Indien

Weltgrößter Mangrovenwald vor dem Untergang

Die Insel Mousuni liegt in den Sundarbans, dem größten Mangrovenwald der Welt, an der Grenze zwischen Bangladesch und Indien. Wo sollen die Millionen Bewohner der Gegend hin, wenn der Lebensraum überflutet wird?

Die Insel Mousuni liegt in den Sundarbans, dem größten Mangrovenwald der Welt, an der Grenze zwischen Bangladesch und Indien. Wo sollen die Millionen Bewohner der Gegend hin, wenn der Lebensraum überflutet wird?

Foto: Piyal Adhikary / dpa

Wo sollen die Millionen Bewohner der Gegend hin? Am Montag reist Außenminister Steinmeier zu den Klimaflüchtlingen der Zukunft.

Kolkata. Monsunwinde heulen über die graue, von heftigen Regengüssen heimgesuchte Küste der Insel Mousuni. Der Lehrer Ishaque Ali Khan zeigt auf die Reste seines alten Hauses. Ein paar Ziegelsteine sind noch übrig, schon überwuchert von Moos, und alles ist mit Schlamm bedeckt. Seine Heimat direkt am Indischen Ozean wurde ein Opfer des Meeres.

„Noch vor sechs Jahren standen hier Häuser und Farmen, Gemüse und Getreide“, sagt der 65-Jährige. Fünf verschiedene Dämme errichteten die Bauern, manche aus Erde und Bambusstäben, andere aus gestapelten Betonplatten. Es half nichts - fast das ganze Dorf Baliara mit seinen 200 Häusern ist verschwunden.

Die Insel Mousuni liegt in den Sundarbans, dem größten Mangrovenwald der Welt, an der Grenze zwischen Bangladesch und Indien. Das Gebiet ist wie kaum ein anderes vom Klimawandel betroffen. Stiege der Meeresspiegel um einen Meter an, bliebe von dem Unesco-Weltnaturerbe wahrscheinlich nichts mehr übrig, berichtete der Weltklimarat IPCC. Und in den neuesten IPCC-Statistiken heißt es: Bis Ende des Jahrhunderts wird das Meer um 26 bis 82 Zentimeter steigen.

Damit ist die Lebensgrundlage von 13 Millionen Indern und Bangladeschern bedroht. Am Montag wird Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) zu den Klimaflüchtlingen der Zukunft reisen.

Schon heute ziehen Khan und die anderen Bewohner mit ihren wenigen Habseligkeiten immer weiter landeinwärts. „Das Meer drängt uns zurück“, sagt er. „Wir würden am liebsten ganz weit weg fliehen, aber wir sind arm und haben kein Geld.“

Viele der jungen Menschen auf Mousuni und den Nachbarinseln Sagar, Ghoramara und Jambu Dweep sind geflohen, etwa nach Kolkata (früher Kalkutta); doch viele der Alten bleiben in ihren strohgedeckten Hütten. „Wir rennen nur jedes Mal in die Schutzräume, wenn das Wasser ins Land drängt“, sagt Khan. 175 davon habe die Regierung des Bundesstaates Westbengalen schon gebaut, sagt dessen oberster Katastrophenschützer S. Suresh Kumar.

Sturmfluten, Zyklone und Strömungen nagen an der zerklüfteten Küste. Nur ein paar Wurzeln von Palmen halten den Boden an vielen Orten zusammen. Die 10 000 Quadratkilometer großen Sundarbans liegen im Delta sieben gewaltiger Flüsse wie des Ganges, Padma und Brahmaputra, welche von der anderen Seite bei jedem Monsun gewaltige Wassermassen heranbringen und Landstriche überschwemmen.

Auch die nahe gelegenen Städte seien keineswegs sicher, sagt Ratul Saha, ein Sundarbans-Experte der Umweltstiftung WWF. Kolkata mit seinen 4,5 Millionen Einwohnern etwa könnte im Jahr 2070 die am meisten gefährdete Stadt Asiens werden. „Und Bangladeschs Hauptstadt Dhaka, eine der am dichtesten besiedelten Metropole der Welt, ist auch nicht weit weg“, sagt Saha.

Der indische Umweltschützer und Autor Jayanta Basu meint, die beiden Länder seien nicht ausreichend vorbereitet. „Wenn die Inseln unbewohnbar werden, werden Zehntausende losziehen. In den kommenden Jahren werden wir große Auswanderungswellen aus den Sundarbans erleben, die eine riesige Herausforderung für Indien und Bangladesch darstellen. Eine Krise kommt auf uns zu.“

Früher hätten sie hier Schwammgurken, Chilis und Wassermelonen angebaut, sagt der Erntehelfer Mirza Mukim Beg. „Heute überleben hier nicht einmal die besonders salzresistenten Züchtungen, weil einfach alles zu versalzen ist.“ Das Wasser aus den Süßwasserteichen wird ungenießbar, die Bäume der Betelnussplantagen gehen kaputt, und die Rinder, die Brackwasser trinken, sterben. Der Lebensraum des Bengalischen Tigers in den Sundarbans wird Jahr für Jahr kleiner.

Bauern wie Sheikh Abdul Hannan stellen sich schon darauf ein, dass sie bald kein Grundstück mehr haben werden. „Die Behörden verstärken die Dämme immer wieder, geben uns Sandsäcke und Bambusstöcke, aber die Flut gewinnt immer.“