Adria-Unglücksfähre

Suche nach Vermissten soll Freitag in Italien weitergehen

Die ausgebrannte Fähre „Norman Atlantic“ ist auf dem Weg nach Italien. Am Freitag soll weiter nach Vermissten gesucht werden. Ein führerloses Flüchtlingsschiff steuert zudem auf die italienische Küste zu.

Brindisi. Die Bergung der havarierten Adria-Fähre „Norman Atlantic“ hat am Donnerstagnachmittag begonnen: Ein Schlepper zog das Schiff Richtung der italienischen Hafenstadt Brindisi. Die Aktion, die nahe der albanischen Küste begonnen habe, werde abhängig vom Wetter schätzungsweise 15 Stunden dauern, sagte der Eigentümer der Schlepper-Gesellschaft, Giuseppe Barretta. In Brindisi soll die Fähre nach weiteren Opfern durchsucht werden. Die Aktion hatte sich wegen Sturms und hoher Wellen verzögert.

Bei dem am Sonntagmorgen ausgebrochenen Brand waren mindestens elf Menschen ums Leben gekommen, zwei Seeleute eines Schleppkahns starben durch einen Unfall beim Bergungsversuch. Die Behörden befürchten weitere Todesopfer, da sich auch Flüchtlinge als blinde Passagiere im Schiffsrumpf befanden und viele Passagiere in ihren Kabinen schliefen, als das Feuer ausbrach.

Derweil streiten sich griechische und italienische Behörden über die Zahl der Vermissten. Während ein italienischer Staatsanwalt sagte, es würden bis zu 98 Menschen vermisst, sprachen griechische Behörden von 18. Die italienische Zählung sei voller Dopplungen und Rechtschreibfehler, monierte die griechische Seite.

Der italienischen Küstenwache zufolge wurden 477 Menschen gerettet. Diese Zahl addiert mit der Zahl der Opfer ergibt, dass mindestens 488 Menschen an Bord waren. Die griechischen Behörden hatten mitgeteilt, es seien 474 Menschen auf der Fähre gewesen. Das führte zu Vermutungen auf italienischer Seite, dass auf der Fähre auch eine Zahl nicht-registrierter Flüchtlinge gewesen sei.

„Nennt mich nicht Held“

Der Kapitän Argilio Giacomazzi, der als letzter von Bord gegangen war, kehrte am Donnerstag nach mehrstündigem Verhör durch die Ermittler endlich nach Hause zurück. Vor seinem Haus in der italienischen Hafenstadt La Spezia bat er die wartenden Reporter, ihn allein zu lassen. Er fügte hinzu: „Nennt mich nicht Held. Ich wünschte, ich hätte alle an Bord sicher nach Hause bringen können.“

Gegen Giacomazzi und die italienische Reederei Visemar, die das Schiff verchartert hatte, ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und Herbeiführens einer Havarie. Laut Nachrichtenagentur Ansa erklärte der Kapitän, zunächst – um keine Panik auszulösen – wie vorgesehen die Besatzung alarmiert und dann den Alarm im ganzen Schiff ausgelöst zu haben. Passagiere hatten kritisiert, dass es keinen Alarm auf der Fähre gegeben habe.

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Die Vorwürfe der Passagiere werden derweil immer lauter. „Es war wie in der Hölle, die ganze Zeit Rauch, Rauch, Rauch“, sagte eine Überlebende aus München, Ute Kilger. „Die Crew war nicht anwesend, es gab keinen Ansprechpartner, niemanden, der Informationen hatte, niemanden, der einen beschützt hat.“

Spekuliert wird weiter auch über die Ursache des Feuers, das im Fahrzeugdeck ausbrach. Dort waren laut Zeugen viele Laster mit Olivenöl geparkt. Mutmaßungen, wonach blinde Passagiere sich mit einem Feuer wärmen wollten und so den Brand auslösten, bestätigten die Behörden bisher nicht.

Weiteres Flüchtlingsschiff ohne Besatzung

Auf die Küste Italiens steuert unterdessen ein weiterer Frachter mit Hunderten Flüchtlingen an Bord ohne Besatzung zu. Die Küstenwache habe am Donnerstag einen Rettungseinsatz begonnen, meldete die Nachrichtenagentur Ansa. Nach ersten Informationen sollen etwa 400 Menschen an Bord des Schiffes sein. Der unter der Flagge Sierra Leones fahrende Frachter befinde vor der Küste der süditalienischen Provinzhauptstadt Crotone.

Erst am Vortag waren fast 800 Bootsflüchtlinge auf einem führerlosem Frachter vor Süditalien nur knapp einer Katastrophe entgangen. Das Schiff „Blue Sky M“ mit 768 Migranten an Bord steuerte in der Nacht zum Mittwoch auf die Küste der Region Apulien zu. Nach Medienberichten war der Autopilot an. Ohne die Intervention der Einsatzkräfte wäre der Frachter auf die apulische Küste geprallt, weil das Schiff sich selbst überlassen war, wie ein Sprecher der Küstenwache sagte. Von der Besatzung fehlte jede Spur.

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