Washington

Als Tourist ins Pentagon: Im Nervenzentrum des US-Militärs

Ein Besuch im pentagon beginnt mit der Registirierung am Empfang

Ein Besuch im pentagon beginnt mit der Registirierung am Empfang

Foto: Tina-Jane Krohn / dpa

Das Pentagon ruht am Ufer des Potomac. Das festungsartige Ministerium funktioniert wie eine Stadt. Mit Schuster und Blumenladen.

Washington.  „Wenn jemand von Ihnen die Toilette allein benutzen möchte, jetzt ist die letzte Chance.“ Die Gruppe kichert, aber Shakeem Serville meint es ernst. Kerzengerade hat sich der junge Matrose in schwarzer Uniform vor zwei Dutzend Touristen aufgebaut. Die Bügelfalte am Halstuch führt direkt unters Kinn, Medaillen schimmern, die Schuhe blitzen.

Die für Besucher vorgeschriebene Eskorte zur Toilette ist erst der Anfang. Wenige Schritte von Servilles Lackschuhen entfernt liegt einer der am strengsten bewachten Orte der Vereinigten Staaten: die Schleuse ins Nervenzentrum des amerikanischen Militärs. Hoch hängen die Sternenbanner, Weißkopfseeadler wachen. Im Sekundentakt piepen Elektroschranken, sobald ein Hausausweis eine der 19 Ampeln auf Grün springen lässt. Goldene Blockschrift: „Welcome to the Pentagon.“

26.000 Menschen arbeiten im Hauptquartier der schlagkräftigsten Streitmacht. Es ist das größte Flachbau-Bürogebäude der Welt: sechs Postleitzahlen, 24 Restaurants, etwa von den Fast-Food-Riesen McDonald’s und Burger King, Post- und Bankfilialen, eine Apotheke, Zahnarzt und Optiker, Geschäfte für Süßigkeiten, Blumen, Schmuck und Koffer, Boutiquen, ein Schuster, eine Zweigstelle der Straßenverkehrsbehörde DMV. Starbucks betreibt im Pentagon vier Filialen, pro Tag werden hier 33.000 Becher Kaffee konsumiert.

Durchdachte Architektur: Jeder Ort des Pentagons ist innerhalb von sieben Gehminuten erreichbar

Neuankömmlinge verlaufen sich in dem fünfeckigen Bau schnell, denn zunächst verwirrt das Netz aus Stockwerken, Ringen und Korridoren. Wer etwa zur Reinigung im Raum 2E1076 will, muss im zweiten Stock auf Außenring E in Korridor 1 nach Raum 076 suchen. Hat man das System begriffen, ist jeder Ort dank des fünfeckigen Grundrisses innerhalb von sieben Gehminuten erreichbar. Besitzer von Elektroscootern sind schneller, müssen diese aber beim DMV anmelden und dürfen nur an vorgeschriebenen Plätzen parken. Falschparker werden abgeschleppt.

„Es ist wie eine kleine Stadt“, sagt Steven Calvery, der die Pentagon Force Protection Agency (PFPA) leitet. Die gut 1300 Mitarbeiter der Sicherheitsbehörde beschreibt er als die Besten der Besten: Gut ein Prozent der Bewerber bekommt einen Posten, der Rest wird abgewiesen.

Wer mit Calvery sprechen will, muss sein Handy in ein kleines Fach vor den codegesicherten Türen schließen. „FOUO“ steht auf Monitoren im Konferenzraum - „For Official Use Only“. Darüber verorten rote Digitaluhren den Rest des Erdballs: Eastern 11:25, Pacific 8:25, Irak 19:25, London 16:25, Tokio 1:25 und Zulu 16:25 - die im US-Militär geläufige Bezeichnung für die koordinierte Weltzeit.

Dass täglich Tausende über die U-Bahn-Station „Pentagon“ und den angrenzenden Busbahnhof von und nach Washington pendeln, macht Calverys Job nicht leichter. Seine Wachleute müssen Angreifer aus der menschlichen Unordnung filtern. Nur das Weiße Haus und das Kapitol würden ebenso streng bewacht, abgeschirmt und ausgeleuchtet. „Wir verstehen, dass wir ein Ziel von Terroristen sind. Wir sind einer der wenigen Orte in den USA, die erfolgreich angegriffen wurden.“

Gedenkstätte für Opfer des Terrorangriffs vom 11. September 2001

Das Trauma sitzt bis heute tief. 184 Menschen starben, als fünf Männer des Terrornetzwerks Al-Kaida am 11. September 2001 um 9.37 Uhr morgens ein Passagierflugzeug ins Pentagon stürzen ließen - mit einer Geschwindigkeit von 850 Stundenkilometern. Die Boeing 757 durchschlug drei Gebäuderinge und zog einen gewaltigen Riss durch den Stahlbeton, eine Fläche von fünf Fußballfeldern wurde zerstört oder beschädigt.

Dreieinhalb Tage dauerte der Kampf gegen die vom Kerosin befeuerten Flammen, der Ruß an einer Außenwand und einem Türgriff wurde bis heute bewusst belassen. „Mit der Attacke versuchten die Terroristen, Angst zu schüren und zu spalten, stattdessen einte sich die Nation wie nie zuvor“, ist auf der schwarzen Tafel in einem Raum des Gedenkens eingraviert. „Diese Terroristen-Bastarde brennen in der Hölle“, hat jemand in das Kondolenzbuch geschrieben.

In der angrenzenden Kapelle, der landesweit einzigen Kirche innerhalb eines Regierungsgebäudes, umschließt die Aura des Religiösen auf beklemmende Weise die Kraft und Macht der Vereinigten Staaten. „Vereint im Gedenken - 11. September 2001“, steht im bunt leuchtenden Bleiglasfenster geschrieben. Darunter der Weißkopfseeadler vor dem Sternenbanner und einem Ölzweig, den in der christlichen Symbolik sonst weiße Tauben als Zeichen des Friedens im Schnabel tragen.

Das 1941 errichtete Pentagon wird zur Festung

Das Fanal 9/11 zwang die Regierung, Terrorabwehr neu zu denken. „Die Mission änderte sich für das gesamte Verteidigungsministerium über Nacht“, sagt Calvery. Plötzlich mussten Monumente, bekannte Denkmäler und Symbole der USA wie die New Yorker Freiheitsstatue geschützt werden. „Wer hätte gedacht, dass wir uns über ein Flugzeug sorgen müssen, das ins Pentagon kracht? Niemand. Niemandem war bewusst, dass das überhaupt im Bereich des Möglichen war.“

Und so wuchs der 1941 fertiggestellte Bau zur Festung heran. Schon am Haupteingang liegt die Sorge vor Attacken bleiern in der Luft. Hinter Straßenabsperrungen, Barrikaden und Kontrollposten ist ein Wachmann an einer Stahlschutzwand postiert, die Maschinenpistole im Anschlag. Wer ihm lang in die Augen sieht, sich vom Gehfluss der Angestellten und Pendler löst oder gar stehenbleibt, macht sich verdächtig. Seit hier im März 2010 John Patrick Bedell das Feuer eröffnete und zwei Sicherheitskräfte verletzte, könnten plötzliche, ruckartige Bewegungen für Besucher tödlich sein.

„Einige Menschen haben Angst, wegen 9/11 und so“, sagt Latricia Prioleau, die im Souvenirladen arbeitet. „Sie haben Angst wegen der Dinge, die in der Vergangenheit passiert sind.“ Ihren Job macht die 32-jährige trotzdem gern. „Pentagon. Schützt dieses Haus“, steht auf dem Kapuzenpullover, als die Afroamerikanerin ihre geflochtenen Zöpfe zur Seite zieht. In ihrem Geschäft verkauft sie kleine Armee-Helme, Tassen und Krawatten mit Pentagon-Logo und passende Baby-Lätzchen.

Schuster Carlos Rojas, der eben einen Lederschuh aufgespannt hat, ist stolz auf seinen besondern Arbeitsplatz. „Einigen sage ich, dass ich im wichtigsten Gebäude der Welt arbeite. Und dann sagen sie „Wow! Das glaube ich Dir nicht.“ Dann zeige ich ihnen meinen Ausweis“, sagt der Bolivianer und hält die Plastikkarte mit seinem Foto in die Höhe. Auf dem Boden, in Regalen und auf der Werkbank stapeln sich Herrenschuhe, kaputte Pumps neben Militärstiefeln.

Und überall: German, German, German. Kaum ein Angestellter, der nicht von Bekannten, Verwandten, einem Besuch oder einer Stationierung in Deutschland berichten kann. Von Kaiserslautern, Heidelberg, Nürnberg, von Gießen und Bremerhaven. Sehr oft sind es gute Erinnerungen.

Im fünfeckigen Innenhof blühen Rosen, Spatzen hüpfen zwischen Parkbänken und Picknicktischen. Die Brutalität des Krieges, die gefallenen Soldaten, die toten Zivilisten in Afghanistan und Pakistan, die Flüchtlinge aus Syrien: Sie sind hier sehr weit weg. Grüne Overalls der Luftwaffe mischen sich mit khakifarbenen Uniformen der Marine; Tarnfarben des Heeres mit zu großen Anzügen der Zivilangestellten.

Selbst Journalisten, die regelmäßig aus dem Pentagon berichten, werden geehrt

Doch die militärische Ruhmeshalle liegt nicht weit. Von den Welt- und Golfkriegen erzählen Dauerausstellungen in den Korridoren, vom Gemetzel in Vietnam, von Fliegerassen, die bei Jagdeinsätzen fünf oder mehr feindliche Flugzeuge abschossen. Vom Fünf-Sterne-General Dwight D. Eisenhower oder dem „vergessenen Sieg“ in Korea. Dem B29-Bomber, mit dem Atombomben über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden, ist hinter einer Vitrine ein Modell gewidmet.

„Ich werde die Mission immer an erste Stelle setzen“, wird aus dem „Krieger-Ethos“ des Heeres zitiert. „Ich werde nie eine Niederlage hinnehmen. Ich werde nie aufgeben. Ich werde nie einen gefallen Kameraden zurücklassen.“ Die Army sei für die ganze Familie da, heißt es. Daneben hängt das Foto einer jungen Frau, die zwischen einer Ehrengarde einen Trauerkranz an einer Gedenkstätte ablegt.

Doch das patriotische Donnerwetter wäre nicht komplett ohne die hauseigene Kunstsammlung, in der die militärische Übermacht USA mit Öl auf Leinwand zum Friedensstifter verklärt wird. In goldener Morgenröte blicken getarnte Kampfeinheiten dem Horizont entgegen, durchschlagen Army Rangers in tiefer Nacht eine Hausmauer, landen die Kampfdrohnen Predator und Reaper in einer Wüste des Nahen Ostens. Das Ölgemälde eines Transportflugzeugs heißt „Engel auf meiner Schulter“.

Selbst Journalisten, die regelmäßig aus dem Pentagon berichten, werden im „Correspondents Corridor“ mit Plaketten geehrt. NBC-Mann Jim Miklaszewski etwa, der hier seit 30 Jahren ein und aus geht, oder CNN-Veteranin Barbara Starr oder Jamie McIntyre von Al Jazeera. In der täglichen Propagandaschlacht wird die Presse direkt eingebettet in den gewaltigen Apparat des Militärs.

Hätten mit heutiger Technik Anschläge von 9/11 verhindert werden können?

Tief unten, hinter weiteren Codes, Stahl und Handy-Schließfächern, wartet John Oneill. In seinem teppichgedämpften Einsatzzentrum voller Bildschirme und Videowände laufen alle Fäden zusammen: Kameras, Zugangs- und Alarmsysteme, der Status aller Fahrstühle und Rolltreppen, der Polizeifunk und die Überwachung des Flugverkehrs, Daten für Sprengstoff, biologische, chemische und nukleare Waffen.

„Wir haben Duschen, Pritschen und Räume zum Schlafen, Notfallrationen zum Essen und Wasser“, erklärt Oneill. Die Luftzufuhr zu dem 1500 Quadratmeter großen Raum lässt sich notfalls umkehren - für den Fall eines Angriffs mit chemischen oder biologischen Kampfstoffen. Oneill: „Damit unsere Leute keine Gasmasken benutzen müssen.“

Über 10 Meter flimmern drei Videowände durch den dunklen, niedrigen Raum. Auf digitalen Grundrissen sind Brandschutztüren, Heiz- und Klimaanlagen, Wasser- und Kühlsysteme für Serverräume angezeigt. Auf einem der Bildschirme zoomt ein Mitarbeiter sich ins Gesicht eines Mannes am Busbahnhof, der in sein Handy tippt. Der ahnt kaum, wie groß sein Antlitz in Farbe auf einer Wand im Pentagonkeller zu sehen ist. Die Auflösung ist erstklassig.

Stummgeschaltet diskutieren daneben TV-Moderatoren über die Nachrichten des Tages. „Wir bekommen viele Informationen durch die Geheimdienste, aber manchmal sind CNN, Fox oder die lokalen Medien die ersten“, sagt der Direktor. Eine Wetterkarte simuliert, wie weit und wohin der Wind Stoffe von Massenvernichtungswaffen im Fall einer Attacke tragen würde. All das wird überlagert von dicken, roten Balken, in denen die Worte „Uncleared Person“ blinken - nicht autorisierte Person. Oneill blickt die Besucher an: „Das seid Ihr.“

Ob der verheerende Terroranschlag von 9/11 mit der heutigen Technik hätte verhindern werden können? „Ja, absolut“, sagt Oneill. „Die Leute glaubten einfach nicht, dass es passieren könnte.“ Neben ihm hängt ein schwarzer Bildschirm, auf dem kleine, grüne Flugzeuge über einer schematischen Landkarte der US-Hauptstadt ticken: Das Kontrollsystem der Flugsicherheitsbehörde FAA. Deren Kopplung mit dem Pentagon ist ein direktes Ergebnis der Terrorattacke von Al-Kaida.

„Einsame Wölfe“ und „aktive schützen“: Die Größte Gefahr kommt aus dem Inneren des Pentagon

„Wenn ein Flugzeug nicht mit dem Tower spricht, die Kommunikation verloren hat, nicht die richtigen Codes übermittelt oder sich nicht angekündigt hat, wechselt es von Grün zu Gelb“, sagt Oneill - und zwar sobald es einen der konzentrische Ringe auf der Karte überquert hat. Der erste liegt in 30, der zweite in 15 Seemeilen Entfernung. Nach diesem zweiten Ring wechselt die Farbe des Fliegers von Orange zu Rot. Mittelpunkt der digitalen Zielscheibe: das Pentagon.

„Rund um die Uhr fliegen Helikopter über uns, sie sind die erste Reaktion und sehen nach, was da los ist.“ Verschlimmert sich die Lage, startet die Luftwaffe. Erteilt der Präsident den Befehl, schießen Kampfflugzeuge auch einen Passagierflieger ab. Die größte Bedrohung aber, sagt Oneill, komme heute direkt aus dem Inneren des Pentagon, von „einsamen Wölfen“ und „aktiven Schützen“.

Auf diese bereitet Jim Marx die Polizeibeamten vor. Flink tänzelt er im hauseigenen Sportzentrum vor Dummy „Bob“ auf und ab, peitscht der Gummipuppe seitlich auf den Kopf, schlägt ihr Kinn nach oben. „Das Wichtigste spielt sich im Kopf ab“, sagt Marx, tippt sich an die Stirn. Auf seinem T-Shirt: „Fit für den Dienst, fit fürs Leben.“

Während Kampfjets Terroristen in Syrien bombardieren, Tausende Soldaten um die Sicherheit in Afghanistan und im Irak ringen, während sie Kuwait und Südkorea bewachen, während weltweit 1,3 Millionen US-Militärs an ihrer Karriere feilen oder sich nach ihren Familien sehnen, verkauft Carol Bull gerade einen Strauß Blumen. Ihren Laden muss sie bald schließen, bald soll ein anderer Blumenhändler einziehen. „Ich kann nicht glauben, dass Du gehst“, sagt eine Kundin in Tarnuniform. Bull: „Es war nicht unsere Idee, wir wollten nicht gehen.“ Als die traurige Nachricht kam, brachten Mitarbeiter ihr Kuchen. „Wir sind hier wirklich eine große Familie.“