Pretoria

Oscar Pistorius - vom Gefängnis direkt in die Luxusvilla

Heute verlässt Oscar Pistorius (Archivbild)
das Gefängnis

Heute verlässt Oscar Pistorius (Archivbild) das Gefängnis

Foto: dpa/Kim Ludbrook

Der frühere Sportstar Oscar Pistorius wird in den Hausarrest entlassen. Freuen kann ihn das jedoch nur bedingt.

Pretoria. Sektkorken werden sicher keine knallen, wenn Oscar Pistorius heute aus dem Hochsicherheitsgefängnis freikommt und in der Luxusvilla seines Onkels in Pretoria eintrifft. Dafür sorgen bereits die Bewährungsauflagen, die dem 28-jährigen Ausnahmesportler ein Alkoholverbot auferlegen. Davon abgesehen hat der „Blade Runner“ auch sonst nicht viel zu feiern: Schließlich ist es durchaus möglich, dass Pistorius bereits in zwei Wochen wieder hinter Gitter kommt: Denn am 3. November wird in Bloemfontein über die von der Staatsanwaltschaft beantragte Berufung verhandelt: Rechtsexperten sehen eine große Chance, dass Pistorius dann nicht nur wegen Totschlags, sondern wegen Mordes an seiner Freundin Reeva Steenkamp verurteilt wird. Darauf stehen in Südafrika mindestens 15 Jahre Haft – und zwar ohne die Möglichkeit, diese teilweise in Hausarrest umzuwandeln.

Pistorius hatte im Februar 2013 seine Freundin Reeva in der Toilette seines Hauses in Pretoria mit vier Schüssen aus seiner Pistole getötet. Er habe sie für einen Einbrecher gehalten, beharrte der Angeklagte vor Gericht. Während die Staatsanwaltschaft davon ausging, dass es sich um einen Mord nach einem Streit handelte.

Nicht ganz zu Unrecht sieht sich Pistorius schon jetzt als Opfer seiner Prominenz und des weltweiten Interesses, das sein live im Fernsehen übertragenes Verfahren ausgelöst hatte. Wäre alles nach gängiger Praxis verlaufen, wäre Pistorius schon vor zwei Monaten bei seinem Onkel Arnold im noblen Stadtteil Waterkloof eingezogen: Denn Südafrikas Strafrecht sieht vor, dass die Haftstrafe eines sich gut führenden Totschlägers nach einem Sechstel der Zeit – in diesem Fall also nach zehn Monaten – in Hausarrest umgewandelt werden kann.

Der Justizminister verhinderteeine frühe Entlassung

Keiner zweifelt daran, dass sich der ohne Schienbeine auf die Welt gekommene Sportler in der Haft gut führte: Auch wenn er im Gefängnis gelegentlich mit seinem Zellennachbarn Radovan Krejčíř Fußball spielte – dieser muss sich wegen schwerster Vorwürfe verantworten und wurde schließlich nach mehrfachen Ausbruchsversuchen in eine unterirdisch gelegene Zelle einer anderen Haftanstalt verlegt. Es gebe keine Hinweise, dass Pistorius in die Machenschaften des tschechischen Gangsterbosses eingeweiht war, teilte die Gefängnisleitung mit.

Dennoch verhinderte der südafrikanische Justizminister Michael Masutha eine frühe Entlassung von Pistorius. Der Bewährungsausschuss habe zu früh über die Umwandlung der Haftstrafe in Hausarrest entschieden, befand der Minister: In Wahrheit wird jedoch genau das in jährlich 15.000 Fällen nicht anders gehandhabt. Minister Masutha stand offensichtlich unter dem Druck der Frauenliga des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses: Die hatte befunden, dass zehn Monate Haft für den Tod eines Menschen zu wenig seien.

Fest steht schon, dass Pistorius seine Therapie fortsetzen und soziale Arbeit verrichten muss: Er selbst, ließ er wissen, würde gern mit behinderten Kindern arbeiten. Wie es mit seiner sportlichen Karriere weitergeht, ist unklar: Zu internationalen Wettkämpfen wird er erst nach Ablauf der fünfjährigen Haft zugelassen. Für den dann 32-jährigen Sprinter könnte das zu spät sein. Ein Mitglied seiner Familie deutete an, Oscar werde sich womöglich dem Golf zuwenden: Mit einem Handicap von 18 sei eine professionelle Golferkarriere nicht ausgeschlossen, hieß es.

Gefasst machen muss sich der frühere Sportstar schließlich aber auch auf manche Geschmacklosigkeit. Ein britisches Versandhaus bietet bereits für Halloween ein „Blade Gunner“-Kostüm an, einschließlich Prothesensocken und einer Plastikpistole. Und in Südafrika haben zwei Scherzbolde die einstige Wohnung des Promis gemietet, in der sie nun rauschende Feste feiern wollen. „Das ist das Haus eines Entertainers“, sagte einer der Mieter vor jener Toilette, in der Reeva Steenkamp im Kugelhagel starb, in eine laufende Kamera.