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MH370: Nach Wrackteil auch Koffer-Reste an Küste gespült

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Seit 16 Monaten fehlt von einer Maschine der Malaysia Airlines jede Spur

Seit 16 Monaten fehlt von einer Maschine der Malaysia Airlines jede Spur

Foto: Richard Wainwright / Pool / dpa

Wrackteil an Küste im Indischen Ozean könnte zum vermissten Flug MH370 gehören. Medien berichten zudem von einem gefundenen Koffer.

Sydney/Peking. Nach dem Fund von Flugzeugwrackteilen an der Küste der zu Frankreich gehörenden Insel La Réunion im Indischen Ozean gehen Experten davon aus, dass es eine Verbindung zur abgestürzten Malaysia-Airlines-Maschine des Fluges MH370 geben könnte. Das Flugzeug mit 239 Menschen an Bord war vor mehr als einem Jahr spurlos verschwunden. Eine aufwendige Suche nach Wrackteilen verlief bislang erfolglos.

Das Wrackteil solle in einer Einrichtung der französischen Rüstungsbehörde DGA untersucht werden, die zum Verteidigungsministerium gehört, berichtete die französische Nachrichtenagentur AFP am Donnerstag unter Berufung auf Justizkreise. Dies solle im Laufe der kommenden Woche geschehen.

Wie die australische Regierung am Donnerstag mitteilte, bestätigen Analysen und Modellrechnungen über den möglichen Absturzort eine mögliche Verbindung. Der Ozeanograf David Griffin sagte dem australischen Rundfunksender ABC, Meeresströmungen und Winde könnten schwimmende Teile Tausende Kilometer weit zur Insel La Réunion vor der Küste Afrikas bringen. Dort war eine große Flügelklappe eines Flugzeugs aufgetaucht.

Australiens Verkehrsminister hält es für eine „realistische Möglichkeit“, dass das angeschwemmte Wrackteil in La Réunion zum verschwundenen Flug MH370 gehört. Der Fund sei eine bedeutende Spur, sagte Warren Truss bei einer Pressekonferenz am Donnerstag. Australien koordiniert die Suche nach dem am 8. März 2014 verschwundenen Flugzeug von Malaysia Airlines im Indischen Ozean.

An dem Wrackteil, das eine Flügelklappe zu sein scheine, sei die aufgedruckte Nummer BB670 gefunden worden, sagte Truss weiter. Das sei keine Serien- oder Registrierungsnummer, aber vielleicht eine Wartungsnummer. Auch diese könne helfen, die Herkunft des Flugzeugteils herzuleiten. Experten untersuchen das Wrackteil derzeit, um herauszubekommen, von welchem Flugzeugtyp es stammt. MH370 war eine Boeing 777.

Biologen untersuchen die Muscheln - Koffer gefunden

Australische Meeresbiologen schauten außerdem, ob die Muscheln auf dem etwa zwei Meter langen Teil dazu passen, dass MH370 mehr als 16 Monate lang im Wasser getrieben haben müsste. Truss warnte allerdings: Selbst wenn die Flügelklappe vom verschwundenen Flugzeug stamme, wisse man noch immer nicht, wo der Rumpf liege. Aber man könne nachvollziehen, ob die Suchmannschaften „ungefähr am richtigen Ort“ unterwegs seien.

Wie die Inselzeitung clicanoo.re berichtet soll an dem Strandabschnitt, wo bereits das Wrackteil gefunden wurde, auch ein Koffer angespült worden sein. Das Gepäckstück weise Rostspuren auf und sei verschlossen, heißt es in dem Bericht.

Ein Journalist der Zeitung veröffentlichte ein Foto auf Twitter, das die zerrissenen Überreste des Koffers zeigen soll. Die Gendarmerie habe das Fundstück mitgenommen, meldete die französische Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Zeugen. „Das Kofferstück war seit gestern dort, aber niemand hat darauf geachtet“, sagte Johnny Bègue, der das Flugzeugwrackteil entdeckt hatte. Die Herkunft des Wrackteils ist nach Angaben der Präfektur noch nicht geklärt.

Ermittler des Flugzeugbauers Boeing arbeiten an der Identifizierung des angespülten Wrackteils. Nach Berichten lokaler Medien war das zwei Meter lange Tragflächenstück an der Küste im Osten der Insel im Indischen Ozean gefunden worden. US-Ermittler wollen auf Fotos ein Merkmal entdeckt haben, das auf eine Boeing 777 hinweise, berichtete der US-Sender CNN. MH370 war eine Boeing 777.

Die Untersuchungen des Teils würden in Australien mit „sehr großem Interesse“ verfolgt, sagte Verkehrsminister Warren im Rundfunk. „Wir müssen uns jetzt wirklich die Größe und Form anschauen und ob irgendwelche Markierungen darauf sind, etwa Nummern von Bauteilen oder Seriennummern“, sagte ein Ministeriumssprecher im Rundfunk. Australien koordiniert die Wracksuche im Ozean.

„Wir haben bislang keine eindeutige Verbindung nachgewiesen zum Flug MH370“, sagte dagegen ein Sprecher der Gendarmerie. Auch die Präfektur der Insel erklärte, das Fundstück sei noch nicht identifiziert. „Keine Hypothese kann ausgeschlossen werden, einschließlich der Herkunft von einer Boeing 777.“

Ozeanforscher stützen Theorie

Australische Meeresforscher stützten die MH370-Theorie. „Wir hatten erwartet, dass 12 bis 18 Monate nach dem Absturz Teile in Madagaskar oder Umgebung auftauchen“, sagte Küsten-Ozeanograph Charitha Pattiaratchi von der Universität Westaustraliens. Er hoffe, dass noch weitere Wrackteile gefunden werden. Der Rumpf des Flugzeugs liege aber wohl auf dem Meeresgrund. Auch Jochen Kämpf von der Flinders-Universität in Adelaide meint, schwimmende Teile könnten den Indischen Ozean durchqueren. In einem Jahr schafften sie dort 6000 Kilometer.

Die Forscher dämpfen aber Erwartungen, vom Fundort eines Treibgut-Stücks Rückschlüsse auf die Absturzstelle ziehen zu können. „Wir wüssten höchstens: Sie ist im östlichen Teil des Ozeans, südlich des Äquators und nicht zu nah an der australischen Küste“, sagte Kämpf. Das sei ungenauer als das 120.000 Quadratkilometer große Gebiet, das mit Hilfe von Satellitensignalen ermittelt wurde. Dort suchen derzeit Schiffe mit Unterwasser- und Sonargeräten. Es ist eine der abgelegendsten Meeresregionen der Welt. Das Wasser ist dort teils 6000 Meter tief.

Das Flugzeug war am 8. März 2014 auf dem Weg von Kuala Lumpur in Südostasien nach Peking vom Radar verschwunden. Das Flugzeug flog nach den Ermittlungen noch sieben Stunden nach dem letzten Radarkontakt Richtung Süden, wie automatische Satellitensignale nahelegten. Ermittler gehen bislang davon aus, dass die Maschine westlich von Australien abstürzte, als das Benzin ausging. Niemand weiß, was an Bord passiert ist. Die Piloten hatten nie Probleme gemeldet oder Alarm geschlagen.

Zwischen dem Fundort und der Position, von der das letzte Signal der Maschine aufgefangen wurde, liegen rund 4000 Kilometer. Schiffe mit Unterwasser- und Sonargeräten suchen seit mehr als einem Jahr in einem riesigen Gebiet des Indischen Ozeans nach dem Wrack. Es ist eine der abgelegendsten Meeresregionen der Welt. Das Wasser ist dort teils 6000 Meter tief. 55.000 Quadratkilometer sind bislang ergebnislos abgesucht worden, wie die australische Koordinationsstelle für die Suche (JACC) mitteilte.

Sanfte Landung auf dem Wasser?

Strömungen und Wind würden Wrackteile vom Suchgebiet zuerst nach Norden tragen, sagte Ozeanograf Griffin bei ABC weiter. Von dort würde alles, was aus dem Wasser ragt, entlang des Äquators nach Westen treiben. „Und La Réunion liegt sehr nah am Äquator.“ Der Luftfahrtforscher Peter Marosszeky von der Universität von New South Wales sagte ABC, die Bestimmung des Wrackteils müsste eigentlich schnell gehen. Jedes Teil trage normalerweise eine sicher befestigte Edelstahlplatte mit Nummern.

Das gefundene Tragflügelteil sehe nicht so aus, als sei es durch eine Explosion vom Rumpf getrennt worden, sagte John Cox, Chef der Luftfahrt-Consultingfirma Safety Operating Systems, dem US-Sender NBC. Sollte das Teil zu der vermissten Boeing gehören, deute dies auf eine „sanfte Landung“ hin, wahrscheinlich auf dem Wasser.

Malaysia Airlines wollte sich an Spekulationen über den Fund zunächst nicht beteiligen. „Im Moment wäre es für die Airline zu früh, über die Herkunft des Objekts zu spekulieren“, teilte Malaysia Airlines in Kuala Lumpur mit. Auch die malaysische Regierung warnte davor, voreilige Schlüsse zu ziehen, ehe es nicht eindeutige Beweise gebe.

Angehörige äußerten sich skeptisch

Die Mehrheit der Passagiere von MH370 stammte aus China. Angehörige äußerten sich skeptisch über den Fund. Viele fürchten, es handele sich nur um ein Gerücht und warten auf eine offizielle Bestätigung. „Es ist so weit weg, wo sie das Teil gefunden haben“, wunderte sich Liu Dongliang, dessen Bruder an Bord der Maschine war. „Die Nachricht kommt nicht von einer offiziellen Quelle, deswegen bezweifle ich, dass es wahr ist“, sagte Liu Dongliang am Donnerstag telefonisch in Peking. „Ich will meinen Bruder zurück.“

Auch Chen Pu, dessen Frau in dem Flugzeug war, sagte: „Es ist wieder ein Gerücht wie so viele Gerüchte davor. Ich glaube es nicht und würde empfehlen, keine Gerüchte zu verbreiten.“ Die Angehörige Mei Ling sagte: „Ich habe das Verbindungsbüro angerufen. Es ist nicht bestätigt, dass es ein Wrackteil von MH370 ist.“ Es würde ihr auch nicht reichen. Sie wolle wissen, wo die Menschen aus dem Flugzeug seien - „nicht nur irgendwelche Teile eines Flugzeuges“, sagte sie.

( dpa )