vierstellige Zahl sein Name. Alles andere ist den Lehrern zu kompliziert. Doch auch die Schüler rufen einander mit ihren Nummern. "Cool!", sagt der 28-jährige Eneri. "Es ist eine riesige Chance." Seine Lebenschance. Er hat als einer von hundert vor einem Jahr die Aufnahmeprüfung bestanden. Wer eine Nummer auf der Brust hat, ist angesehen auf der Insel.

Deutsche Reeder garantieren den Absolventen Arbeit. Nach der zehnmonatigen Ausbildung in der Schule und zwei Monaten Praktikum auf einem Schiff werden sie auf einem ihrer Frachter die Weltmeere befahren. Seit 1970 unterstützt vor allem der South Pacific Marine Service (SPMS), eine private Heuergesellschaft sechs deutscher Reedereien, die international anerkannte Ausbildung der Matrosen. Aus der romantischen Idee ist eine Tradition geworden, die sich rechnet, obwohl die Reise zu den Häfen der Welt teuer ist: Von Tarawa nach Hamburg kostet der Flug rund 2400 Euro. Die Gehälter der Seeleute liegen noch auf ausreichend niedrigem Niveau.

Erschrocken starrt der 22-jährige Rereiti Otiong Kwong, Nummer 7993, auf das Foto eines Aidskranken. "Kondome schützen euch!", ruft die Krankenschwester Tearinimatang Taaia. Sie spricht über Geschlechtskrankheiten, Verhütung, den Körperbau von Frau und Mann. Die jungen Männer sind verlegen. Die Krankenschwester will die künftigen Matrosen, die monatelang von ihren Familien getrennt sein werden, aufklären. Rereiti versteht nicht recht. "Ich werde nicht Seemann, um was zu erleben", stottert er. "Ich will meine Freundin heiraten und meiner Familie helfen."

In Kiribati, dessen Landmasse knapp die Fläche der Stadt Hamburg umfasst, gibt es kaum Jobs. Arbeit bieten der Regierungsapparat, eine japanische Fischereiflotte und die Kopraproduktion, bei der Kokosnüsse zur Ölgewinnung getrocknet werden. Ein Großteil der 96 000 Kiribati lebt von der Selbstversorgung. "Aber nur von Hummer, Fisch und Kokosnussmilch will ich nicht leben", sagt Rereiti. Doch die Schulgebühren sind hoch, die Ärzte kosten. Die Analphabetenrate liegt bei 10, die Säuglingssterblichkeit bei 5,3, die Kindersterblichkeit bei 7,2 Prozent (In Deutschland liegen Säuglings- und Kindersterblichkeit bei 0,5 Prozent). Kiribati ist Dritte Welt.

Wenn Rereiti die Abschlussprüfungen besteht, wird er einer der wenigen Großverdiener im Land sein und der einzige in seiner Familie. Im ersten Berufsjahr wird er 314 Euro im Monat verdienen, das Gehalt steigert sich bis auf 807 Euro. Ein Vermögen im Vergleich zum durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von 870 Euro pro Jahr. Dafür gehorcht Rereiti seit vier Monaten dem Drill der Internatsschule.

"Good morning Sir", grummelt ein verschlafener Chor von Männern im Alter zwischen 18 und 30 Jahren. Breitbeinig und barfüßig stehen sie da, in zehn schnurgeraden Linien hintereinander aufgereiht. Die Blicke gesenkt, die Hände mit gespreizten Fingern vor der Brust gekreuzt. 7:55 Uhr, Morgenparade im MTC. Vier Lehrer schlendern durch die Reihen, prüfen, ob die Fingernägel geschrubbt sind und die Nummernschilder auf Brust und Hosensaum nicht schief hängen. Ein Strafregister kategorisiert jedes Vergehen. Schmutzige Uniform: eine Stunde Mehrarbeit. Gegen einen Baum pinkeln: ein freier Tag gestrichen. 15 Minuten Verspätung vom Wochenendausflug: Schulverweis.

"Erziehung geht über Strafe", erklärt der Schulleiter Klaus Conen, der neben den stämmigen Kiribati schmächtig wirkt und dennoch Autorität ausstrahlt. "Eine Viertelstunde zu spät - und das Schiff ist abgefahren - in jedem Hafen der Welt." Schiff und Schule - das ist hier eins. "Wir müssen Ordnungssinn vermitteln. Wenn einer der Jungs in Singapur auf den Boden spuckt, gibt das richtig Ärger."

Dabei hat der Kapitän auf Großer Fahrt und studierte Pädagoge einiges am strengen Regiment geändert. "Wir können das soziale Umfeld der Jungs nicht ignorieren", erklärt er. "Wenn einer verzweifelt ist, weil seine Frau mit dem Kind zurück zu ihren Eltern gezogen ist, dann lassen wir ihn nach Hause fahren, um den Streit zu schlichten." Das sei besser, als die Probleme mit auf See zu schleppen.

Vor allem hat Klaus Conen den Umgang mit Bier und Schnaps verändert. Bislang gab es absolutes Alkoholverbot. Denn Kiribati-Matrosen haben den Ruf, sich im Zweifelsfall bis zur Ohnmacht zu besaufen. "Aber wie, bitte, sollen die Jungs die Wirkung des Alkohols einzuschätzen, wenn sie nie trinken?", fragt der Schulleiter. Als "Trink-Training" ist am Sonnabend der Barbesuch erlaubt.

Die öligen Kolben des Dieselmotors stampfen rhythmisch auf und ab. Unablässiges Donnern erfüllt die Halle. Die stickige Luft vibriert, selbst die Moskitos hängen wie träge Kletten an den Beinen. Norbert Lindemann, Schiffsingenieur und Ausbilder am MTC, strahlt seine alte Maschine an. "Vielleicht Baujahr 1940", schätzt er. Vieles hier müsste erneuert werden: Schutzanzüge, Atemgeräte, Feuerlöscher. "Aber nicht der alte Motor! Er ist so schön unmodern, da sieht jeder genau, wie es funktioniert."

Viele Schüler waren noch nie auf einem Schiff, zumindest auf keinem aus Stahl. Alles, was mit Metall, Stromkreisläufen oder Motoren zu tun hat, ist neu. "Ich sag immer, einige sind frisch von der Palme gepflückt", erzählt der Ausbilder. Das ist ein Kompliment - er bewundert, was die jungen Männer in einem Jahr lernen: Maschinenbau, Elektrizität, Sicherheitsübungen, Erste Hilfe. Alles, was ein guter Seemann können muss.

"Steuerbord fünf Grad", kommandiert der Ausbilder. Kariti Tekabu, 7994, konzentriert sich. Er soll ein Containerschiff sicher über den Ozean bugsieren. Vorsichtig legt er das Steuerrad um. Unruhig schwankt der grüne Schiffsrumpf, der Frachter dreht nach Backbord. Die Mitschüler kichern: Kariti hat den falschen Kurs eingeschlagen. Noch ist das nur eine Trockenübung, das Schiff vom Laptop an die Wand projiziert. Dennoch zittern Karitis Hände: Kann er bis zur Abschlussprüfung das Schiff sicher in die geforderte Richtung führen? Er atmet auf, als er das Steuer abgeben darf, und verkriecht sich in der hinterste Ecke.

Die Beine zum Schneidersitz verknotet, hockt Takenteata Tenaua auf dem mit Bastmatten ausgelegten Fußboden. Das Wellblechdach donnert wie eine große Trommel, geschlagen von den harten Tropfen eines Tropengusses. Angestrengt lauscht der 44-Jährige der Frauenstimme aus dem rauschenden Transistorradio: "Der Seemann Takenteata Tenaua wird gebeten, sich am Montag um 8 Uhr im SPMS-Büro zu melden." Radio Kiribati ruft die Männer zur Arbeit auf den Weltmeeren.

Takenteata ist seit 23 Jahren Motorenwärter. Meist ist er zwölf Monate oder mehr unterwegs, dann kommt er für einige Zeit zurück auf seine Heimatinsel Abaiang, zwölf Flugminuten oder sechs Bootsstunden von Tarawa entfernt. Am Tag der Abfahrt regnet und stürmt es. Für die Fähre eigentlich kein Problem, doch der weit draußen in der Lagune liegende Katamaran regt sich nicht. Warum? Die Wartenden zucken die Achseln. Wann legt die Fähre ab? Heute? Morgen - oder übermorgen? Vielleicht zu spät. Auch die Jobvermittler des SPMS achten auf Pünktlichkeit.

Wie lange Takenteata Tenaua diesmal zur See fahren wird, weiß er nicht, ebenso wenig, in welchem Hafen er welches Schiff besteigen wird. "Lieber würde ich bei meiner Frau bleiben", flüstert er auf Deutsch. Aber auch er kann auf den Verdienst nicht verzichten.

Stolz bietet er Kokosnussmilch an und keine Cola. Er isst lieber Papaya und Fisch als Salzcracker und Corned Beef. Er liebt seine Insel - aber er weiß, dass die Zukunft seiner Kinder woanders liegt. "Sie sollen eine gute Schulbildung erhalten", sagt er. Auch seine Nichte möchte in der katholischen Oberschule lernen. Familie - das sind in Kiribati auch Onkel, Tanten, Neffen, Großnichten.

"Vielleicht", sagt Takenteata, "besteht auch mein Sohn die Prüfung für die Matrosenschule. Dann wird er zur See fahren und unsere große Familie ernähren. Und ich bleibe im Dorf", lacht er, "trinke Palmwein und fange jeden Tag Hummer."

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