Survival-Experte

Rüdiger Nehberg: Abschied von einem realen Superhelden

Zu seinem 80. Ge­burtstag besuchte das Abendblatt den Überlebenskünstler zu  Hause in Rausdorf.

Zu seinem 80. Ge­burtstag besuchte das Abendblatt den Überlebenskünstler zu Hause in Rausdorf.

Foto: Marcelo Hernandez

Er war Karl May und er war Tausendundeine Nacht. Ein Nachruf von Thomas Frankenfeld auf einen großen Abenteurer und guten Freund.

Hamburg. „Mir läuft die Zeit davon“, hat er in den letzten Jahren oft gesagt. Er spürte, dass seine Kräfte schwanden, ihn trieb die Angst um, er könne sein letztes großes Lebensziel nicht mehr erreichen: Dass der saudische König als Hüter der Heiligen Stätten des Islam die entsetzliche Tradition der Genitalverstümmelung von Mädchen und Frauen ein für alle Mal öffentlich verdammen werde. Es war ihm nicht mehr vergönnt, dies zu erleben. Rüdiger Nehberg ist am 1. April im Alter von 84 Jahren gestorben. Ich hatte das große Glück, seit vielen Jahren sein Freund zu sein. Viele kennen ihn nur als Abenteurer. Aber er war so viel mehr.

Rüdiger gehörte zu jenen überlebensgroßen Persönlichkeiten, deren Ableben unvorstellbar ist, ein geradezu absurder Gedanke. Wer ihm mit offenen Sinnen begegnete, den traf eine Welle an Energie, an Lebenslust und Wärme. Wenn wir uns besuchten, riss er mich stets in eine bärenhafte Umarmung, dass ich um meine Rippen fürchtete. Er war ein Mann mit einem ungeheuer großen Herzen; doch was am meisten verblüffte an diesem realen Superhelden, der die todbringende australische Wüste ebenso ohne jede Ausrüstung durchlief wie den brasilianischen Dschungel mit seinen unzähligen Gefahren, der Ozeane auf einem Baumfloß überquerte – das war seine hohe Empfindsamkeit.

Rüdiger Nehberg kämpfte gegen die Genitalverstümmelung an Mädchen und Frauen

In ihrem Kampf gegen die Genitalverstümmelung an Mädchen und Frauen waren der Menschenrechtler Rüdiger Nehberg und seine kongeniale Frau Annette die ersten, die Beschneidungen an Mädchen in der äthiopischen Afar-Region selber miterleben und filmisch dokumentieren konnten. Mit diesen Aufnahmen führte er den schockierten Männern der Afar vor Augen, zu welch entsetzlichem Verbrechen sie schwiegen. Seitdem ist die Genitalverstümmelung in der Region verboten.

Wenn Rüdiger davon erzählte, wie die Beschneiderinnen mit schartigen Glasscherben und rostigen Rasierklingen den schreienden Kindern zu Leibe rückten, wenn er von ihren Qualen berichtete, dann versagte ihm die Stimme, liefen ihm die Tränen über die Wangen. Es war Mitgefühl, gemischt mit ohnmächtiger Wut darüber, dass dies noch immer Millionen Frauen täglich angetan wird.

Erinnerungen an zahllose Reisen und Abenteuer

Aber wie viele Frauen haben Rüdiger und Annette mit ihrer Organisation Target gerettet! 2006 organisierten sie eine Konferenz in Kairo an der Al-Azhar-Universität, der höchstrangigen Stätte islamischer Gelehrsamkeit. Führende Rechtsgelehrte aus der islamischen Welt verurteilten die Genitalverstümmelung auf Rüdigers Initiative; 2009 bewegte er den prominenten, in Katar lebenden Rechtsgelehrten Yusuf al-Qaradawi zu einer Fatwa, die die Genitalverstümmelung als gegen den Islam gerichtetes „Teufelswerk“ verdammte. Mehr hat wohl niemand in dieser Sache erreicht.

Rüdigers 500 Jahre alte Mühle in Rausdorf vor den Toren Hamburgs war ein Destillat seines Lebens. Unter dem altersdunklen Gebälk und an den Wänden hingen die Erinnerungen an zahllose Reisen und Abenteuer. Wie ein ausgestopfter Alligator oder Pfeil und Bogen der brasilianischen Yanomami-Indianer, die er mit mutigen Initiativen jahrelang vor den Raubzügen skrupelloser Gold­sucher schützen konnte. In einem Terrarium saß eine Rotrücken-Vogelspinne. Und eine ganze Wand war mit seiner exotischen Messersammlung bedeckt. Einige davon habe ich ihm von Reisen mitgebracht. Er revanchierte sich mit einer Yanomami-Jagdausrüstung. Ich weiß bis heute nicht, ob die Pfeilspitzen vergiftet sind oder nur so aussehen.

Nehberg war ein begnadeter Erzähler

Wenn sich die Dunkelheit über die Mühle und das gigantische Seegrundstück senkte, wenn die Dachbalken knackten und im Kamin ein Feuer prasselte, hob Rüdiger an, Geschichten zu erzählen. Er war ein begnadeter Erzähler, er war Karl May und Tausendundeine Nacht in einer Person – mit dem großen Unterschied, dass er alle diese Abenteuer selber erlebt hatte. Meine Frau Bettina, mein Sohn David und ich fuhren gedanklich mit ihm auf dem Blauen Nil, erlebten, wie sein Freund Michael Teichmann von Räubern neben ihm erschossen wurde, saßen mit ihm eine Nacht auf einem Baum mitten im brasilianischen Dschungel und hofften, dass ihn die beiden riesigen Jaguare, die unter dem Baum lagen, nicht bemerken würden.

Anfang 2003 sagte er mir: „Ich gehe auf die 70 zu, ich merke, dass ich schwächer werde. Aber ich möchte noch einmal den Dschungel durchqueren.“ Wir sprachen ausführlich über sein Projekt, und Annette vermochte es schließlich, ihn, den Puristen in Sachen Survival, dazu zu überreden, neben einem Lendenschurz doch wenigstens ein Messer mitzunehmen. Im Juli 2003 ließ er sich von der brasilianischen Armee irgendwo über dem Dschungel abseilen. Aber der Luftstrom des Hubschraubers war so stark, dass Rüdiger in ein Dornengestrüpp geschleudert wurde und sein Messer verlor. Blutüberströmt machte er sich auf den Weg, galt zwischenzeitlich als verschollen und tauchte nach 25 Tagen Hunderte Kilometer entfernt wieder fröhlich auf. So war er.

Ausgefeilte Überlebensfähigkeiten

Wir bewunderten stets die ausgefeilten Überlebensfähigkeiten von „Sir Vival“ – die er noch verfeinerte, indem er mit Elitesoldaten trainierte. Eines Tages sagte Rüdiger – mein heute 19-jähriger Sohn war noch Grundschüler – „Kommt nach Rausdorf, David darf noch zwei Freunde mitbringen. Ich mache einen Überlebenskurs mit euch.“ Wir wussten, welche Ehre dies war. Er lehrte uns an jenem Tag, Dschungelbrücken aus Seilen zu bauen, ein Kanu aus Gras und einer Plastikplane zu fertigen und damit auf dem See zu fahren, Feuer mit Flintsteinen zu machen, sogar Feuer zu spucken und vieles mehr. Als die Nacht kam, saßen wir am Feuer, rösteten Kartoffeln und Rüdiger fing an zu erzählen. Es war ein magischer, ein unvergesslicher Tag.

Vor gut eineinhalb Jahren lud er uns wieder nach Rausdorf ein und machte uns mit dem Plan vertraut, noch einmal den Atlantik auf einem Baumfloß zu überqueren. Das Floß war teilweise fertig. Bettina und ich hatten allergrößte Bedenken – Rüdiger war bereits über 80 und sein Herz war nicht mehr gesund. Er hat dann wohl darauf verzichten müssen.

Großes Vermächtnis

Von Rüdiger Nehberg bleiben weit mehr als wehmütige Erinnerungen. Mitten im brasilianischen Dschungel steht ein Krankenhaus, ein weiteres in der Afar-Region. Sie wurden auf Rüdigers Initiative und mit Spendengeldern errichtet; beide leisten dringend benötigte Hilfe und zeugen von der bedingungslosen Liebe eines ganz großen Mannes zu den Menschen. Sie sind zugleich ein Zeichen der Hoffnung, dass Rüdigers Engagement weit über seinen Tod hinausreichen wird. Seine Frau Annette war viele Jahre seine tatkräftige Partnerin; das Hospital in Äthiopien wurde mithilfe ihres Sohnes Roman errichtet, im brasilianischen Krankenhaus ist ihre Tochter Sophie aktiv. Und doch hinterlässt Rü­diger Nehberg eine nicht zu schließende Lücke. Ich verneige mich vor dir, mein alter Freund. Danke für all die Jahre.